Analyse

Wem gehören Sydney Sweeneys Brüste eigentlich?

Die Aufregung um den freizügigen Werbespot von Sweeney zeigt die Doppelmoral von Hollywood. Sexualität ja, aber.

Oops! Sie hat es wieder getan: Eines der grössten Hollywood-Talente, Sydney Sweeney, sorgt für Ärger. Nackt sitzt sie auf einem Basketballkorb, hüllenlos räkelt sie sich auf einem Billardtisch. Sie zeigt sogar ihre Brüste, nur spärlich mit eiförmigen Rugby-Bällen verhüllt. Mit Bildern wie diesen wirbt sie – logisch – für Sport.

Sydney Sweeney, 29 Jahre jung, blond, blauäugig, kurviger Körper. Normschön und selbstbewusst. Locker und lässig im Umgang mit Sexualität und Nacktheit. Sie ist ein Marketing-Talent in eigener Sache und setzt im Werbespot für die Sportwetten-Plattform Novig ihren durchtrainierten Körper ein.

Sex sells, Sweeney bedient die Marktlogik. Das ist vorbildlich, möchte man denken. Sidney als Role Model zeigt Hollywoods Gen Z, wie der Hase läuft. Rührig verkauft sie, was nachgefragt ist.

Das Business Hollywood verkauft Körper

Die Gesichter und Körper von Hollywood-Stars sind deren Kapital. Die amerikanischen Profifussballerinnen Alex Morgan und Kolleginnen werben für Calvin-Klein-Unterwäsche, auch Serena Williams verkaufte  Lingerie. Lindsey Vonn zeigte sich nackt.  Sweeney aber, die schon immer ein Politikum war, bekommt ihr Fett ab. Der Shitstorm war absehbar. Doch weshalb eigentlich?

Die Provokation ähnelt dem letzten Aufreger: Für die Jeans-Marke «American Eagle» veröffentlichte die Schauspielerin letzten Sommer eine Werbung mit dem Slogan «Sidney Sweeney has great Jeans». Reaktionäre Schlaumeier machten daraus ein ideologisches Programm. «Jeans» klinge wie «Genes», Sweeney habe also gute Gene, sie geriet unter Rassismusverdacht.

Bis zur identitätspolitischen Debatte war es nur noch ein kleiner Schritt. Das Ganze landete schliesslich in der Chefetage. Donald Trump meldete sich und bezeichnete die Werbekampagne auf seinem präsidialen Truth-Social-Kanal als «hottest Ad out there».

Damit nicht genug. Kurz später wurde in Erfahrung gebracht, dass die Schauspielerin seit 2024 in Florida als Republikanerin eingetragen ist. Das zeigte das US-Wählerverzeichnis, das öffentlich einsehbar ist.

Ob die Schauspielerin Trump wählte, ist nicht belegt, doch seit ihrem Outing steht sie unter Generalverdacht. Eingemeindet von der MAGA-Bewegung, die sie zur Vorzeige-Amerikanerin erklärt. Sie selbst beteuerte im Rahmen der Promotion ihres neuen Kinofilms, «The Housemaid», dass sie sich politisch nicht vereinnahmen lasse.

Weibliche Solidarität ist «fake»

Die Kritiker von Sweeneys damaliger Jeans-Werbung schäumten. Sie schäumen genauso heute, nach ihrer Sport-Werbung. Ihre Kritiker sind in diesem Fall vor allem Kritikerinnen und kommen aus dem Spitzensport. Die Olympiaschwimmerin Ariarne Titmus und die Sprinterin Amy Hunt werfen ihr vor, Frauen im Sport zu sexualisieren. Denn es ist doch so: Es zählt – in einer idealen Welt – nicht der Körper, sondern die körperliche Leistung.

Recht haben die Stimmen aus der feministischen Ecke. Doch statt Verachtung gebührt der Schauspielerin Anerkennung: Es ist eine Leistung, was Sydney Sweeney gelingt. Sie schafft in Hollywood Nachahmenswertes, und das ohne Rückendeckung von Kolleginnen.

Im Gegenteil sogar. In der Zeitschrift «Vanity Fair» berichtete sie über öffentliche Demütigungen durch eine Produzentin und rechnete mit ihrer Hollywood-Erfahrung ab: «Weibliche Solidarität ist fake. Nichts davon ist wahr. Es ist eine Fassade für all das andere Zeug, das sie hinter dem Rücken aller sagen.»

Was zeichnet Sweenys besondere Qualtitäten denn aus? Die von Feministinnen angefeindete junge Frau besitzt mindestens so viel Talent wie Geschäftssin. Sie hat in kurzer Zeit den Aufstieg von einer Serienfigur in «Euphoria» zu einer gehassten, doch fachlich hochgelobten Schauspielerin geschafft. Auf dem Weg zu Ruhm und immer besseren Rollen sackte sie zwei Emmy-Nominierungen ein und generierte nebenbei ein stattliches Vermögen. Für 2026 wird ihr Wert auf 40 bis 50 Millionen Dollar geschätzt.

Das entspricht Sweeneys Strategie. Sie verdient ihr Geld nicht ausschliesslich mit Filmrollen, sondern diversifiziert clever ihre Marke. Bereits am Anfang ihrer Karriere gründete sie ihre eigene Produktionsfirma. Wenn Ende 2027 die Fortsetzung von «The Housemaid» in die Kinos kommt, «The Housemaid’s Secret», wird ihr Unternehmen daran kräftig mitverdienen.

Ist sie die neue Marilyn Monroe?

Als ehrgeizige Businesswoman baut Sweeney ein Geschäftsmodell auf, das auf mehreren Pfeilern steht: Schauspiel, Produktion, Markenkooperationen und Unternehmensbeteiligungen. So ist sie nicht nur das offizielle Werbegesicht von Novig, dem Unternehmen, für das sie sich ihren jüngsten Ärger einhandelt. Sie ist auch dessen strategische Partnerin und Anteilseignerin der Firma.

Das allerdings bedeutet: Sydney Sweeneys Werbespot, der jetzt in der Luft zerrissen wird, ist kein fremdbestimmter Übergriff. Sie hat selbst entschieden, wie sie ihren Körper und ihre Sexualität kommerziell nutzt. Und hat sie dazu nicht alles Recht?

Das Phänomen Sweeney erinnert an die Karriere von Marilyn Monroe, die Geschichte scheint sich auf unangenehme Weise zu wiederholen. Zwei perfekte Verkörperungen des blonden Sexsymbols, die versuchen, die Macht über sich selbst zu behalten. Sweeney scheint mittlerweile sogar bewusst mit ihrem historischen Verbindung zu spielen. Ihre Outfits wurden mehrfach explizit als Monroe-Hommage wahrgenommen.

Im Gegensatz zu Monroe lebt Sweeney in einer Zeit, in der die Kontrolle über den eigenen Körper wesentlich einfacher ist. Ihr grösster Feind ist allerdings derselbe wie damals: Es ist Hollywoods Doppelmoral, die Frauen ihre Sexualität zwar zugesteht. Doch nur, wenn sie selbst damit nichts verdienen. Das bleibt das Privileg der Männer.

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