Auf dem Cover seines neuen Albums trägt er einen roten Trainingsanzug wie 1995 beim Glastonbury-Festival, kurz nach seinem Rausschmiss bei Take That. «Britpop» sei als Hommage an jene Zeit gedacht, so der Superstar, 51. Wir unterhielten uns mit Robbie Williams über seine triumphale Tour, seine neuen Songs, seine Familie, die Gallagher-Brüder und seine Katzen.
Robbie Williams, wer Sie im letzten Sommer live gesehen hat, konnte den Eindruck bekommen, dass Sie Ihr Leben und Ihre Karriere mehr denn je geniessen. Wie sehen Sie das?
Exakt! Ich bekomme so viel Liebe und Wärme von meinem Publikum, dass ich es kaum fassen kann. Oft fühle ich mich bei den Auftritten wie Usain Bolt. Er ist zwar Jamaikaner, aber er gehört irgendwie der ganzen Welt. So ist es auch bei mir: Die Leute machen mich zu einem der Ihren. So sehr ins Herz geschlossen zu werden, gibt mir sehr viel Energie.
Lustig, dass Sie sich mit einem Sportler vergleichen. Wie steht es um Ihre eigene Kondition?
Naja, ich will immer mitzählen, wieviele Schritte ich am Tag mache, aber dann lasse ich es doch lieber bleiben.
Auf der Bühne und im Sport-Outfit auf den neuen Fotos wirken Sie jedenfalls ziemlich fit und durchtrainiert.
Nun ja, ich schaffe es, körperlich ein bisschen auf mich achtzugeben. Ich war aber nie so ein klassischer Workout-Typ, der in jedem Hotel, in das er eincheckt, als erstes an die Gewichte geht. Allerdings haben sich die Zeiten geändert. Seit gefühlt zwanzig Jahren sehen Popstars aus wie Athleten. Früher war das anders. Da konntest du schon als Teenager einen «Dad Bod» haben, also ein Bäuchlein, und niemand hat sich daran gestört.
Auch bei Ihnen war über die Jahre ein ziemliches Auf und Ab zu beobachten.
Das stimmt, ich war für Sport oft zu nachlässig. Wenn ich früher Gewichte gestemmt oder Ausdauer trainiert habe, dann war das ein Workout, bei dem ich mich dem Selbsthass hingab. Heute mache ich Sport, um am Leben zu bleiben. Mittlerweile trainiere ich nach einem realistischen Plan, der für mich passt. Ich arbeite mit Gewichten, mache ganz viele Sit-ups und arbeite besonders intensiv an meiner Beinmuskulatur.
Bei Take That waren Sie jedenfalls in Topform.
Wir haben so viel tanzen müssen, da konnte man gar nicht dick werden. Aber dann gab ich mich bekanntermassen dem Hedonismus hin, und er hat mich fett werden lassen. Seither kämpfe ich auf die eine oder andere Weise mit meinem Gewicht und mit meinem Körper. Heute indes bin ich in einer ganz guten Phase, was das Verhältnis zu mir selbst und zu meinem Körper angeht. Auch wenn ich manchmal diese Shapewear trage, die mich zusammenhält und besser aussehen lässt, als ich in Wirklichkeit bin.
Ihre Ära des Hedonismus Mitte der Neunziger war zugleich die goldene Zeit des Britpop. So haben Sie auch Ihr Album genannt. Weshalb?
Die Aufgabe, die ich mir für «Britpop» gestellt habe, lautet: Stell dir vor, es ist 1997, und nun schreibe ein Album, das in die Zeit passt, bloss mit dem gesammelten Wissen von heute. Ich würde sagen, der Plan ist annähernd aufgegangen.
«Britpop» ist definitiv eine kurzweilige und gut gelaunte Platte.
Ja, ich finde das auch. Da mich die kommerziellen Radiosender sowieso kaum noch spielen, habe ich nicht den Druck gehabt, irgendwie in den Zeitgeist zu passen. Vielmehr habe ich Songs aufgenommen, die mich selbst glücklich machen, ohne die Angst im Nacken zu haben, auf Biegen und Brechen mal wieder einen «Hit» landen zu müssen.
«The biggest prize is what’s behind these eyes» singen Sie in «Pretty Face». Klingt wie ein Liebeslied an Ihre Frau ...
Die Zeile habe ich komplett selbst geschrieben. Und ja, sie ist für Ayda. Wenn ich dieses Lied singe, denke ich jedes Mal an meine Frau. Wenn ich mit Ayda zusammen bin, fühle ich mich geborgen, sicher und glücklich. Sie ist mein Fels. Wir sind jetzt seit bald 16 Jahren verheiratet. In dieser Zeit bin ich ein Riesenfan der Idee namens Ehe geworden.
Was machte Sie früher so skeptisch gegenüber dieser Idee?
Heute verstehe ich sehr gut, warum Leute sich dafür entscheiden. Als jemand, der aus einem zerrütteten Elternhaus kommt und so viele Menschen in Beziehungen kennengelernt hat, die einfach immer nur am Streiten waren, habe ich lange Zeit den Sinn einer Ehe einfach nicht verstanden. Aber nun kann ich sagen: Die Ehe mit Ayda hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.
Was haben Sie Ihrer Frau zu verdanken?
Sie hat aus einem Jungen einen Mann gemacht. Mit vier wunderbaren Kindern. Sie hat mir ein Sicherheitsnetz aufgespannt, in dem ich mich gefahrlos bewegen kann. Sie fängt mich auf, wenn es sein muss.
