Analyse

Selenskis politischer Ziehsohn wagt den Bruch – und legt einen Fehlstart hin

Nach seinem Rauswurf als Verteidigungsminister sucht der 35-Jährige Michajlo Fedorow eine eigene Rolle – doch seine ersten Schritte sorgen selbst bei bisherigen Unterstützern für Ernüchterung.

Michajlo Fedorows Weg war bisher fast ausschliesslich von Erfolg gekrönt. Anfang 2019 holte ihn der künftige Präsident Wolodimir Selenski als Leiter seines digitalen Wahlkampfs ins Team. Im Januar dieses Jahres machte er ihn zum Verteidigungsminister. Mitte Juli musste der 35-Jährige jedoch seinen Posten räumen. Dies hatte vor allem mit einem tiefgehenden Streit mit der letztlich ebenfalls entlassenen Armeeführung zu tun.

Bis dahin hatte Fedorow als letzter enger Vertrauter des Präsidenten aus der Anfangszeit intern massiv an Bedeutung gewonnen. Und zwar so stark, dass er Ende 2025 zu den Schlüsselfiguren gehörte, die den Präsidenten davon überzeugten, sich von seiner umstrittenen rechten Hand und Stabschef Andrij Jermak zu trennen.

Auf eine gewisse Art war der 35-Jährige der politische Ziehsohn Selenskis. Umso schwerer fiel es Fedorow nach seinem faktischen Rauswurf, sich neu zu positionieren.

Vor seiner Entlassung kannte ihn fast die Hälfte der Ukrainer nicht - trotz seiner Verdienste im Digitalministerium. Nach seinem Aus stürmte er quasi über Nacht auf Rang drei bei den aussichtsreichsten Kandidaten einer potenziellen Präsidentenwahl.

Eine Rückkehr des jungen Ministers in das Verteidigungsministerium war von Anfang an unrealistisch. Fedorow wollte jedoch keinen anderen Job im System Selenski übernehmen. Vor der Rückkehr des Parlaments aus der Sommerpause am Dienstag dieser Woche zeichnete sich immer klarer ab, dass Jewgeni Chmara, der damals noch designierte Nachfolger Fedorows, durch die Werchowna Rada locker bestätigt wird.

Während Fedorow bis dahin darauf verzichtete, Selenski zu kritisieren, musste er sich spätestens dann entscheiden, wie es für ihn weitergeht. Das haben auch die Menschen auf den Strassen Kiews und anderer ukrainischer Städte erwartet. Fedorow lobte die Menschen, die für seine Rückkehr demonstrierten, verzichtete allerdings darauf, selbst an den Demos zu erscheinen.

Wenige Tage nach seinem Videoappell an das ukrainische Volk vom Dienstagabend ist nun klar: Der Weg, denn der 35-Jährige für sich gefunden hat, hat sich als politischer Fehlstart erwiesen.

Der Schützling stellt sich gegen den Ziehvater

Grundsätzlich wurde aus dem rund neunminütigen Statement Fedorows zwar klar, dass er nun tatsächlich in Opposition zu seinem politischen «Vater» geht. Auch in dieser Videobotschaft wurde Wolodimir Selenski jedoch nicht direkt angegangen. Seine Andeutungen auf Korruptionsmachenschaften im Verteidigungswesen blieben ebenfalls eher unkonkret.

Viele seiner Unterstützer haderten vor allem mit seinem Versuch, sich vom «alten System», welches sich in der «Führungskrise» befinden soll, klar abgrenzen. Auf Selbstkritik verzichtete Fedorow bei dieser Forderung, Verantwortung für Fehler übernahm er keine. Dabei war er an der Schaffung des Machtsystems von Selenski, zu dem spontante und strategisch kaum begründete Personalentscheidungen seit Tag eins gehören, persönlich beteiligt.

Seine ebenfalls vage Forderung nach Durchführung von Neuwahlen in der Ukraine sorgte letztzlich dafür, dass sich selbst Schlüsselorganisatoren der bisherigen Proteste von ihm abwendeten.

Die am Mittwoch erfolgte Abstimmung im Parlament zu seinem Nachfolger Chmara, einem respektierten ukrainischen Militär, markierte die erste grosse politische Niederlage Fedorows. 312 von insgesamt 334 anwesenden Abgeordneten unterstützten Chmara als Verteidigungsminister – ein für die Rada in der heutigen Form fast unglaublicher Wert.

Bezeichnend war dabei vor allem, dass sich selbst 16 der 17 Vertreter der Partei von Ex-Präsident Petro Poroschenko, dem Erzrivalen Selenskis, für den neuen Verteidigungsminister aussprachen. Das ist ganz klar als deutliches Zeichen gegen seine Wahlforderungen zu werten.

Umstrittene USA-Reise könnte ihn weiter belasten

Die Einstellung zum Thema Wahlen mitten im Krieg ist in der Ukraine ambivalent. Die Mehrheit der Ukrainer lehnt diese zwar weiterhin ab. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach einer grundsätzlichen Erneuerung in den Machtstrukturen.

Wahlen unter Kriegsrecht sind in der Ukraine gesetzlich untersagt. Jenseits der zahlreichen rechtlichen und politischen Fragen halten es viele für unverantwortlich, eine Abstimmung durchzuführen während immer häufiger russische Raketen einschlagen bevor der Luftalarm überhaupt eingeschaltet werden kann. Wie unter solchen Umständen der Urnengang organisiert werden soll, erschliesst sich in der Praxis niemandem.

Michajlo Fedorow schweigt seit der Parlamentsabstimmung vom Mittwoch. Im Hintergrund ist jedoch zu hören, dass er eine Reise in die USA plant. Sein Umfeld behauptet, dass dort keine politischen Treffen geplant seien. Viel mehr möchte Fedorow seine Kontakte zur US-Techbranche nutzen, um auszuloten, was er zur technologischen Entwicklung in diesem Krieg für die Ukraine noch beitragen kann.

Fedorow bewegt sich damit allerdings auf dünnem Eis. Denn Männer im wehrpflichtigen Alter dürfen die Ukraine seit Februar 2022 grundsätzlich nicht verlassen. Eine Dienstfreistellung dürfte für jemanden wie ihn zwar leicht zu bekommen sein. Laut dem gut informierten Abgeordneten Oleksij Hontscharenko wurde sie ihm über eine wohltätige Stiftung jedoch bereits am 18. Juli ausgestellt – nur zwei Tage nachdem Fedorow noch als Interimsminister amtierte. Für gewöhnliche Ukrainer wäre ein solches Tempo kaum denkbar.

Sollten sich Hontscharenkos Angaben bestätigen, könnte das Fedorows politischer Zukunft weiter schaden. Wie stark die Ereignisse dieser Woche seine Umfragewerte belasten, lässt sich noch nicht sagen. Klar ist aber: Sein Start ist missglückt.

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