
Es gab mal eine Zeit (die Neunzigerjahre!), da wurden plumpe Anmachsprüche auch ausserhalb von Trash-TV-Formaten gefeiert. Da tanzte Marco Rima im ersten kommerziellen Schweizer Musical-Erfolg «Keep Cool» mit Lederjacke und sichtbarer Brustbehaarung als Obermacho auf der Bühne. Dieser Mann wollte alles (Status, Job, Frauen) – und tat vor allem eins: auf die Schnauze fallen.
«Keep Cool», 1992 uraufgeführt mit Bo Katzman und Sandra Studer in den Hauptrollen, begeisterte eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer. Nun hat Marco Rima mit seiner damaligen Bühnenkollegin Isabelle Flachsmann eine neue Fassung geschrieben. Woker soll sie werden, mit Bastian Baker als neuem männlichem Role Model. Am 8. Oktober feiert das Musical am Zürcher Theater 11 Premiere. Ab 20.11. kommt es ins Musical Theater Basel und ab 18.12. gastiert es im KKL Luzern). Ein Gespräch über Männlichkeit damals und heute.
Marco Rima und Isabelle Flachsmann, Bo Katzman sang 1992 in «Keep Cool» als Boss Big Daddy den Satz: «Ich schnipp nur mit den Fingern, ne Mieze lässt das Tippen sein, die zweite schenkt mir Kaffee ein …». Kann man den heute noch auf einer Schweizer Musicalbühne bringen?
Flachsmann: Wir haben uns den Zusammenhang, in dem solche Sätze in der Originalfassung fallen, sehr genau angeschaut. Marco und ich haben viel über diese Fragen gestritten. Unser Lösungsansatz war: Die Sprüche von Big Daddy kommen in der neuen Musicalfassung von jemandem, der noch stark im Zeitgeist der 1990er-Jahre verwurzelt ist.
Ein Mann mit angestaubten Sprüchen? Da muss ich spontan an Sie denken, Herr Rima.
Rima: So ging es uns auch (Lacht.), und deshalb werde ich in der Neuauflage tatsächlich statt in die Rolle des Keep Cool in die Rolle des Big Daddy schlüpfen. Als Keep Cool wäre ich doch nicht mehr glaubwürdig, da erzählt mir der Spiegel alles. (Lacht). Also bin ich neu einfach der alte weisse Mann.

Wofür steht dieser alte weisse Mann?
Rima: Mein Grossvater war noch ein richtiger Patriarch, mein Vater war schon stolz darauf, wenn er gestaubsaugt hat. Ich bin bei uns zu Hause der Hausmann, der mit seinen Kindern Hausaufgaben macht. Meine Frau, die mich managt, kümmert sich seit Jahren um das Geschäftliche.
Um zur Mieze zurückzukehren, die den Kaffee bringt: Sie gelten als Meister des Flachwitzes. Reut Sie das manchmal, dass Sie die nicht mehr so bringen können wie früher?
Rima: In den 1990er-Jahren hatten Sie als Comedian mit Flachwitzen noch nicht so viele Probleme. Heute wissen viele gar nicht mehr, was das überhaupt ist, so ein Altherrenwitz. Deshalb finde ich es so reizvoll, dass ich in dieser Neuauflage wie ein Alien auftauchen und einer neuen Generation vermitteln darf, wie wir damals gelebt und worüber wir gelacht haben.
Also durfte die Mieze drinbleiben?
Flachsmann: Ich musste Marco überzeugen, dass das mit der Mieze nicht mehr geht. (Lacht).
Rima: Ich fand ja den Spruch «Die zweite leg ich flach» viel schlimmer. Da dachte ich mir dann auch, den kannst du vor dem Hintergrund der #MeToo-Bewegung nicht mehr bringen. Ich habe kein Problem mit deftigem, angriffigem oder auch provokantem Humor, aber auch bei mir gibts Grenzen.
Also sind Sie, Marco Rima, als Boomer in dieser Neuauflage wieder eine Witzfigur wie schon in den 1990ern als Keep Cool?
