Schweizer Popgeschichte

«Teddybär» wird 50: Wie Polo Hofer mit Sex, Reggae und Mundart die Schweiz veränderte

Vor 50 Jahren traf Rumpelstilz mit einem Liebeslied den Zeitgeist der 1970er-Jahre – und verhalf so dem Mundartrock zum Durchbruch.
Rumpelstilz, 1976: Hanery Amman, Polo Hofer, Milan Popovich, Schifer Schafer und Kurt Güdel (von links).
Bild: zvg

«U we de i dr Stimmig bisch, nimme Di ufe Schoss,
We mer es französischs Müntschi gisch, de geits erscht richtig los.
Nimm z'Kama Sutra abem Büechergstell, s'isch um z'probiere z'tüe, 
De hei mer s'zäme bummsfidel bis spät am Morge früe».

Vor 50 Jahren befand sich die Schweizer Gesellschaft in einer Phase des Wandels zwischen traditionellen Werten und neuen gesellschaftlichen Leitbildern. Die Frauenbewegung, das wachsende Umweltbewusstsein, veränderte Lebensstile und neue Moralvorstellungen stellten bestehende Rollenbilder und Autoritäten zunehmend infrage. Diese Veränderungen führten zu Konflikten zwischen den Generationen, die Ende der 1960er-Jahre ausbrachen und bis weit in die 1970er-Jahre anhielten.

In dieser Phase wurde der Song «Teddybär» von Rumpelstilz veröffentlicht, der perfekt zum Lebensgefühl der Hippie- und WG-Generation der 1970er-Jahre passte, aus der die Berner Mundartband um Polo Hofer und Hanery Amman hervorging. Die Oberländer Band war eine ziemlich chaotische, basisdemokratisch organisierte Hippie-Truppe, in der Freiheit, alternative Lebensformen und sexuelle Offenheit selbstverständlich waren. «Teddybär» spiegelt genau dieses Milieu wider: Unverkrampfter Umgang mit Sexualität und ein Augenzwinkern in Richtung sexueller Befreiung.

Rumpelstoff: Kama Sutra (Zytglogge/Phonag)
Bild: -
Rumpelstoff: Stefan Künzli, Levi Bo und Marc Gerber (von links)
Bild: Ueli Frey

Der erste Schweizer Song über Oral-Sex

Die berühmten Zeilen mit dem Kama Sutra und dem «französischen Müntschi» bedeuteten 1976 ein Tabubruch. Noch nie hatte ein Schweizer Popsong sexuelle Fantasien so unverblümt zum Thema gemacht. Noch nie wurde Oral-Sex thematisiert. Das altindische Liebeshandbuch war bis dahin nur wenigen ein Begriff. Im heissen Sommer 1976 wurde der Kama Sutra wegen Rumpelstilz zu einem Massenphänomen und Gesprächsthema auf den Pausenhöfen, wo Schülerinnen und Schüler kichernd über abenteuerliche Sexualstellungen spekulierten.

Die Schweizer Gesellschaft war damals noch sehr konservativ. Umso erstaunlicher ist, dass sich gegen das Lied kaum Widerstand regte. Allein die Erwähnung von «Kama Sutra» und dem «französischen Müntschi» in einem Schweizer Hit war überraschend und gewagt. Dass der Song kaum öffentliche Empörung auslöste, deutet darauf hin, wie stark sich die gesellschaftlichen Moralvorstellungen Mitte der 1970er-Jahre bereits gewandelt hatten.

Aber auch, wie raffiniert und geschickt Polo Hofer seine Textzeilen wählte. Vordergründig ist es eine liebevolle Ballade, tatsächlich steckt aber viel Zeitgeist der 1970er-Jahre darin, charmant und witzig erzählt. Er will «summe» und «brumme» – als lebendiger Teddybär. Die sexuelle Dimension schwingt mit, bleibt aber subtil verschleiert und erhält durch den Teddybären eine beinahe kindliche Unschuld.

Er sei oft auf das «französische Müntschi» angesprochen worden, sagte Polo Hofer in Sam Mumenthalers «Oral History» über Polo. Er habe sich dann jeweils aus der Affäre gezogen, indem er es mit dem «Berner Müntschi» verglich. Das Wort habe halt gerade die richtige Silbenzahl gehabt.

