
Was ist das denn? Ein nettes amerikanisches Märchen, scheint es. Eines der legendärsten Hollywood-Musicals, lange her (1939), meint man. Judy Garlands Hauptrolle machte den Kinderstar unsterblich, dachte man sich. Und dann kommt das!
«Der Zauberer von Oz» am Schauspielhaus Zürich, inszeniert von Regisseur Bastian Kraft. Er hat vor zwei Jahren «Die kleine Meerjungfrau» mit einem Ensemble aus Dragqueens besetzt und damit den Pfauen erobert. Das Stück ist so erfolgreich, dass es bis auf Weiters im Spielplan steht.
Nach Christian Andersens Märchen nun eine popkulturelle Erzählung aus der Neuen Welt. «Der Zauberer von Oz» ist die Geschichte des Landmädchens Dorothy, eines Heidis auf Amerikanisch, das sein Zuhause durch einen Tornado verliert. Nach der Katastrophe findet es sich in einem fantastischen Land namens Oz wieder. Hier trifft sie auf eine Vogelscheuche, der vermeintlich der Verstand fehlt, einen Löwen, dem angeblich der Mut fehlt, und einen Blechmann, der glaubt, herzlos zu sein. Gemeinsam machen sich die Freunde auf, um den Herrscher dieser Welt zu suchen: den Zauberer von Oz.
Denn einzig der Magier, so sagt man ihr, habe die Macht, Dorothy wieder nach Hause zu bringen und ihren Begleitern das zu schenken, was sie an sich vermissen. Doch in der «Smaragdstadt», dem Sitz des Allmächtigen, entpuppt sich der Gesuchte als mieser, manipulativer Trickser.
Hexen fliegen, Häuser brennen, der Tornado spielt sich selbst
Metro-Goldwyn-Mayer hatte mit der Verfilmung des Kinderbuches von Frank L. Baum einen Longseller geschaffen. Und Hollywood hatte mit Judy Garland – später die Mutter von Liza Minnelli – eine Kinderdarstellerin, die mit ihren 16 Jahren am Set den Traum einer ganzen Generation träumte. So weit, so bekannt.
In Zürich ist die Story ein irres, visuelles und kluges Spektakel. Halb ist es Bühnencomic, halb Budenzauber, der die Herstellung seiner Effekte offenlegt. Böse Hexen (Lena Schwarz, ausser sich) fliegen durch die Luft, gute Hexen (Yvon Jansen, gefasst) fuchteln mit ihrem Zauberstab. Häuser brennen. Und aus wenig mehr als Licht, Windmaschinen und unserer Fantasie erstehen Tyrannen.

Bastian Krafts «Zauberer von Oz» ist eine Entzauberung der Legende von Oz. Denn wenig an seiner Handlung ist harmlos, und gar nichts ist nett an seinem LSD-Trip, der ganz dem Theater und seinen Mitteln der Illusion gehört. «Nichts ist hier echt, und doch ist alles wahr», sagt eine Figur. Und genau so ist es. Einbildung ist alles, und nichts ist so mächtig wie sie. Die politische Implikation ist aktuell.
Sechs Spielerinnen und Spieler in zwanzig Rollen – Markus Scheumann als Zauberer ist zum Küssen – fegen im Verwandlungsrausch über die Bühne, sodass man bisweilen glaubt, den Verstand zu verlieren.
Kraft inszeniert fünf bis sechs einander überlagernde Erzählstränge. Da ist das Märchen von Dorothys Reise und Selbstermächtigung. Dann befinden wir uns am Set des Films, wo als Bonusmaterial auch die dramatische Geschichte der Produktion erzählt wird: Beim Dreh verletzten sich Darsteller an pyrotechnischen Effekten. Oder man verwendete aus Unwissenheit Flocken aus reinem Asbest als «Schnee».
Auch die Situation von «Hexen» heute kommt zur Sprache, ebenso wie die Bedeutung des Stücks für die queere Community. Der Zürcher Autor Kay Matter denkt zudem Dorothys Ende in die Gegenwart weiter.

Judy Garland: Mit Drogen zugedröhnt
Im Mittelpunkt des Netzes aus Bezügen, Lesarten und Anekdoten aber steht unverrückbar und gross Judy Garland. Sie blickt als Erwachsene (Birgit Walter) auf ihr jüngeres Filmselbst (David Rothe) zurück und erzählt – in einer Haltung der Überlegenheit – von Erniedrigungen bei der Arbeit ebenso wie vom Konsum von Aufputschmitteln und Beruhigungsitteln, die man ihr aufnötigte, um sie fit zu machen.
Nicht unsterblicher, sondern sozusagen sterblicher war Garland durch diese Rolle geworden. Mit Dorothy wurde sie medikamentenabhängig. Erst 47 Jahre alt, wachte sie nach einer unbeabsichtigten Überdosis an Schlafmitteln nicht mehr auf.
Man muss mit klarem Kopf und etwas Vorwissen in der Vorstellung sitzen, um uneingeschränkt Spass an der Reise ins dunkle Herz einer Traummaschine zu haben. So vielstimmig klug und multiperspektivisch der Abend auch ist, so dicht schrammt er bisweilen an der Grenze zur inhaltlichen Überforderung. Doch gute Unterhaltung wäre wichtiger als erfolgreiche Belehrung. «Der Zauberer von Oz» kann beides, jedenfalls meistens.
Schauspielhaus Zürich, nächste Vorstellung 1.11. 15 Uhr, mit englischen Untertiteln

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