Rima: Ja, ich kann gut damit umgehen, dass die meisten Menschen von mir bis heute vor allem Witze erzählt bekommen möchten. Meine Mutter hat mir als Bub mal einen Satz gesagt, der mich tief geprägt hat: «Wenn ein Mädchen über deine Witze lacht, musst du nicht gleich glauben, dass sie was von dir will.» 10 Jahre bin ich mit dieser Falschinformation durch die Welt gegangen, bis ich Ende 19 meine erste Freundin hatte. (Lacht).
So schlecht war der Rat Ihrer Mutter nicht.
Ich hatte halt eine riesige «Schnurre». Ich versuche ja gerade, den Machismo bei meinem 14-Jährigen abzutrainieren. Dem muss ich doch ab und zu mal sagen: Hey, deine Mutter hat was zu dir gesagt. Deine Mutter ist auch meine Frau, also hast du auch ein Problem mit mir. So rede ich manchmal mit ihm.
Das klingt, als hätten Sie den Macho noch nicht ganz abgelegt. Worüber stolpert denn der Big Daddy in der neuen Musical-Fassung?
Rima: Wie im Leben über seine eigenen Unzulänglichkeiten. Es ist eine Figur, die manchmal ein bisschen mehr sein will, als sie ist. Eine, die angibt, mal einen dummen Spruch macht, die aneckt. Ein Stück weit bin das ich, ein Stück weit sind das wir alle. Komik auf eine Bühne zu bringen, erscheint mir insgesamt viel anspruchsvoller als das Schreiben von Dramen.

Was sind denn Ihre persönlichen Dramen?
Rima: Darüber habe ich kürzlich nachgedacht: Das grösste Drama in meinem Leben war nicht der Tod meines Vaters, sondern der Liebeskummer. Ich hatte furchtbaren Liebeskummer!
Das sagen Sie als 65-Jähriger nach 21 Jahren Ehe?
Das hört ja nie auf. Heute durchleide ich den Liebeskummer meiner 17-jährigen Tochter mit. Ich habe die jungen Männer ja persönlich kennengelernt und liebgewonnen, mir geht so eine Trennung manchmal näher als ihr. Aber um auf das Stück zurückzukommen: Ich bin sehr froh, dass mit Isabelle Flachsmann eine Frau mitgeschrieben hat. Wenn ich das Stück mit einem Mann geschrieben hätte, hätte es nie dieselbe Qualität. Durch sie ist eine weibliche Perspektive in den Text eingeflossen, was auch die Darstellerinnen sehr zu schätzen wissen.
Die Frauen in der Ursprungsfassung sind sehr dominant. Zufall?
Meine Mutter hat immer gesagt: Wenn du nicht selbst kochen und waschen kannst, bist du nur ein halber Mann. Starke Frauen wie meine Mutter oder meine Schwester haben mich in meinem Leben immer geerdet. Da gibt es also schon Parallelen zwischen meinem Leben und dem Musical. Keep Cool mag der grosse Sprücheklopfer sein, aber es genügt nur ein Satz einer Frau und er wird klein. Isabelle Flachsmann kann man übrigens nicht überfahren. (Lacht).
Frau Flachsmann, Sie spielten damals mit 20 die Rolle der Laura. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal lasen?
Flachsmann: Als junge Frau stand ich damals erst am Anfang meiner Karriere und war total begeistert, dass ich mit so prominenten Grössen zusammenarbeiten durfte. «Keep Cool» war definitiv seiner Zeit voraus. Den Zeitgeist von damals hatte es gut eingefangen, und das wollen wir nun wieder versuchen. Dafür stellten wir die Kernbotschaft des Originals ins Zentrum.
Die wäre?
Flachsmann: Es geht um die menschliche Fassade. Wie verkauft man sich nach aussen, um zu genügen? Was denkt man, muss man darstellen, damit man interessant ist? Deswegen haben wir die alte Geschichte in die gegenwärtige Logik von Social Media und Casting-Shows verlagert.
Rima: Unsere Message ist: Lass deine Maske fallen und zeig dein wahres Gesicht!
Das Rollenangebot für Männer ist heute riesig. Es gibt Männer, die sich die Fingernägel lackieren und es gibt Männer wie Andrew Tate.
Flachsmann: Es ist für junge Männer schwierig geworden, zwischen all diesen Vorbildern ihren Weg zu finden. Das sieht man auch an unserem neuen Keep Cool, der von Bastian Baker verkörpert wird: Auch der ist bei der Liebe am Ende ratlos. Ich finde, das trifft den Zeitgeist sehr gut: Man findet via Google auf alles eine Antwort, aber die Liebe bleibt ein Mysterium.
