Als nach der Tragödie von Crans-Montana viele Kommentatoren über das Image und Selbstbild der Schweiz nachdachten, beeilten sich andere Kommentatoren zu bemerken, diese Beschäftigung sei hysterisch, obsessiv.

Dabei interessiert sich der Mensch für kaum etwas so sehr wie für die eigene Wirkung oder die Wirkung der Gruppe, der er angehört. Eine Banalität, die sich vom Schulhof bis ins Altersheim beobachten lässt.
Ähnliches gilt für die Kunst. Liebend gern porträtieren Künstler sich selbst oder die eigene Umgebung – und warum sollten sie nicht? Solange es nicht in Narzissmus kippt, ist es kaum ein Nachteil, wenn Autorinnen oder Regisseure Bescheid wissen über die Sache, von der sie erzählen.
Es ist daher weder erstaunlich noch ärgerlich, dass sich im Programm der diesjährigen Solothurner Filmtage viele Filme finden, die sich zur Schweiz verhalten. Immerhin gelten die Filmtage als Werkschau des Schweizer Filmschaffens. Und was liegt näher, als dass sich Schweizer Bildspezialisten mit Bildern der Schweiz beschäftigen?
Ein Shootingstar, der tief fiel
Indirekt, dafür umso kraftvoller, fing das mit dem Film an, der die Filmtage am letzten Mittwoch eröffnete: Die Doku «The Narrative» zeichnet das Porträt von Kweku Adoboli – einem Mann, der vor 15 Jahren nicht nur die Schweiz in riesige Aufregung versetzte.
Der damals 31-jährige Ghanaer Adoboli arbeitete zu jener Zeit in London als Trader für die UBS. Um den Profit der Schweizer Bank zu mehren, ging er immer höhere Spekulationsrisiken ein, bis schliesslich ein Verlust von 2,3 Milliarden US-Dollar zu Buche stand.
Die Medien stürzten sich mit Häme auf den Gefallenen, die UBS liess ihn fallen. Obwohl Vorgesetzte von seinem Tun gewusst und es gebilligt hatten, wurde einzig Adoboli verurteilt. Er landete im Gefängnis und wurde nach seiner Freilassung nach Ghana abgeschoben. Oswald Grübel, der die UBS zu jener Zeit geleitet hatte, trat nach dem Skandal ab. Sein Nachfolger Sergio Ermotti fuhr den Bereich Investment zurück.
Bernard Weber und Martin Schilt, die Regisseure von «The Narrative», haben Adoboli während 14 Jahren begleitet und lange Gespräche mit seinen Freunden geführt. Ihr Film zeichnet den Fall nicht grundlegend neu, aber leuchtet seine Nuancen aus. Welche Umstände trieben den jungen Ghanaer in solche Risikobereitschaft? Wie erholt sich ein Mensch von solch medialem Kreuzfeuer?
Entschuldigt wird Adoboli dabei nicht, seine Fehler stehen ausser Frage. Doch die sorgfältigen Regisseure zeigen eindrücklich, wie opportun es fürs Image der UBS war, ihren einstigen Shootingstar derart hart bestrafen zu lassen.
Eine bequem ausgelegte Neutralität
Mit dem gesamtschweizerischen Image beschäftigt sich der Spielfilm «Silent Rebellion» (im Original «À bras-le-corps»). Regisseurin Marie-Elsa Sgualdo erzählt darin die Geschichte der 15-jährigen Emma (Lila Gueneau), die 1943 in einem jurassischen Dorf nahe der Grenze aufwächst.
Regelmässig versuchen jüdische Flüchtlinge, die Grenze zu passieren. Doch die Schweizer Armee schickt sie zurück – in den Tod. Alle wissen Bescheid, niemand tut etwas. «Man muss internationale Interessen mit Moral vereinbaren, vor allem in einem neutralen Land wie unserem», sagt ein junger Journalist (Cyril Metzger). Wie es um seine Moral bestellt ist, zeigt sich wenig später, als er die junge Emma vergewaltigt.
Der elegant gemachte Film stellt solche Heucheleien beiläufig aus. Sie treffen umso härter, als die Debatte um die Balance zwischen Neutralität und Engagement die Schweiz auch heute noch umtreibt. Nachdem Russland die Ukraine angegriffen hatte, zögerte der Bundesrat, sich den Sanktionen gegen Russland anzuschliessen. Die Neutralitätsinitiative der SVP will die Möglichkeit genau solcher Sanktionen verbieten.
Ein Diebstahl, der rückgängig gemacht wird
Auch Regisseur Gregor Brändli zeigt die Schweiz nicht schuldfrei. In seinem Dokfilm «Elephants & Squirrels» spricht die sri-lankische Künstlerin Deneth Piumakshi Veda Arachchige bei Basler Museen vor; sie fordert die Rückgabe von menschlichen Überresten, die die Basler Forscher Paul und Fritz Sarasin vor rund 140 Jahren aus Sri Lanka entwendet hatten.
Doch der Film klingt mit einem leisen Happy-End aus: Vor anderthalb Jahren gelang die Rückgabe. Die Knochen, die über hundert Jahre lang in Basler Archiven verwahrt waren, sind heute zurück in Sri Lanka. Dank des Engagements der Künstlerin, dank der Zusammenarbeit zwischen den Schweizer Museen und der indigenen Gemeinschaft, deren Vorfahren die Sarasins bestohlen hatten.
So zeigt sich auf eine leicht kitschige Art, wie Kunst mehr sein kann als nur hübsche Bildchen – und die künstlerisch erhobene Anklage mehr als nur Öl ins Feuer des Selbstmitleids. In den guten Fällen macht sie das Schwere erzählbar und damit zwar nicht unbedingt leichter verdaulich, aber leichter verständlich.
Die Solothurner Filmtage dauern noch bis am Mittwoch, 28. Januar. «À bras-le-corps» startet am 29. Januar im Kino, «Elephants & Squirrels» und «The Narrative» beide am 12. März.
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