Davon haben Studierende immer geträumt: von einer Revolte, die zum Sturz eines korrupten und autokratischen Systems führt. Die «Studentska Lista» in Serbien gewann am Wochenende über 50 Prozent der Stimmen. Das Ergebnis war so klar, dass der 14 Jahre regierende Autokrat Aleksandar Vucic seine Niederlage eingestehen musste. Warum gelang in Serbien, was sonst in der Geschichte der Studentenbewegungen meistens scheiterte?
In Novi Sad, der zweitgrössten Stadt des Landes, gab es vor zwei Jahren ein konkretes Ereignis, das die anhaltenden Massenproteste gegen das autokratische und korrupte Regime Vucic provozierte. Dessen Regierung hatte die Renovation des Bahnhofs von Novi Sad als Prestigeobjekt gefeiert. Doch kurz nach der Einweihung stürzte das Vordach ein. 16 Menschen starben. Wie sich rasch herausstellte, wurde gepfuscht. Die für den Bau vorgesehenen Millionen flossen stattdessen in die Taschen von Günstlingen der Macht.
Seither nahm die Wut auf Vucic zu. Der Autokrat hatte mit Mafiamethoden regiert und Schlägertrupps eingesetzt, um Regimegegner einzuschüchtern. Kein Wunder, wurde der Widerstand im Land zu gross.
Frühere Studentenbewegungen wie die 68er waren zu theoriebesoffen, um die realen Gegebenheiten angemessen einzuschätzen. In ihrem weltfremden Weltverbesserungsfuror wollten sie das ganze «System» umkrempeln, statt eine Politiktaktik der kleinen Schritte zu wählen. Sie bekämpften in der Theorie alles Autoritäre, hingen in der Praxis aber Diktatoren wie Mao oder dubiosen Revolutionären wie Che Guevara an.
Frankreich stand 1968 nach Aufständen von Studierenden und Arbeitern vor einem Bürgerkrieg. Auch heute münden dort auffallend viele Proteste in blinder Zerstörung und Chaos. An der Misere des Landes ändern sie damals wie heute kaum etwas.
Anders die Studierenden in Serbien: Sie haben keinen abstrakten Überbau im Kopf, der ihnen den Blick auf die Wirklichkeit verstellt. Im Gegenteil, sie gehen pragmatisch und gewaltfrei vor. Niemand schwingt sich zum charismatischen Studentenführer auf, um einen Egotrip auszuleben. Die serbische Studentenbewegung vermeidet Hierarchien. Sie betont, dass sie keine Machtpositionen beanspruche. Vielmehr sollen geeignete und politisch nicht korrumpierte Fachleute – Bauern, Ärztinnen oder Professoren – im neuen Parlament die Zivilgesellschaft vertreten.
Geduldig diskutiert man innerhalb der Studentska Lista alles basisdemokratisch durch. Man hat sich im Programm auf wenige gemeinsame Ziele geeinigt. Oberste Priorität hat der Wiederaufbau eines demokratischen Serbiens ohne Korruption, Vetternwirtschaft und Einschüchterung. Toxische Themen klammert man bewusst aus. So etwa das Verhältnis zu Russland, von dem man nicht nur auf dem Energiesektor abhängig ist. Vucic stand ganz auf der Seite Putins und imitierte dessen Methoden. Die Studentska Lista hat bis jetzt keine Abkehr von Russland in Aussicht gestellt, positioniert sich aber klar europäisch.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor der serbischen Studierenden ist die äusserst wirksame Verbreitung ihrer Anliegen. Die Bewegung besteht aus Angehörigen der Generation Z und der Millennials. Dennoch wollen diese Digital Natives nicht nur ihre eigenen Blasen über soziale Medien erreichen, sondern auch ältere Generationen mobilisieren, die sich noch über herkömmliche Medien informieren. Die Jungen inszenieren also keine Aufstände gegen die Alten, sondern ziehen mit ihnen am selben Strang. Das hat wesentlich zu ihrer Popularität beigetragen.
Die Studentska Lista schafft es bis jetzt, politisch geeint aufzutreten und sich nicht wie frühere Studentenbewegungen in diverse Flügel und Splittergruppen spalten zu lassen. Jetzt muss sie beweisen, dass sie auch das Regieren versteht und die hohen Erwartungen der Bevölkerung erfüllen kann. Daran ist schon manche Graswurzelbewegung gescheitert, dass sie keine geeigneten Leader hervorbrachte und die Entscheidungsprozesse unklar blieben.
Aber falls der Wandel Serbiens zu einer funktionierenden Demokratie gelingt, könnte die Studentenbewegung zum Vorbild werden für Protestgruppen auch in anderen Ländern. Etwa in Frankreich, wo der Widerstand gegen die Regierung bis jetzt trotz berechtigter Anliegen in unsinniger Gewalt ausartete.


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