
Wer glaubt, Kim Kardashian sei berühmt, obwohl sie nichts kann, der dürfte bei Spencer Pratt den Glauben an die Menschheit verlieren. Denn bei ihm trifft das gleich hundertfach zu. 2005 tauchte er in der MTV-Show «The Hills» auf – genau zu dem Zeitpunkt, als der Musiksender immer mehr auf Reality-TV setzte. Und bereits mit Anfang 20 verstand er, wie man für Aufmerksamkeit sorgt: Möglichst laut sein, egal wie lächerlich es ist. Hauptsache, man spricht über ihn.
So kommt es, dass er und Ehefrau Heidi Montag noch heute immer mal wieder in den US-Klatschspalten auftauchen. Beispielsweise, als Heidi sich an einem Tag für zehn Schönheits-OPs unters Messer legte – unter anderem für Brustimplantate der Körbchengrösse F.
Hunderte KI-Bilder und Tiraden gegen «transgender Migranten»
Nun versuchte Pratt, in die Politik einzusteigen: Er wollte Bürgermeister von Los Angeles werden. Mit derselben Strategie und ohne irgendwelche politischen Erfahrungen. Schliesslich gelang das vor ihm auch schon einem anderen Ex-Reality-TV-Star, der stets laut war: Donald Trump. Der US-Präsident unterstützte Pratts Wahlkampf sogar. Und ganz wie sein Vorbild stellte er sich als Heilbringer dar, der gegen die herrschende Elite kämpft.
Pratt führte seinen Wahlkampf praktisch nur in den sozialen Medien. Seine Content-Maschine spuckte fast 100 Posts pro Tag aus – inklusive KI-Bilder, die zeigen, wie LA von Obdachlosen beherrscht wird und die Stadt in Flammen steht.
Apropos: Vor allem die Waldbrände 2025 machte der 43-Jährige zum Mittelpunkt seiner Kampagne. Wie Tausende andere verlor auch er vor einem Jahr sein Haus und gab der Regierung die Schuld. Diese habe versagt und finanziere stattdessen «kostenlose Muschis für transgender Migrantinnen und Migranten».
So scharte er eine bunte Mischung von Unterstützern um sich: enttäuschte Menschen, die ihr Haus verloren hatten, Konservative, «Alpha Männer»-Podcaster und Kapitol-Stürmer.
Die Realität holte ihn ein – trotzdem bekam er erschreckend viele Stimmen
Zeitweise sah es tatsächlich so aus, als hätte Pratt eine Chance – in Umfragen lag er teilweise sogar knapp in Führung. Doch als dann wirklich gewählt wurde, nützte die ganze Aufmerksamkeit wenig. Stadträtin Nithya Raman gewann und wird im November gegen die amtierende Bürgermeisterin Karen Bass antreten.
So ist die Sache mit dem Glauben an die Menschheit immerhin ein bisschen gerettet: Viral zu gehen, reicht glücklicherweise nicht. Und die Online-Welt zeigt längst nicht immer die Realität.

Seinen Unterstützern ist das offenbar egal. Sofort wurden Verschwörungstheorien geschürt, die Demokraten mobilisierten Obdachlose zum Wählen. Und auch Donald Trump bezeichnete die Wahl als «betrügerisch».
Doch das Verrückte ist: Pratt ging nicht komplett unter. Am Ende bekam er immerhin 25,8 % der Stimmen. «Es sollte den Verantwortlichen in Los Angeles zu denken geben, dass rund ein Viertel der Wähler so unzufrieden mit der aktuellen Situation ist, dass sie bereit sind, einen offenkundig absurden Kandidaten zu unterstützen», schrieb Journalist Jim Newton in einer Kolumne für CalMatters.
Auch die Presse spielte dabei eine Rolle. Pratts Wahlkampf sorgte für Schlagzeilen, die seine Online-Kampagne in die echte Welt trugen und seine Reichweite vergrösserten.
Ob Pratt seine politischen Pläne weiterverfolgt, bleibt abzuwarten. In seinem Wahlkampf meinte er, er würde Los Angeles verlassen, wenn er verliere. Bisher reagierte er aber nur mit einem Tweet, in dem er ein Foto einer Ente zeigt – wohl als Anspielung auf seine Konkurrenz als lahme Ente.