Ein Männerbild, das sich vom Rock'n'Roll-Macho abhebt

Bemerkenswert ist auch die Rolle des Mannes. «I wett i wär / Mit Dir elei als dy Teddybär»: Der Mann, der hier von seinen Fantasien erzählt, ist nicht der aktive Verführer. Vielmehr überlässt er der Frau die Initiative. Lass mich dein Teddybär sein und du kannst machen mit mir, was du willst und dir gefällt. Der Erzähler gibt sich der Angebeteten hin und möchte für diese Frau immer verfügbar sein.

Der Song kehrt das traditionelle Geschlechterbild um und entwirft eine Männerfigur, die sich bewusst vom klassischen Rock’n’Roll-Macho absetzt. Für das Jahr 1976 ist dieses Männerbild ungewöhnlich sanft und verletzlich. Gerade deshalb wirkt der Song heute moderner und zeitgemässer, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Erst die Auskopplung als Single machte den Song zum Hit: Von Mai bis August 1976 hielt er sich in der Schweizer Hitparade. Für einen Mundart-Rocksong war das damals aussergewöhnlich. Viele begegneten der Verbindung von Rock und Pop mit Schweizer Dialekt noch mit grosser Skepsis. Rock galt als Domäne der englischen Sprache, während Mundart vor allem mit der Volksmusik assoziiert wurde.

Durchbruch von Rumpelstilz und dem Mundart-Rock

Zwar hatte «Warehus Blues», der 1973 erschienene erste Mundart-Rocksong, aufhorchen lassen, doch die Resonanz blieb beschränkt. Auch «Muschle» (1974) erzielte lediglich einen Achtungserfolg. Erst mit «Teddybär» gelang der eigentliche Durchbruch – nicht nur für Rumpelstilz, sondern für den Mundartrock insgesamt. Der Einfluss von «Teddybär» auf die weitere Entwicklung des  Mundartrock kann kaum überschätzt werden.

«Teddybär» ist eingängiger als manches frühere Material von Rumpelstilz. Die Band begann 1971 mit experimentellem Rock und Jazzrock. Erst mit «Teddybär» gelang ihr der Spagat zwischen musikalischem Anspruch und breiter Verständlichkeit. Für den Durchbruch von Rumpelstilz und das Mundart-Genre dürfte das entscheidend gewesen sein.

Der erste Schweizer Song im Reggae-Rhythmus

Dabei beschritt Rumpelstilz mit «Teddybär» auch musikalisches Neuland. Pianist Hanery Amman wird als Komponist des Songs aufgeführt, doch arrangiert hat die Band zusammen im Kollektiv. Es war Gitarrist Schifer Schafer, der die Band in die Welt des Reggaes einführte und vorschlug, «Teddybär» und «Kiosk» einen Reggae-Rhythmus zu verpassen.

Die Musik aus Jamaica erreichte damals mit Bob Marley und der Version von Eric Claptons «I Shot The Sheriff» den Pop-Mainstream. In der Schweiz war die Rhythmen aus Jamaica aber völlig neu. So neu, dass sich Schlagzeuger Küre Güdel zunächst weigerte. Er habe nicht die Swiss Jazz School in Bern besucht, um so minimalistisch zu spielen. «Ich beherrschte zwar die vertracktesten Rhythmen, war mir aber ganz andere Betonungen gewohnt», sagt er rückblickend, «doch plötzlich hat es Klick gemacht».

Der Nachfolge-Hit «Kiosk» war noch erfolgreicher

«Füüf Narre im Charre» war ein epochales Album, das in der kreativen Hochphase des Quintetts entstand. Mit «Teddybär» erreichte Rumpelstilz nicht nur ein Massenpublikum, der Song bereitete auch den Weg für den Song «Kiosk» - ebenfalls ein Reggae - der schon bald im September des gleichen Jahres veröffentlicht wurde und den «Teddybär» punkto Erfolg noch übertraf. Mundart-Rock hatte sich endgültig durchgesetzt.

«Teddybär» war, rückblickend, weit mehr als ein Hit. Der Song traf den Moment, in dem sich die Schweiz zwischen Tradition und Aufbruch neu erfand – und genau deshalb wirkt er ein halbes Jahrhundert später noch erstaunlich zeitlos.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)