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Klassik

Wie Moskau das Musikleben in Luzern und Basel lenkt

Der Glaube an die unpolitische Kultur hält sich hartnäckig. Doch wie sehr sie Russland auch im Krieg dient, die Macht zu stärken, zeigt nun eine deutsche Recherche.
Die eigene Kultur unterstützen, die fremde zerstören: So funktioniert Russland. Hier ein Blick auf die Statue des ukrainischen Philosophen Hryhoriy Skovoroda, die im zerstörten  Skovoroda-Museum in Skovorodynivka steht (7. Mai 2022).
Bild: Sergey Kozlov / EPA

Kultur ist Politik. Wer diesen Satz in den letzten Jahren etwa in der Diskussion über Operndiva Anna Netrebko sagte, erntete Widerspruch – vom kleinen Opernfan bis zum grossen Intendanten. Kultur sei unpolitisch, hiess es, sei Völker verbindend und bilde Brücken. Wenn man aber von Russland spricht, wirkt das derzeit geradezu zynisch.

Das zeigt Martin Malek in einer umfassenden Recherche für das Onlineportal opern-news. Vor allem legt der Politikwissenschaftler dar, wie die russische Kultur im Dienst des Krieges steht. Um das zu belegen, hat er die Auslandskulturpolitik des Kremls anhand amtlicher Dokumente untersucht.

Dass dort propagiert wird, die eigene Kultur sei die grösste, beste und tollste, kann man den Russen nicht verübeln. Auch anderswo redet man so. Doch seit den frühen 2000er-Jahren definiert Moskau Kultur als integralen Bestandteil der Aussenpolitik. Die Kulturdiplomatie dient der «Effizienz» aussenpolitischer Ziele und fördert russische Interessen weltweit.

Achtung, die Kulturzerstörer aus dem Westen kommen!

In offiziellen Papieren wird «Kultur» mit «nationaler Sicherheit» verknüpft; Bedrohungen auf diesem Gebiet gilt es abzuwehren. Bedrohungen aus dem Westen. Einmal aber gestärkt, wird russische Kultur zum Instrument, um aussenpolitische und wirtschaftliche Interessen zu sichern. Auch ein halbes Jahr nach dem Angriff auf die Ukraine hiess es aus Moskau zudem, der kulturelle Austausch mit dem Ausland diene dazu, «ein objektives Bild von Russland als freundlichem und demokratischem Staat zu vermitteln, der offen für die Interaktion mit den Kulturen anderer Völker» sei. Genau diese Argumentation haben viele westliche Institutionen übernommen.

RUssland fördert Kultur, zerstört jene des Gegners: Blick auf das Regionale Akademisches Ukrainisches Musik- und Dramatheater in Tschernihiv am 19. August 2023. Allerdings war das Theater Gastort eines Treffens von Drohnenherstellern.
Bild: Paula Bronstein / Getty

Malek zeigt, dass die russische Kulturpolitik systematisch in eine nationalistische und militaristische Gesamtideologie eingebettet ist. Sie dient nicht primär dem Austausch, sondern der Machtprojektion und der ideologischen Flankierung des Krieges. Die Zerstörung ukrainischer Opern, Bibliotheken und Theater erscheint vor diesem Hintergrund als Fortsetzung einer Doktrin, die Kultur als strategische Ressource im Dienst staatlicher Expansion begreift. Die Historikerin Anne Applebaum sagte bei den letztjährigen Salzburger Festspielen, die Ausrottung der ukrainischen Kultur gehöre zu den Kriegszielen Moskaus. Man wisse dort sehr genau, wie sehr die Zerstörung von Kultur dazu beitragen kann, ein Land und eine Nation zu unterminieren.

Zur Sprache kommt bei Malek auch die Debatte über den angeblichen «Boykott russischer Kultur», der allerdings die tatsächliche Zerstörung ukrainischer Kulturstätten und russische Kriegsverbrechen überdecke. Der Slogan «Kultur baut Brücken» wirkt unter diesen Bedingungen hohl. Umso bemerkenswerter ist es, dass der Autor für einen moralischen Auftrag von Kunst und Kultur plädiert – und für ein entschiedeneres Auftreten des Westens.

Die russischen Fahnenträger in der Schweiz

Oder in der Schweiz – hier, wo nicht nur der Rubel rollte, sondern die russische Musik und ihre Exponenten dank wichtiger Intendanten eine prächtige Bühne hatten. Dazu zählen vor allem Martin Engstroem (Intendant des Verbier-Festivals) und Mischa Damev (Migros-Classics-Intendant und Leiter des Festivals «Septembre Musical») oder der Baseler Musikmanager Thomas Jung. Alle sind auf Du mit Valery Gergiev, dem dirigierenden und von den Westbühnen längst verbannten Aushängeschild Wladimir Putins. Vor dem Krieg sass auch Numa Bischof, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, mit im russischen Boot: Er erfand das Festival «Zaubersee», das von 2012 bis 2021 russische Musik und Künstler ins Zentrum stellte.

Wo die schöne russische Musik erklang, waren russische Oligarchen (oder ihre Stiftungen) als Geldgeber nicht weit: in Verbier Gennadi Timtschenko, in Luzern Dmytro Firtasch. Beide sind längst auf Sanktionslisten und von Europa verbannt. Auch Milliardär Viktor Vekselberg trat da wie dort als Mäzen und Sponsor auf.

Bisweilen fragte man sich: Was war zuerst – die Liebe zur russischen Musik oder die Liebe zum russischen Geld? Oft hiess es dann, das Geld der Oligarchen sei zwar nicht ganz sauber, aber warum sollten sie damit nicht Musik fördern? Das sei allemal besser als Waffen. Man übersah allerdings, dass Kultur selbst Teil des Arsenals war.

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