
Die Dankesrede artete zur Verteidigung aus. Am vergangenen Freitag erhielt Wim Wenders den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises für sein Lebenswerk. Vorgängig hatte die Jury den 80-jährigen Regisseur, bekannt für «Paris, Texas» (1984) oder «Der Himmel über Berlin (1987) mit Bruno Ganz, als «Ikone des Weltkinos» gepriesen. Doch als Wenders den Preis entgegennahm, konnte er nicht nur warme Worte sprechen.
Eine Woche davor war in der «Süddeutschen Zeitung» (SZ) ein Text erschienen, in dem sich die Schauspielerin Nastassja Kinski ausführlich zu Wenders’ Film «Falsche Bewegung» (1975) äusserte. Kinski spielte darin ein stummes Mädchen namens Mignon. Eine Szene zeigt Mignon im Bett liegend, nur mit Slip bekleidet, während sich die Hauptfigur Wilhelm, ebenfalls nur in Unterhose, auf Mignon drauflegt – im Glauben, sie sei eine andere Frau. Als Wilhelm den Irrtum bemerkt, ohrfeigt er Mignon, ehe er ihr die Wange und den Mund streichelt.
Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war Kinski 13 Jahre alt. Ihr Leinwandpartner Wilhelm wiederum wurde vom damals 30-jährigen Rüdiger Vogler gespielt. Zu den Dreharbeiten sagt Kinski heute im Gespräch mit der SZ: «Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war.» Seit über zehn Jahren versucht sie deshalb, Wenders dazu zu bringen, die Szene aus dem Film zu schneiden.

Nacktszene «künstlerisch durchaus zwingend»
Der Auftritt in «Falsche Bewegung» war Nastassja Kinskis erste Filmrolle – auf die eine Weltkarriere folgte. Sie drehte mit Francis Ford Coppola, Roman Polański und zwei weitere Male mit Wenders. Die halbnackte Szene in «Falsche Bewegung» dürfte aber auch der Grund sein, weshalb sich der Regisseur Wolfgang Petersen befugt sah, Kinski in der «Tatort»-Folge «Reifezeugnis» (1977) ebenfalls mit entblösstem Oberkörper zu zeigen, damals als 15-Jährige.
Auch gegen diese Szene hat sich Kinski später gewehrt, inzwischen mit Erfolg. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR), der «Reifezeugnis» produziert hatte, verzichtet darauf, die Folge weiter auszustrahlen. Zu weiteren Details der Einigung schweigt sich Kinskis Anwalt aus.
Wim Wenders hingegen blieb stur. 2024, als die SZ schon mal über den Fall berichtete, liess sich der Regisseur mit dem Statement zitieren: Die Szene mit der nackten Nastassja Kinski sei ihm «damals künstlerisch durchaus zwingend» erschienen, «als der junge Regisseur, der ich war». Wenders war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 29 Jahre alt. Heute würde er die Szene «zweifellos» anders drehen, denn sein «Blick auf die Welt» habe sich verändert, «und wir erkennen andere Verantwortlichkeiten». Auf den Wunsch eines Schnitts ging er nicht ein. Derzeit ist «Falsche Bewegung» auf den Streamingdiensten von Amazon und Apple verfügbar.

Die Mutter wusste offenbar nicht Bescheid
Nun kann man sich fragen, wie «künstlerisch zwingend» es war, die 13-jährige Nastassja Kinski nur mit Slip bekleidet zu zeigen. Es ist nicht besonders schwer, sich vorzustellen, dass die Szene auch ohne Nacktheit funktioniert hätte. Etwa so, wie in Peter Handkes Roman «Falsche Bewegung», der dem Film zugrunde liegt, und die fragliche Szene ohne nackte Brust erzählt.
Auch kann man sich fragen, ob man Kinski und ihre Mutter vor dem Dreh nicht über die geplante Nacktszene hätte informieren sollen. Laut Nastassja Kinski ist das nicht geschehen. Den Dreh habe sie mehrmals unterbrechen müssen – sie ging ins Bad und weinte, so die Schauspielerin.
Zuletzt, da der Film längst gedreht ist, kann man sich fragen, ob es nicht angemessen wäre, die fragliche Szene aus dem Film zu schneiden, so wie Kinski es wünscht – zumal der Plot auch ohne aufginge. Diese Frage hat Wenders jetzt, in seiner Dankesrede vom vergangenen Freitag, öffentlich gestellt.
Handelt es sich um einen Präzedenzfall?
Dem «jungen Mann», der er vor 50 Jahren gewesen sei, könne er «keinen Vorwurf machen», sagte Wenders. Schliesslich habe der junge Mann, also er selbst, «einen Film in seiner Zeit gemacht».
Die Frage, die nun im Raum stehe, sei folgende: «Darf man, kann man, soll man vielleicht eine Szene schneiden, wenn es in diesem Fall einer meiner Schauspielerinnen, die ich sehr verehrt habe und verehre, weh tut? Darf man das?» Und, grundsätzlicher: «Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?» Die Frage sei entscheidend, denn kürze er «Falsche Bewegung», schüfe er damit einen «Präzedenzfall», der die ganze Branche beträfe, so Wenders weiter.
Ob das stimmt, ist allerdings fraglich. Es gibt keine Unmengen an bis heute rezipierten Kinofilmen, die Minderjährige nackt zeigen, obwohl diese darum gebeten haben, die entsprechenden Szenen entfernen zu lassen. Wenders’ Aussagen sind wohl weniger Ausdruck einer Angst vor Zensur als Ausdruck eines Künstlercharakters, der die Unversehrtheit des eigenen Kunstwerks höher gewichtet als die psychische Versehrung, die dieses Werk einem Kind antat. Eine Entschuldigung in Richtung Nastassja Kinski hat Wenders bisher nicht formuliert.



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