Künstliche Intelligenz

Byebye Hollywood – warum die Zukunft des Kinos im Silicon Valley stattfindet

Die Streaming-Plattform Roku hat einen Kanal lanciert, auf dem rund um die Uhr KI-generierte Filme gezeigt werden. Ist das die Zukunft der Unterhaltung?

Ein Keanu-Reeves-Verschnitt – schulterlanges Haar, Drei-Tage-Bart, offenes Hemd – läuft mit einer schwarzen Ledertasche durch das nächtliche London und steigt in einen weissen Cadillac. «Ich hatte die meisten Tage frei», sagt der Ich-Erzähler aus dem Off.

Dann wechselt die Szenerie in einen Hinterhof von Backsteinhäusern, die Kamera schwenkt auf das Interieur der Luxuskarosse mit hellbraunen Ledersitzen, wo der Zuschauer einen halbseidenen Ganoven mit Sonnenbrille und Zahnstocher im Mund am Steuer sieht. Auf dem Beifahrersitz: ein Colt und eine Zeitung. «Seitdem ich mit dem Rauchen aufgehört habe und meine Lieblingswaffe wiedergefunden habe, bin ich wieder im Gespräch.» Schnitt. Der Mann sitzt mit einem Whiskey-Glas in einer Pokerrunde. Dramatische Musik im Hintergrund. «Jede Hand, die ich spielte, fühlte sich wie ein alter Freund an.» Dann zückt er seine Waffe und schiesst.

Eine Streaming-Plattform nur für KI-Filme

Was nach dem Plot eines drittklassigen Gangsterfilms anmutet, ist in Wahrheit ein KI-generierter Spielfilm, der auf Roku zu sehen ist. Die Streaming-Plattform hat kürzlich einen KI-Kanal namens «Fairground AI» lanciert, auf dem rund um die Uhr KI-Filme gezeigt werden. Die einzigen Unterbrechungen: Werbeclips, die ebenfalls KI-generiert sind.

Der Streamingpionier, der in diesem Jahr für 22 Milliarden Dollar vom Medienriesen Fox übernommen wurde, ist bekannt für seine Programmvielfalt: Von beliebten amerikanischen Serien bis zu regionalen News aus Wisconsin gibt es für fast alles einen Kanal. In der Mediathek von Fairground AI findet man alle möglichen Genres, von Minecraft-artigen Actionfilmen («Big Trouble in Little Seoul») bis zu düsteren Science-Fiction-Streifen («Chronotides»).

Produziert werden die KI-Filme von Fairground Entertainment: Das Start-up, das derzeit an KI-generierten Adaptionen von «Robin Hood» und «Dracula» arbeitet, spricht von einem «Meilenstein in der Verbreitung von KI-Kino – einer bahnbrechenden neuen Form des Geschichtenerzählens, die filmische Produktionsstandards mit den kreativen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz verbindet».

Im Gegensatz zu teuren Hollywood-Produktionen gehen die Produktionskosten von KI-Filmen gegen Null: Man braucht keine Schauspieler, keine Filmsets und Kostüme, keine Hotels – die Sequenzen werden einfach gepromptet und hinterher zusammengefügt. Kulissen, Wetter, Licht – das lässt sich alles am Computer konfigurieren. Kein Schauspieler muss in der Kälte ausharren und mehrmals denselben Satz in die Kamera sagen – die Szenen der Low-Budget-Filme sind sofort im Kasten. Schlechtes Wetter? Launische Schauspieler? Gibt es alles nicht. Sieht so die Zukunft der Unterhaltung aus?

Einen Moment lang ist es faszinierend, die KI-generierten Filme anzusehen: Das Setting, die rasanten Schnitte, die Lichtverhältnisse – das erscheint authentisch. Wenn man bedenkt, dass die ersten KI-generierten Bilder, die der Informatiker Ian Goodfellow 2014 präsentierte, noch wie schemenhafte Zeichnungen aussahen, ist es schon verblüffend, welche hochauflösenden Bewegtbilder da aus dem Automaten kommen.

Doch der Zauber verfliegt schnell: Die Handlungsstränge sind diffus, die Darsteller wirken seltsam zweidimensional und blutleer, als wären sie aus Plastik. Die Grafik erinnert an die Ästhetik von Videospielen aus den Nullerjahren, in denen Avatare noch nicht blinzeln konnten. Auch physikalische Prozesse – etwa der Übergang von Kaffee aus einer Tasse in den Mund – werden zuweilen nicht korrekt dargestellt. Entsprechend vernichtend fiel die Kritik der Kommentatoren aus.

Eher ein Foltergerät als die Zukunft des Kinos

«Roku gibt den Massen, wonach sie nie gefragt haben: ein endloses Fliessband voller KI-Müll», ätzte Frank Landymore im Online-Magazin «Futurism». «Es klingt eher nach dem Konzept für ein Science-Fiction-Foltergerät als nach einer Quelle echter Unterhaltung – aber leider ist es tatsächlich real.»

Auch der «Guardian»-Kritiker Stuart Heritage befand den KI-Kanal von Roku für «katastrophal schrecklich»: «Der Sender bietet nicht wirklich Sendungen an, sondern eher eine dahinwabernde Traumlandschaft schlechter Ideen, die so miserabel wie nur möglich umgesetzt wurden – ohne den geringsten Gedanken an eine sinnvolle Programmplanung.»

Und auch das Urteil der Community fiel überwiegend negativ aus: «Der neue Fairground-KI-Sender auf Roku ist so schlecht, dass selbst nordkoreanische Propagandasendungen dagegen gut aussehen», schrieb ein Nutzer auf der Plattform X.

Doch bei aller Häme und Kritik – die Technik entwickelt sich in rasantem Tempo weiter. Hochleistungsfähige Videogeneratoren können auf Grundlage eines Prompts mittlerweile Filme in einer Länge von bis zu 50 Minuten produzieren. In Mountain View, im Norden Kaliforniens, weit weg von der Traumfabrik Hollywood im Süden, tüfteln Google-Ingenieure an einer neuen Generation Chips, die auf den sperrigen Namen Tensor Processing Unit (kurz TPU) hört.

Dieser Spezialchip, der in rasender Geschwindigkeit Pixelmuster errechnet, könnte das sein, was Grafikkarten für die Entwicklung grosser Sprachmodelle waren: ein Turbolader, der die Filmproduktion auf eine neue Stufe hebt. Die Google-Tochter Youtube sitzt auf einer gigantischen (Kurz-)Filmdatenbank, die in der nächsten Generation von KI-Modellen recycelt und zu neuem Filmmaterial weiterverarbeitet werden könnte.

Konkurrent Netflix setzt seit geraumer Zeit generative KI ein (etwa in der argentinischen Science-Fiction-Serie «Eternauta», um den Einsturz eines Gebäudes zu simulieren), Coca-Cola produziert seine ikonische Weihnachtswerbung inzwischen mit KI, und die KI-Schauspielerin Tilly Norwood soll bald ihr Filmdebüt feiern. In Hollywood geht die Angst um, dass Schauspieler und Synchronsprecher arbeitslos werden, wenn KI die Leinwände erobert. Die Drehbuchautoren sind bereits in den Streik getreten. Doch das Skript der KI-Revolution schreiben andere, allen voran Big Tech. Die Zukunft des Kinos wird womöglich nicht in Hollywood, sondern im Silicon Valley entschieden.

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