
Berührende Geschichten, prächtige Bilder, drängende Themen: In Solothurn dreht sich die kommenden Tage alles um den Film, denn es sind Filmtage, vom 21. bis 28. Januar. Viele der Beiträge dieser 61. Festivalausgabe fragen nach den Zwischentönen und danach, ob sich bekannte Geschichten nicht auch anders erzählen lassen. Als kleine Orientierungshilfe für das dichte Programm nachfolgend fünf unserer Favoriten.
«À bras-le-corps»: Über die Neutralität im Zweiten Weltkrieg
Wegschauen ist bequem, aber keine Lösung. Das macht dieses Drama von Marie-Elsa Sgualdo klar. Es spielt 1943 in einem Dorf im Schweizer Jura, ganz nah an der Grenze zu Deutschland. Immer wieder werden dort jüdische Flüchtlinge abgewiesen, nachts sind Schüsse zu hören. Doch die Dorfgemeinschaft schaut weg, beruft sich auf die Schweizer Neutralität.
Am meisten an dieser Ignoranz stört sich die 15-jährige Emma (beeindruckend: Lila Gueneau). Während ihr auch persönlich Unrecht angetan wird, verfeinert sich ihr Gerechtigkeitssinn laufend. Sgualdo gelingt so eine packende Emanzipationsgeschichte vor dem Hintergrund eines Themas, das die Schweiz bis heute beschäftigt.
«Blame»: Über den Ursprung der Coronapandemie
Zum Unerträglichsten der Coronapandemie gehörte die Schuldfrage: Wer war verantwortlich und wie konnte es so weit kommen? Eine Fledermaus? Ein Laborleck? Ein künstlich hergestelltes Virus als Biowaffe?
In seinem Dokumentarfilm begleitet Regisseur Christian Frei drei Wissenschaftler, die schon früh vor einer Pandemie warnten, aber kein Gehör fanden. Mehr noch: Nachdem die Pandemie ausgebrochen war, wurden zwei der Forschenden beschuldigt, für den Ausbruch verantwortlich zu sein. Freis Film spürt deshalb auch dem Funktionieren von Verschwörungstheorien nach und liefert mit seiner tastenden, fragenden Art eine angemessene Alternative zu den schrillen Behauptungen, die unsere Gegenwart prägen.
«Kleine Männer»: Über die Nachteile einer geringen Körpergrösse
«Man sagt, wir seien Giftzwerge, Wadenbeisser», sagt Fabian Biasio in einer der ersten Szenen. Mit seinen knapp 166 Zentimetern gehört der Regisseur zu der Gruppe Menschen, von der sein sehr persönlicher Dokfilm handelt: den kleinen Männern.
Es ist kein Geheimnis, dass es kleinere Männer schwerer haben können als grössere; in der Liebe, im Job, im Sport, im Alltag. Aber Biasio macht das Thema anhand von Einzelpersonen einfühlsam konkret. Ein Mann ist seit Jahrzehnten Single. Ein anderer lässt sich in einer Klinik die Beine brechen, um ein paar Zentimeter Körpergrösse dazuzugewinnen. Dabei begegnet der Film seinen Protagonisten so, wie es sich gehört – auf Augenhöhe.

«Qui vit encore»: Über Menschen, die in Gaza alles verloren
Die Bilder der Zerstörung Gazas prasseln pausenlos auf uns ein – und wohl genau deshalb geht Regisseur Nicolas Wadimoff den umgekehrten Weg. Sein Dokumentarfilm lässt neun geflüchtete Palästinenserinnen und Palästinenser in einem maximal minimalistischen Setting auftreten.
In einem leeren, schwarzen Raum zeichnen die Geflüchteten mit weisser Kreide auf den Boden, wo im Gaza-Streifen sie einst lebten. Dazu erzählen sie, was ihnen und ihrer Familie seit dem 7. Oktober 2023 geschah. Ohne Anklage oder Hass, dafür voll Schmerz. Alle haben ihr Zuhause verloren, viele ihre Liebsten. Jeder Bericht ist tief berührend und Wadimoffs Beitrag ein eindrückliches Plädoyer für Humanismus sowie die Kraft des Wortes.
«The Narrative»: Über den Banker, der Milliarden verzockte
Kweku Adoboli, der in London als Trader für die UBS arbeitete, bescherte seiner Bank 2011 einen Handelsverlust von 2,3 Milliarden US-Dollar. Er wurde daraufhin zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, kam 2015 frei und wurde 2018 nach Ghana abgeschoben. Dort lebt er bis heute und verdient sein Geld als Mango-Bauer.
Oft wurde diese Geschichte mit Adoboli als alleinigem Sündenbock erzählt. Die Filmemacher Bernard Schilt und Martin Weber hingegen weichen dieses feste Narrativ auf. Ihr Dokumentarfilm lässt Adoboli, sein Umfeld und Kenner des skurrilen Falls zu Wort kommen. So wird klar, wie opportun es für die UBS war, dass Adoboli derart hart bestraft wurde.

Vollständiges Programm: www.solothurnerfilmtage.ch.
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