Management

«Tiefster Wert seit 10 Jahren»: Es steigen weniger Frauen auf

Der Frauenanteil in Schweizer Verwaltungsräten hat sich innert zehn Jahren mehr als verdoppelt. Doch nun ist der Aufstieg gestoppt.

Seit dem 6. Mai sind die neun Verwaltungsräte des Schweizer Börsenbetreibers Six wieder unter sich. Die einzige Frau, die spanische Ökonomin Belén Romana García, die in ihrer Heimat unter anderem in den strategischen Lenkungsgremien der Grossbank Santander und der Zara-Besitzerin Inditex sitzt, wurde im Frühjahr nach ihrem «planmässigen» Rücktritt aus dem Six-Verwaltungsrat durch einen Mann ersetzt.

Der Börsenbetreiber steht mit seinem reinen Männergremium nicht allein da, wie eine neue Auswertung des Headhunters Guido Schilling zum ersten Halbjahr 2026 zeigt. Von den 180 grössten Firmen der Schweiz haben 11 Unternehmen keine einzige Frau im Verwaltungsrat. Zu dieser Gruppe gehören etwa der Spital- und Hotelbetreiber Aevis Victoria, der Aargauer Chemikalienhersteller Dottikon ES von Markus Blocher oder das um Subventionen kämpfende Zentralschweizer Stahlunternehmen Swiss Steel.

Wie Six zählen weitere 15 Unternehmen weniger Frauen im Verwaltungsrat als noch 2025. Anders als Six fallen diese aber nicht gleich auf Null zurück. Einige landen aber unter der eigentlich ab 2026 gesetzlich vorgeschriebenen Marke von 30 Prozent. So etwa die Zürcher Kantonalbank und Julius Bär. Auch der Versicherungskonzern Swiss Life erreicht durch den Anfang Jahr wohl eher überraschend erfolgten Abgang der früheren CSS-Chefin Philomena Colatrella die Vorgaben nicht mehr.

Werden die 30 Prozent nicht erreicht, müssen sich die börsenkotierten Firmen erklären, wieso sie den Wert nicht erreicht haben. So will es das gesetzlich verankerte «Comply or Explain»-Prinzip, das die frühere Justizministerin Simonetta Sommaruga gegen viele Widerstände durchgeboxt hatte. Swiss Life und Co. haben allerdings noch eine behördlich gewährte Schonfrist. Da die Firmen eine allfällige «Erklärung» erst mit dem Vergütungsbericht 2026 abliefern müssen, bleibt ihnen theoretisch bis zum 31. Dezember noch etwas Zeit, ihren Frauenanteil im Verwaltungsrat hochzuschrauben.

Zwei Drittel der von Schilling untersuchten 150 grössten börsenkotierten Firmen sowie 30 der wichtigsten, nicht gelisteten Schweizer Unternehmen erfüllen den von der Politik definierten Richtwert. Über alle 180 Verwaltungsräte hinweg beträgt der Frauenanteil gar 34 Prozent. Er hat sich damit innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Doch zufrieden ist der Headhunter damit trotzdem nicht, denn er beobachtet einen Stillstand. «Der Frauenanteil stagniert. Zum ersten Mal überhaupt.»

Schilling untermauert seine Beobachtungen mit einer Reihe weiterer Zahlen. So beträgt etwa der Frauenanteil bei Neuwahlen in den Verwaltungsrat «nur» noch 37 Prozent, in den Vorjahren lagen die Werte jeweils zwischen 44 und 52 Prozent.

Im ersten Halbjahr 2026 haben insgesamt 44 Frauen wie eben Belén Romana García oder Philomena Colatrella die untersuchten 180 Verwaltungsräte verlassen. Einige gingen, weil ihre Amtszeit ablief, wie etwa Antoinette Hunziker-Ebneter bei der Berner Kantonalbank oder Monika Ribar bei den SBB. Andere schmissen den Bettel aber schon nach einem Jahr hin, wie etwa Yanni von Roy-Jiang beim Automobilzulieferer Autoneum oder Suwannee Ratthayabandith beim Handelskonzern DKSH.

Gleichzeitig sind 55 Frauen im ersten Halbjahr 2026 hinzugekommen. Es bleibt unter dem Strich also ein Nettozuwachs von 11 Frauen. «Das ist der tiefste Wert seit zehn Jahren», sagt Schilling. Der Rekrutierungsexperte stellt denn auch eine gewisse Sättigung fest. Sobald die Vorgaben erreicht seien und der politische Druck nachlasse, würden auch die Bemühungen zurückgefahren. «Das zeigt, wie stark der Wert der Diversität verankert ist: eigentlich gar nicht.»

Der Grund für diese Abkehr bei der Frauenförderung dürfte vielschichtig sein. Erstens greifen Firmenlenker in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gerne auf vertraute Rezepte und bekannte Köpfe zurück, also auch auf die Männer, die sie von früher kennen. Zweitens dürften auch hierzulande die eher frauenfeindlichen Voten aus den USA nicht spurlos an der Wirtschaftswelt vorbeigegangen sein. So zwang etwa Donald Trump Firmen, ihre Diversity-Programme wieder einzustellen, und Facebook-Lenker Mark Zuckerberg rief nach mehr «maskuliner Energie».

Und drittens dürfte die Stagnation auch karrieretechnische Gründe haben. Denn ist die Quote erreicht, dürfen die Verwaltungsräte wieder Männer rekrutieren. Und das tun sie dann auch.

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