
Das Anwaltstrio Yaël Hayat, Nicola Meier und Patrick Michod vertritt die Interessen von Jacques und Jessica Moretti. Praktisch im Tagesrhythmus kommen neue Details aus dem Strafverfahren zur Brandkatastrophe von Crans-Montana ans Licht, obwohl die Staatsanwaltschaft allen beteiligten Rechtsvertretern dazu ein Redeverbot erteilt hat. Die Opfer und ihre Angehörigen werden von 74 Anwälten vertreten.
In einem ausführlichen Interview mit der Walliser Zeitung «Le Nouvelliste» kritisieren die Anwälte des Ehepaars Moretti diese Leaks. Sinngemäss monieren sie, dass eine Minderheit der Opferanwälte regelmässig Indiskretionen in den Medien streue, ohne dafür bestraft zu werden. Als Anwälte der Beschuldigten würden sie sich an die Spielregeln halten, mit dem Nachteil, Falschinformationen nicht richtigstellen zu können. Meier sagte, sie hätten kein einziges Element aus dem Strafverfahren geleakt, «obwohl viele Aspekte zugunsten des Ehepaars Moretti ausfallen».
Zur Erinnerung: Die Walliser Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Wirtepaar wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst. In der Silvesternacht starben bei der Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation 41 Menschen, 115 wurden schwer verletzt.
Vor der Anhörung in Sitten beschimpft
Hayat betonte, dass die Besitzer des Le Constellation aktuell beschuldigt und nicht verurteilt sind. Doch interessiere sich derzeit niemand für Fakten, welche das Ehepaar entlasten könnten. «Die Leaks haben nur ein Ziel: die Morettis, die die perfekten Sündenböcke sind, anzuschwärzen und zu zerstören.» Meier ergänzte, eine überwältigende Mehrheit der Polemiken gegen die Morettis könne entkräftet werden. Die Anwälte geisselten auch die «Lynchjustiz», die sie nicht zuletzt als Folge der permanenten Leaks sehen.
So wurde das Ehepaar vor zwei Wochen nach einer Anhörung in Sitten von wütenden Angehörigen angegriffen und als Mörder beschimpft. Die Emotionen dürften nicht in Verleumdungen umschlagen, sagte Hayat. Jacques und Jessica Moretti sind laut ihren Anwälten bereit, sich abseits des öffentlichen Scheinwerferlichts mit Opfern und Opferangehörigen zu treffen. Sie hätten nach dem Vorfall in Sitten, bei dem eine Grenze überschritten worden sei, auch Unterstützungsbekundungen von dieser Seite erhalten.

Laut Hayat leidet das Ehepaar Moretti unter der sozialen Isolation seit der Brandkatastrophe. Sie könnten sich nicht zur Gedenkstätte begeben und auch nicht ihre Angestellten treffen. «Sie wünschen sich, dass sie nach und nach einen Weg aus dieser Ausgrenzung finden und wieder an der Gesellschaft teilhaben können.» Am schlimmsten fänden die Morettis die «Lügen» über sie. Eine medial verbreitete Falschmeldung laute zum Beispiel, Jessica Moretti sei in der Brandnacht mit den Tageseinnahmen aus der Bar geflohen. Dabei sehe man auf Videos, wie sie versuche, Verletzten zu helfen.
Hayat gibt zu bedenken, es gingen elementare Aspekte vergessen. Zum Beispiel, dass es sich bei der Katastrophe, so schlimm sie auch sei, um einen Unfall handle, den niemand gewollt habe.
Morettis Anwälte gehen davon aus, dass das Strafverfahren mindestens fünf Jahre dauern wird. Für die Rechtsvertreter ist klar, dass andere potenzielle Verantwortliche in den Fokus der Justiz rücken könnten. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren bereits auf zwei Angestellte der Gemeinde, den aktuellen und den ehemaligen Sicherheitsverantwortlichen, ausgeweitet. Hayat betonte, die Bar Le Constellation sei unter der Kontrolle der Gemeinde gestanden, über die wiederum der Kanton Wallis die Oberaufsicht ausübe.
Anwalt Patrick Michod verteidigte Jacques Moretti bezüglich der schalldämpfenden Schaumstoffdecke. Sie geriet aufgrund einer Wunderkerze auf der Schulter einer beim Brand verstorbenen Angestellten rasant in Brand. Für Michod verbirgt sich hier eine Schlüsselfrage. Ein Feuerwehrkommandant und zwei Sicherheitsbeauftragte hätten die Bar kontrolliert. Niemand habe gesagt: «Das ist gefährlich.» Wenn diese Personen die Gefahr nicht erkannt hätten, wie könne man denn den Betreiber beschuldigen?


