Der französische Kurort Evian-les-Bains wirkt derzeit wie ein Hochsicherheitstrakt. Überall Polizeipatrouillen, Strassensperren und Identitätskontrollen. Das schicke Städtchen an der Südseite des Genfersees ist in rote und blaue Sicherheitszonen unterteilt, die eher Besatzungszonen gleichen. Ohne QR-Code ist für Auswärtige, aber auch für die gut 9000 Einwohner kein Durchkommen.
Dagegen nehmen sich die rosa Plakate im Stadtzentrum geradezu diskret aus. Vornehm diskret, mit leichtem Augenzwinkern, besagt ein Spruch zu den bevorstehenden G7-Verhandlungen: «Es wird Debatten geben, aber nicht über unser Wasser.» Man muss gut hinschauen, um zu verstehen: Rechts unten steht auf einer transparenten Flasche in durchsichtigen Lettern: Evian.

Gemeint ist nicht der Kurort Evian-les-Bains, sondern das, was ihn berühmt gemacht hat: das Mineralwasser. 1100 Angestellte füllen es westlich von Evian täglich in 6 Millionen Flaschen ab, exportieren es in 140 Staaten des Planeten. Wobei die hiesigen Einwohner Gratis-Evian haben: Bei der Avenue des Sources, unweit der Seepromenade, fliesst seit Menschengedenken Wasser aus einem Bronzehahn, der von einem Becken mit einem hübschen blaugrünen Jugendstil-Mosaik eingefasst ist. Die Polizeisperren und Kontrollen seien halb so schlimm, sagt ein jovialer Senior beim Flaschenabfüllen. «Die Quelle wird auch noch sprudeln, wenn die hohen Herren des G7 längst wieder weg sind.»
15 Jahre purifiziert
Schliesslich hat die Evian-Quelle Cachat vor wenigen Tagen ihre 200-jährige Existenz begangen. Die Feier fand weiter oben statt, auf einem wunderschönen Hochplateau zwischen See und Alpen. Dieses Quellgebiet, «Impluvium» genannt, misst 35 Quadratkilometer; sein Regen- oder Bergwasser braucht 15 Jahre, um durch alle Gesteinsschichten zu tröpfeln. Wer heute Evian trinkt, trinkt also purifiziertes Regenwasser aus dem Jahr 2011.
Und das ohne Schwermetalle, ohne Pestizide, mit einem neutralen pH-Wert. Evian, ein Tochterunternehmen des französischen Nahrungsmittelriesen Danone mit weiteren Wassermarken wie Volvic oder Badoit, blieb von den jüngsten Mineralwasseraffären seines Konkurrenten Nestlé (Vittel, Perrier) verschont. Aber die Evian-Hydrologen wissen auch, wie schnell das ändern kann. Zum 200. Jahrestag hat Danones Konzernchef Antoine de Saint-Affrique den Landwirten des Hochplateaus 8 Millionen Euro zugesagt, unter anderem für ein neues Biogasverfahren zur Neutralisierung der Nitrate und Kuhfläden.

Für das grösste Problem Evians, die Plastikabfälle der PET-Flaschen, findet allerdings auch Danone keine Lösung. Recycling würde bedeuten, dass der glasklare Quell in gelblich-unreine Flaschen käme. Pourquoi pas? Danone befürchtet allerdings einen Absatzeinbruch – mit ein Beleg, wie sehr die Mineralwasser vom «Packaging» abhängen.
Auf jeden Fall ist der G7-Gipfel für Evian in Sachen Publicity mehr wert als jede Werbekampagne. Für die Stadt genauso wie für das Mineralwasser. Genau trennen lassen sich die beiden «Evian» ohnehin nicht. Das Quellwasser fliesst auch in das hiesige Thermalbad des «Evian Resorts» (530 Angestellte), zu dem auch ein Fünf-Sterne-Hotel, ein Casino, ein Konzertsaal und ein Golfplatz gehören.
Wer bei der Hydrotherapie im Thermalbecken unbeabsichtigt etwas Wasser schlucken sollte, muss nicht klagen: Es war immerhin Evian.