Wo wären Sie ohne sie?
Sehr wahrscheinlich wäre ich allein mit meinem hedonistischen Selbst und würde mein ganzes Leben nur nach Lust und Selbstzerstörung ausrichten. Ich würde da draussen herumirren und jeden Mist machen, zu dem mich das Teufelchen auf meiner Schulter verleiten würde. Das wäre natürlich nicht gesund, denn wenn du nur auf Spass aus bist, dann fallen dir irgendwann die Räder ab. Meine Frau hat mich vor meinen eigenen Dämonen gerettet und dazu Sorge getragen, dass ich ein halbwegs ausgeglichenes Individuum geworden bin.
In den Neunzigern regierte bei Ihnen noch das Lustprinzip?
Ja, klar. Ist mir nicht besonders gut bekommen. Der Spass hat mich süchtig, fett, einsam und traurig gemacht. Nun lebe ich seit 25 Jahren ohne Drogen.
Nächste Woche startet auf Netflix die Take-That-Doku «Take That», in der es auch um Sie und Ihre Eskapaden mit Drogen und Alkohol geht. Was würden Sie dem jungen Robbie, der mit 16 bei Take That einstieg, auf den Weg geben?
Ich wünschte, ich hätte damals schon gewusst, dass Selbstvertrauen nicht so wichtig ist wie Mut. Deshalb würde ich ihm sagen: «Sei mutig.» Im Nachhinein sehe ich Vieles kritisch, was mein Leben betrifft. Aber ich würde nichts nachträglich ändern wollen. Alles, was passiert ist, gehört unauslöschlich zu meinem Leben dazu.
Ist es wahr, dass Sie nach Miami ziehen?
Ja, nach 24 Jahren in Kalifornien wollte ich das. Wir haben gerade privat richtig viel um die Ohren. Wir sind aktuell daran, uns mit dieser für uns ganz neuen Ecke vertraut zu machen. Ayda kümmert sich gerade intensiv darum, Schulen für die Kinder zu finden.
Warum Miami?
Ich brauche die Sonne. Nicht nur, weil ich es gerne warm habe, sondern auch für meine Selbstfürsorge und für meine mentale Gesundheit. Zuletzt haben wir fünf Jahre in Europa gelebt, und ich habe gemerkt, ich kann das nicht. Ich brauche das Gefühl, das die Sonne auslöst, wenn sie mir auf den Pelz brennt. Ausserdem sind die USA für die Anonymität nach wie vor besser.
Zurück zu «Britpop». Dass der hymnische Song «All My Life» so klingt, als wäre er von Noel Gallagher geschrieben und von Liam Gallagher gesungen, das ist Ihnen bewusst, oder?
Ja. Zu einhundert Prozent. Britpop, das sind für mich Radiohead, Blur und Oasis. Ah, und Pulp. Pulp war mir von den Britpop-Bands immer die liebste. Aber wenn ich selbst eine Nummer im Britpop-Stil singe, dann bitte so wie Oasis. Richtig fett, mit vollem Einsatz, Alter, das macht irre viel Spass.
Zu Oasis haben Sie eine besondere Beziehung.
Richtig, ich hing viel mit den Jungs ab, nachdem ich Take That verlassen hatte. Wir hatten eine gute Zeit.
Sie nennen sich auf der Bühne den grössten Entertainer der Welt. Wie kommen Sie damit zurecht, nach einer Show vor 60 000 Menschen in die Stille Ihres Hotelzimmers zurückzukehren?
Viel besser als früher. Ich war in den Anfangszeiten überhaupt nicht darauf vorbereitet, so schnell so krass erfolgreich zu werden. Emotional und körperlich hat mich das völlig überfordert. Heute bin ich geübt und geschult im Umgang mit dieser ständigen Achterbahn der Gefühle, die mein Beruf beinhaltet. Die wichtigste Lektion lautet, niemals meinen eigenen Gedanken zu trauen. Denn wenn ich auf die Bühne gehe, kreiert mein Körper seine eigenen Drogen wie Adrenalin und Dopamin. Du bist voll von diesen Hormonen, was es dir schwer macht, gelassen und objektiv zu bleiben. Denn du steckst in einem natürlichen High.
Es ist aber weniger gefährlich als ein chemischer Rausch.
Nein, aber auch das ist ein Preis, den du bezahlst als Entertainer. Du willst natürlich Abend für Abend dieses Hochgefühl wiederherstellen. Für meinen Körper ist das ein Drahtseilakt. Denn aufgrund von Ängsten und Nervosität sagt er dir bisweilen, dass du nun sterben wirst. Nach all den Jahren im Geschäft habe ich verinnerlicht, dass das ein Bluff der Hormone ist. Und ich keineswegs in Lebensgefahr bin.
Sie haben zwei Katzen zu Hause, Elvis und Priscilla. Was können Sie von den beiden lernen?
Mir den Ruhm nicht zu Kopf steigen zu lassen. Meinen eigenen Ängsten zu misstrauen. Einfach cool zu sein. Katzen haben mir voraus, dass sie saucool sind. Sie lassen Aufregung nur an sich heran, wenn es ihnen nützt.
Wären Sie gern mehr wie eine Katze?
Ich glaube, ich bin schon ein wenig wie eine Katze. Ich mag es, ganz für mich zu sein. Aber wenn ich meine Streicheleinheiten brauche, dann lasse ich es meine Familie wissen.
Das Album «Britpop» ist bereits im Handel. Die dreiteilige Netflix-Serie «Take That» erscheint am 27. Januar.







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