
Es war der tägliche Fixpunkt. Fünf Minuten fernsehen. Vor dem Abendessen versammelten wir uns vor dem Röhrenbildschirm zum «Guetnachtgschichtli». Da lief «Pingu», der Pinguin mit den viel zu grossen Füssen, der sich quakend und ganz ohne Worte verständigte. Oder «Dr. Snuggles», der zerstreute Professor, der auf seinem Regenschirm durch die Gegend hüpfte und eine Mondrakete aus Holz baute.
Natürlich waren die fünf Minuten immer viel zu schnell vorbei. Dann fasste eine Moderatorin die Geschichte noch einmal so zusammen, dass die Kinder die Moral ganz sicher verstanden. Dann ging es ins Bett: zuerst auf dem Bildschirm, wo im Abspann zum «Guetnachtgschichtli» immer dieselbe graue Maus mit dem Schwanz wedelte und unter die Decke sprang. Bald danach war man selbst dran. Das sind meine Erinnerungen als Kind der 80er-Jahre.
Zur selben Zeit sass auch Sereina Gabathuler vor dem Fernseher. Auch für sie gehörten «Pingu» und Co. zum täglichen Ritual. Jahrzehnte später knüpft sie nun an diese Tradition an. Gabathuler produziert das neue «Guetnachtgschichtli». Und das ist eine kleine Premiere: Erstmals seit über zehn Jahren hat SRF die Serie nicht einfach im Ausland eingekauft, sondern mitproduziert. «Nussbaumbandi» heisst sie und handelt von den drei Kindern Yoko, Siloé und Vikram, die sich in ihrem Baumhaus treffen und gemeinsam mit den Tieren auf einem verwilderten Stück Natur mitten in der Stadt kleine Abenteuer erleben.
Warum aber braucht es überhaupt ein neues «Guetnachtgschichtli»? Das Internet ist doch voll von Animationsfilmchen, die Kinder am liebsten in Dauerschleife sehen. «Eben genau deshalb», sagt Gabathuler. «Wir haben eine hochwertige Kinderanimationsserie gemacht, die besser ist als das meiste, was man auf Youtube streamen kann, aber nicht mit moralischem Zeigefinger daherkommt», erklärt die Produzentin. Sie soll Kinder nicht belehren, sondern ihnen Spass machen. Diese Woche feierte sie am internationalen Animationsfilmfestival Fantoche in Baden AG Premiere.
Die Figuren hat Co-Regisseurin Doris Wettstein entworfen. Sie habe sich dabei von alten Kinderbüchern inspirieren lassen. Gezeichnet sind die Figuren mit einem skizzenhaften Strich. Die Farbflächen ragen immer wieder über die Aussenlinien hinaus – man soll sehen, dass hier nicht alles digital glattgebügelt ist.
Gestritten wird kaum, dafür erleben die Kinder gemeinsam Abenteuer in der Natur – und das zu allen Jahreszeiten. Im Sommer veranstalten sie im Bach ein Rennen mit selbst gebastelten Holzschiffen, im Herbst bauen sie dem Igel ein «ober-mega-kuscheliges» Nest und im Winter formen sie ein Schnee-Eichhörnchen.

Letztlich ist «Nussbaumbandi», das ab dem 2. November auf Play Suisse abrufbar ist und auf SRF 1 ausgestrahlt wird, eine Hymne auf ein Kinderleben ohne soziale Medien und Smartphones – und ein Plädoyer für das freie Spielen. Erwachsene kommen darin nicht vor. Damit erfüllt die Serie wohl weniger Kinder- als vielmehr Elternwünsche. Wobei den meisten (Helikopter)-Eltern wohl der Atem stocken würde, sähen sie ihre Vorschulkinder auf so hohe Bäume klettern.
Auf uns Kinder der 80er-Jahre wirkt das neue «Guetnachtgschichtli» tatsächlich ein bisschen wie damals. Ich glaube, ich hätte es mir gerne angesehen und von einem so tollen Baumhaus geträumt. Man könnte auch sagen: antiquiert. Und das ist als Kompliment gemeint.
Doch das Zielpublikum sind nicht wir, die Kinder von damals, sondern die Kinder von heute. Also nahm ich meinen sechsjährigen Sohn Lion mit ins Kino – ein Kind der 20er-Jahre. Sozialisiert nicht mit dem «Guetnachtgschichtli», sondern mit «Paw Patrol» und Co.
Für ihn ist das «Guetnachtgschichtli» kein Fixpunkt, nach dem sich Tagesablauf und Nachtessen richten. Er lebt vielmehr in der Hoffnung, dass die Eltern, mit den Nerven am Ende, irgendwann die eiserne Regel brechen und ihn auch unter der Woche Videos schauen lassen. Und er weiss, dass nach fünf Minuten nicht die «Tagesschau» beginnt, sondern einfach das nächste Video und dann das nächste und dann das nächste … Smartphone statt Röhrenbildschirm.
Lion, wie hat dir «Nussbaumbandi» gefallen?
Gut. Aber es war zu kurz.
Möchtest du es zu Hause weiterschauen?
Ja. Geht das?
Lieber als «Paw Patrol»?
Ja. Aber darf ich auch «Ninjago» schauen?
Die Moral der Geschichte, die uns 80er-Kindern ja noch auf dem Silbertablett der Moderatorin serviert wurde: Kinder lieben Videos. So oder so. Vielleicht sollten wir Eltern bestimmen, welche es sind – und nicht sie. Und vielleicht sollten wir Videos öfter zusammen mit ihnen anschauen. Ich sass beim «Guetnachtgschichtli» nie allein auf dem Sofa.

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