Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr: Das Interesse an Büchern und am Lesen wird bei Kindern geweckt, bevor sie selbst Lesekompetenz erworben haben. Wer als Kind nie eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen bekam, liest auch als Erwachsener seltener. Das zeigt eine aktuelle Studie der Universität Basel: Ein Viertel dieser Menschen liest überhaupt keine Bücher. Unter jenen, denen als Kind häufig vorgelesen wurde, sind es dagegen nur 8 Prozent.
Dabei geht es nicht unbedingt darum, möglichst pädagogisch wertvolle Bücher zu erzählen, sondern solche, die Kindern Spass machen. Wir haben dafür ein paar Vorschläge.
«Die fünf Freunde» von Enid Blyton
Die «Fünf Freunde» mögen vielen Erwachsenen aus der Zeit gefallen erscheinen. Manche Verlage stellen ihnen sogar Triggerwarnungen wegen veralteter Rollenbilder voran. Kinder hingegen faszinieren die Abenteuer der fünf: allein auf Inseln zelten, Geheimgänge entdecken und natürlich Verbrechern das Handwerk legen. Zeitlos. Erwachsene mögen vergeblich nach einer zweiten Ebene suchen, denn diese Bücher sind nur für Kinder geschrieben. Und apropos Geschlechterrollen: George, das Mädchen, das ein Junge sein will, ist seiner Zeit voraus. (ras)
Enid Blyton: Fünf Freunde, cbj Verlag, Band 1 bis 21, ca. 160 S.
«Ich und meine Schwester Klara» von Dimiter Inkiow
Klara und ihr Bruder meinen es gut. Und richten trotzdem meistens Chaos an. Sie nehmen ohne elterliche Erlaubnis ihre Hausmäuse in den Italienurlaub mit und wundern sich, wenn eine von einer Natter gefressen wird. Sie imitieren die erwachsenen Verhaltenscodes («Darf ich mal probieren?») und schlagen sich mit dieser rhetorischen Strategie am Wochenmarkt die Bäuche mit Erdbeeren voll.
Dimiter Inkiows Kurzgeschichten zeigen aus der Perspektive eines Kindes, wie es sich anfühlt, seinen Platz in der Erwachsenenwelt zu finden. Die Dialoge des Theaterautors Inkiows sind so auf den Punkt, dass ich 35 Jahre später noch herzlich über die Alltagskomik dieser Geschichten lachen muss – und meine Kinder tun es auch. (jst)
Dimiter Inkiow: «Ich und meine Schwester Klara». Die schönsten Geschwistergeschichten zum Vorlesen. Oetinger Verlag. 176 S. Ab 5 Jahren.
«Willkommen bei der Gurkentruppe» von Leslie Niemöller
Glückliche Erstleser kennen die «Gurkentruppe» bestenfalls schon; es gibt bereits zwei Bände über die sehr divers begabte, ziemlich chaotische Tier-WG. Höchste Zeit also, dort mal anzuklopfen: wie Rosa, das intellektuelle Reh. Echt jetzt, ein Mädchen? Und auch noch eines mit Nagellack an den Hufen? Aber man rauft sich schliesslich zusammen, und die draussen in der wirklichen Welt, mit diesem Buch in den Händen, haben es lustig. Das Beste daran: Man kann beim Vorlesen die Rollen tauschen. Ohne dass es sich anfühlt wie Hausaufgaben. (bk.)
Leslie Niemöller, Liliane Oser: Willkommen bei der Gurkentruppe. Moritz Verlag, 72 S., Ab 6 Jahren.
«Otto und der Schatz von irgendwo» von Peter Stamm
Ein leicht verpeilter kleiner Schlossherr, Waisenkind wie Harry Potter, auf der Spur eines geheimen Klosterschatzes: Darum geht es, in aller Kürze, in Peter Stamms neuem Kinderroman. Raffiniert kredenzt Stamm aus den besten Zutaten von Enid Blyton, Erich Kästner & Co. ein feines Lesemenü und erfindet eine Fantasiewelt, die auf den ersten Blick erfreulich weit vom durchschnittlichen Kinderalltag entfernt ist. Leider, möchte man seufzend hinzufügen. (bk.)
Peter Stamm: Otto und der Schatz von irgendwo. Mit Bildern von Ole Könnecke. Atlantis Verlag, 140 S., Ab 8 Jahren.
«Krabat» von Otfried Preussler
Leider hören viele Eltern zu früh mit dem Vorlesen auf: Dann, wenn ihr Kind sich noch mit wenig spannenden Texten abmüht. Um den Geschichtenhunger zu stillen, braucht es in dieser Phase Bücher wie «Krabat»: einen Klassiker über die Verlockungen der dunklen Künste – erschienen lange vor «Harry Potter», tiefgründig und poetisch erzählt nach einer sorbischen Sage. (bk.)
Otfried Preussler: Krabat. Thienemann Verlag, 272 S., ab 12 Jahren.
«Kleine Maus» von Riikka Jäntti
Die Kleine Maus ist eine finnische Kinderbuchheldin – vielleicht auch ein Kinderbuchheld –, die mit ihrer Mutter die Welt entdeckt. Mal geht es mit dem Zug auf Reisen, mal mit dem Flugzeug. Doch schon ein Zeltplatz wird zur grossen Wiese des Lebens. Liebevoll und detailreich modern gezeichnet, sanft ironisch erzählt. (bez)
Riikka Jäntti, Little Mouse (Kleine Maus) , Croco Verlag, 40 S. Ab 3 Jahren
«Peter Pan» von J. M. Barrie
Wer Piraten, Indianer und Meerjungfrauen in einer Geschichte versammelt, weiss, was Kinder lieben – und denkt beim Schreiben offensichtlich vor allem an sie. «Peter Pan» von J. M. Barrie ist weit über 100 Jahre alt und begeistert noch immer. Denn was könnte schöner sein als eine Insel voller Abenteuer, auf der Kinder fliegen können und niemals erwachsen werden müssen? Die grössten Kinderfantasien und Kinderfreuden sind eben zeitlos. (ras)
J. M. Barrie: «Peter Pan». Klassiker zum Vorlesen, bearbeitet von Sabine Rahn, illustriert von Andrea Offermann, Oetinger, 128 Seiten.










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