
«Finden Sie es auch so grässlich?», fragte das Opernfaktotum mit jenem Ton, der Zustimmung erwartet. «Überhaupt nicht!», war meine Antwort, worauf die Frau kopfschüttelnd weiterzog, durch den von prominenten Gästen glänzenden Premierenpausentrubel, und murmelte: «Alle finden es gut.»
Ich ahnte allerdings, was diese Opernmenschin meinte: Werden Werke berühmter Komponisten nicht (mehr) aufgeführt, gibt es dafür einen guten Grund. Immer. Die Opern Vivaldis mögen auf CD überraschen, auf der Bühne sind sie bloss mit allergrösstem Regiezauber auszuhalten. Wen wundert es da, dass bei der Aufführung von drei kaum je gespielten Opern Sergej Rachmaninows (1873–1943) vor allem vom Regisseur gesprochen wurde?
Der Russe Dmitri Tcherniakov machte aus drei Werken eines – jedenfalls auf dem Papier und in seinem Kopf. Dafür setzt er alles in Bewegung, nicht zuletzt die Bühne, die einmal mehr kaum aufhört, sich zu drehen.
Zwei Eifersuchtsdramen und Habgier-Story
Der Held aus der Oper «Aleko» durchwandert auch «Skupoi Rytsar» («Der geizige Ritter») sowie «Francesca da Rimini» und erzählt den jeweiligen Kern der Handlung aus der Erinnerung. Die Eckpfeiler bilden klassische Eifersuchtsdramen, die mittlere Oper handelt von einem Vater-Sohn-Konflikt und von Habgier. Obwohl die Geschichten von Puschkin bis Dante zurückreichen, sind es veristische Opernstoffe, typisch für die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: «Aleko» entstand 1892, die beiden anderen Werke 1904 und 1905.
Weil die Regie so stark eingreift und die Handlungen konsequent gegen den Strich liest, bleibt von der ursprünglichen Dramenhandlung nur eine Idee übrig, obwohl jedes Wort gesprochen oder gesungen wird. Das Zigeunerlager aus «Aleko» erweist sich als Nobel-Altersresidenz, in der archetypische Figuren durch ihren Tag schlurfen und in ihren schönen Erinnerungen schwelgen.

Im Schlussvers von «Francesca da Rimini», der finalen Oper, heisst es: «Es gibt kein grösseres Leid, als sich im Unglück an Zeiten des Glücks zu erinnern.» Dieser Gedanke füllt Alekos aus. Da ist nichts von Melancholie, diesem Glücklichsein im Trauern, zu spüren. Aleko ist verbittert und muss dennoch immer wieder die Vergangenheit durchleben. Halb spielen die Altersheiminsassen für ihn, halb für sich selbst – wohl zum hundertsten Mal. Die von ihnen beklatschten Liebesszenen sind tief empfunden und wundersam skurril, so sehr, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Und wenn opernhaft gestorben wird, weiss keiner, ob alles nur gespielt ist oder ob da wirklich einer tot im Sessel liegt.
Ehe man sich versieht, beginnt, weder durch einen Zwischenvorhang noch durch eine Lichtpause getrennt, die zweite Oper. Gebannt schaut man auf die Bühne: Wie wird Tcherniakov diese Aufgabe lösen? Sind wir nun in der Abteilung für Menschen mit psychischen Erkrankungen? Jedenfalls redet sich ein junger Mann gegenüber einem Pfleger in Rage, flucht über einen Geldverleiher. Ein wenig lang ist das geraten, doch die Pause rettet – und ungeduldig wartet man auf die zweite Hälfte.
Doch «Der geizige Ritter» beginnt jetzt zu stocken. Die Musik mag drängen, auf der Bühne passiert nichts, was nicht vorhersehbar wäre. Und auch Tcherniakov scheint nichts mehr einzufallen.
Das Rollenspiel greift nicht mehr, das Theäterle beginnt
Wird das Finale mit «Francesca da Rimini» besser? Der Chor singt schaurig schön aus dem 2. Rang, Dante unterhält sich im Prolog mit Vergil, und unten schleicht Aleko alias Malatesta gefühlte 15 Minuten unruhig herum. Und endlich treten die grossen Liebenden Francesca und Paolo auf. Doch das Rollenspiel will nicht mehr greifen, es wird zum Theäterle.
Links und rechts im Parkett sieht man Eingenickte, die erst der muntere Schlussapplaus wieder weckt. Den ganzen Abend wurde vom Regisseur gesprochen, der die drei Opern zusammenfügen wollte – bejubelt wird am Ende aber der Dirigent.
Gianandrea Noseda ist der wahre Architekt dieses Abends. Er entfacht und glättet die Orchesterwogen, schafft jenes Amalgam, das die drei Opern zusammenhält, und führt mit dem prächtig aufspielenden Opernhausorchester zugleich vor, wie unterschiedlich sie sind.
Auch die Sänger sind tadellos: Vladislav Sulimsky (Aleko, der Baron und Malatesta) bietet darstellerisch wie sängerisch eine Glanzleistung. Elena Stikhina (Zemfira und Francesca), Dmytro Popov (Albert), Ain Anger (Alter Mann und Vergil), Bekhzod Davronov (Junger Mann und Paolo) und die anderen haben ihre grossen Momente.
Immerhin: Bei allen Längen und Regietricksereien lernt man einen neuen Rachmaninow kennen – einen, der nach Verdi klingt und Wagner im Hinterkopf hat. Schade nur, dass kaum jemand ins Opernhaus geht, um drei Stunden Musikwissenschaftsvorlesung zu hören.
So ist es ein faszinierender Abend für Fortgeschrittene geworden.
Opernhaus Zürich, bis 28. November.


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