
Noch bis vor Kurzem durfte man sich Timothée Chalamet als glücklichen Menschen vorstellen. Der 30-jährige Schauspieler ist für seine Rolle als narzisstischer Tischtennisspieler im Film «Marty Supreme» für den Oscar als Hauptdarsteller nominiert. Dass er fest davon überzeugt ist, dass ihm auch der Gewinn gebührt, daraus macht Chalamet kein Geheimnis.
Und die Voraussagen schürten seine Vorfreude, wie ein Blick auf die Online-Prognosemärkte Polymarket und Kalshi zeigte. Die Portale bieten Wetten zu allen möglichen Ereignissen an (Kehrt Jesus zurück? Greift Trump Grönland an? Gewinnt Brasilien die Fussball-WM?) und erfreuen sich laufend grösserer Beliebtheit.
Plötzlich nur noch an zweiter Stelle
Vor zwei Jahren lagen im Polymarket-Topf zur Wette auf den Oscar für den besten Hauptdarsteller 2024 knapp 350'000 US-Dollar. In diesem Jahr, für die noch ausstehende Verleihung des Oscars in derselben Kategorie, ist der Betrag mit knapp 6 Millionen Dollar um ein siebzehnfaches höher.
Bis Anfang März waren sich die Wettfreudigen sicher: Chalamet holt sich den Oscar, die Wahrscheinlichkeit dafür lag bei angeberischen 70 Prozent. Doch jetzt, nur wenige Tage vor der Oscar-Verleihung, die am nächsten Sonntag stattfindet, ist der Wert drastisch nach unten gesackt.
Nur mehr rund 45 Prozent glauben, dass sich Chalamet den Preis schnappt. Gleichzeitig ist der Wert von Michael B. Jordan, der für seine Doppelrolle als Zwillingsbrüder im Vampir-Horrorfilm «Blood & Sinners» ebenfalls als bester Hauptdarsteller nominiert ist, markant nach oben geschossen und liegt nun gar wenige Prozentpunkte vor Chalamet. Weit abgeschlagen ist hingegen weiterhin der ebenfalls nominierte Leonardo DiCaprio, dessen Wert schon seit Wochen im einstelligen Prozentbereich dümpelt.

Vielleicht geht es ihm doch nur um den Ruhm
Was ist passiert, was hat die empfindlich reagierenden Wettkurse derart ausschlagen lassen? Zunächst hatte Jordan Anfang März überraschend den SAG Award für den besten Hauptdarsteller erhalten. Der Preis hat nicht annähernd das Renommee eines Golden Globes oder Oscars, gilt aber als wichtiger Indikator für die Verleihung von letzterem.
Was Chalamets Wert aber endgültig unter den von Jordan hat stürzen lassen, war eine Aussage, die der Schauspieler in einem Gespräch mit seinem Kollegen Matthew McConaughey getätigt hatte. Er würde nicht fürs Ballett oder die Oper arbeiten wollen, meinte Chalamet, weil es sich um Kunstformen handle, die man versuche, am Leben zu halten, «obwohl sich niemand mehr dafür interessiert».
Eine unpassende, um nicht zu sagen frivole Formulierung – selbst dann, wenn Chalamet vielleicht nicht vollständig Unrecht hätte. Der Hollywood-Schauspieler entlarvte sich damit in den Augen vieler Kommentatoren als einer, der nicht für die Kunst, sondern lediglich den Ruhm brennt.
Nun wird Chalamets Ballett- und Opern-Bashing zwar erst seit Ende letzter Woche hitzig diskutiert, als die Academy schon entschieden hatte, wer einen Oscar gewinnt und wer nicht. Doch das Gespräch mit McConaughey war bereits Ende Februar veröffentlicht worden, weshalb nicht ausgeschlossen scheint, dass Chalamets unbedachter Kommentar noch die eine oder den anderen umgestimmt hat.

Chalamet tut, was ein Künstler tun soll
Damit ist nochmal Wirbel in ein Oscar-Rennen gekommen, das sich bis dahin vor allem durch seine Ruhe ausgezeichnet hatte. Weil die Academy meist recht vorhersehbar entscheidet, sagten die Wettmärkte bereits vor Monaten einen Ausgang der Verleihung voraus, der in vielen Kategorien zutreffen dürfte. Wenn Paul Thomas Andersons ehrgeiziger Action-Film «One Battle After Another» als bester Film und Anderson als bester Regisseur ausgezeichnet wird, kratzt sich kaum jemand überrascht am Kopf.
Gleiches gilt für die beste Hauptdarstellerin, die ziemlich sicher Jessie Buckley heisst, sowie die Preise für den besten internationalen Film (laut Prognosemärkten «Sentimental Value») oder das beste Make-up («Frankenstein»).
So hat Timothée Chalamet sich mutmasslich selbst sabotiert, aber gleichzeitig den Unterhaltungswert fürs Publikum markant gesteigert. Und das ist bekanntlich eine der Hauptaufgaben eines Künstlers, sei er nun Balletttänzer, Opernsänger oder Filmschauspieler.



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