
Es hat geknallt. Im grössten und historisch bedeutendsten Sprechtheater der Schweiz geht der Verwaltungsrat die Zukunft offensiv an. Man ist sich der Zuschauerkrise bewusst und holt Frauenpower an Bord. Eine Frau von ausserhalb, eine aus der nächsten Nachbarschaft sogar.
Ab November sitzt in der Geschäftsleitung nebst Pinar Karabulut und Rafael Sanchez die Kulturmanagerin Sabine Turner vom Opernhaus Zürich. Gleichberechtigt und verantwortlich für sämtliche öffentlichkeitsrelevanten Bereiche wie Kommunikation, Marketing und Verkauf, Fundraising sowie Gastronomie.
Frauenpower als Rettungsring
Die Personalie stammt vom Schauspielhaus selbst, man hatte sie ohne grosses Aufsehen verbreitet. Doch zwischen den schmalen Zeilen steckt eine gepfefferte Aussage: Das Haus will mehr Erfolg sehen und bessere Zahlen vorweisen. Ausschliesslich deshalb baut man die gewachsene Leitungsstruktur um.
Sabine Turner übernimmt eine eigens für sie geschaffene neue Stelle als geschäftsführende Direktorin. Mit Folgen: Das Intendantenduo wird entmachtet – und damit, so die Hoffnung, in ihrer künstlerischen Arbeit besser unterstützt.
Die versierte und für ihre Netzwerke bekannte Kulturmanagerin soll verhindern, was in der Vergangenheit geschah. Hilflos anmutende Stellungnahmen der Pfauen-Leitung zum Publikumsschwund. Naiv formulierte Begründungsversuche, wie solche, dass man «die Stadt umarmen» wolle, doch dass nun eben diese Stadt nicht erkenne, wie liebenswert und bedeutend man doch eigentlich sei. Vergrämt reagierte das Publikum.
Die Kritik am Schauspielhaus Zürich machte indes nicht an der Landesgrenze halt. Erst kürzlich hatte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» für das grösste Schweizer Theater eine Auslastung von falschen 17 Prozent kolportiert.
Schlechte Presse bis nach Deutschland
Der Irrläufer war ein Zeichen, dass in Zürich Handlungsbedarf auf verschiedenen Ebenen besteht. Denn ob ein Haus gute oder schlechte Presse hat, ist auch Stimmungssache. Das Urteil entscheidet sich nicht allein auf der Bühne und im Zuschauerraum.
Dort aber lassen sich im Fall von Zürich die Fakten nicht mehr schönreden: In der nun neun Monate währenden Intendanz von Karabulut/Sanchez ist die Auslastung auf schmächtige 48 Prozent abgemagert.
Für die Zukunft ist das ein schlechtes Omen. Ihr Interims-Vorgänger Ulrich Khuon legte 62 Prozent vor. Dessen Vorgänger wiederum, Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg erreichten im Schatten von Covid immerhin 53 Prozent Auslastung - und mussten Zürich auf Wunsch des Verwaltungsrates trotzdem verlassen. Das Haus stand beim Abgang der Beiden vor dem Konkurs.
Die Kunst verliert das letzte Wort
Der jüngste Verwaltungsratsentscheid ist eine starke Ansage, wenn auch umstritten. Er setzt weiterhin auf das Team Karabulut/Sanchez, will aber eine Neuausrichtung. So macht er Schluss mit dem Primat der Kunst, das an diesem Haus gegolten hat.
Der Hauptvorteil einer geschäftsführenden Direktion liegt darin, dass künstlerische und betriebswirtschaftliche Führung getrennt, aber koordiniert werden. Das wird nicht ohne Zwist gehen, Kompetenzkonflikte zwischen Geld und Geist sind vorprogrammiert. Wenn unterm Strich ein künstlerisch hochstehendes und finanziell stabiles Haus resultiert, ist der Preis dafür vertretbar.


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