Rima: Es gab in den 1970er-Jahren mal dieses Buch von Esther Vilar, «Der kastrierte Mann» …
Sie meinen wohl «Der dressierte Mann», diese Streitschrift, mit der Vilar sich gegen die Thesen der Frauenbewegung wandte?
Rima: Ja, genau die. Ich glaube ja grundsätzlich, dass das Männerbild sich insgesamt zum Besseren entwickelt hat. Aber gleichzeitig bin ich überzeugt, dass es genug Frauen gibt, die sich auch wieder mal nach einer starken Schulter sehnen. Meine Tochter ist mit einem Hockeyspieler verheiratet, ein Verteidiger, der übrigens gut kochen kann! Da habe ich als Vater ein gutes Gefühl. Ich weiss, das klingt jetzt etwas archaisch ---
Ihren neuen Keep Cool haben Sie allerdings mit dem für sein sympathisches, bodenständiges, softes Image bekannten Bastian Baker besetzt …
Rima: Bastian Baker spielt diesen Sunny Boy, der in einer Castingshow auftritt, ganz wunderbar. Erst als ihm Claire begegnet, wird sein Herz schwer. Wir erzählen in der neuen Fassung also auch von der Sehnsucht zweier Menschen, die nicht wissen, wie sie sich sagen sollen, dass sie sich gernhaben. Da steckt viel Herzschmerz drin und wir bewegen uns da nah an den Problemen der Gen Z, die ein Problem mit Intimität hat. Auch dieses Sunnyboy-Image ist letztlich nur Fassade.

Auch Sie beide verbindet ein spezielles Verhältnis: Sie, Marco Rima, waren mal der Lehrer von Isabelle Flachsmann.
Rima: Ihr späterer Regieassistent kam zu mir ins Schwimmen. (Lacht).
Wann wurde Marco Rima für Sie zum Idol?
Flachsmann: Ich sah ihn im «Wilhelm Tell» als Teil des Kabaretts Marcocello in einer Turnhalle, da fand ich ihn auf einmal wahnsinnig lustig.
Rima: Als 18-Jährige kam sie an ein Vorsprechen von mir und ich dachte: Hoffentlich ist sie gut! Eine ehemalige Schülerin will man nicht verprellen. Aber sie war eine Kanone! Mein damaliger «Keep-Cool»-Co-Autor Marco Schneider und ich spürten sofort, dass die Frau ihren Weg machen wird. Sie landete am Broadway. Und jetzt übernimmt sie hier die Regie.
Flachsmann: Dass ich als Schweizer Regisseurin nun diese grosse Kiste stemmen darf, ist für mich ein Ritterschlag. In der Schweiz hat das bislang noch keine Frau getan.
Sie geben also Macht ab, Herr Rima. Und Ihre alte Macho-Rolle. Fiel Ihnen das schwer?
Rima: Nein, beim Thema Macht gebärde ich mich zwar manchmal immer noch wie ein alter weisser Mann. (Lacht). Aber ich habe inzwischen auch gelernt, loszulassen. Ich muss nicht mehr im Rampenlicht stehen. Ich habe in den letzten 45 Jahren so viel gemacht und erlebt, und trotzdem steht für mich fest: Das Schönste bleibt für mich meine Familie.
Zu den Personen
Der ehemalige Zuger Primarschullehrer Marco Rima, 65, startete seine Karriere in den 1980er-Jahren mit dem Duo Marcocello. Mitte der 1990er-Jahre wurde er Teil der «Wochenshow» auf Sat.1. Neben dem Musical «Keep Cool» (1992) und mehreren Comedyprogrammen wirkte er auch in Filmen mit («Achtung, fertig, Charlie», «Handyman», «Liebling lass uns scheiden»). Rima ist Vater von vier Kindern. Er lebt mit seiner zweiten Frau Christina in Oberägeri.
Für die Zugerin Isabelle Flachsmann, 53, war das Musical «Keep Cool» (1992) das erste grosse Bühnenengagement. Die ausgebildete Balletttänzerin, Schauspielerin und Musicaldarstellerin spielte lange am Broadway und war auch hierzulande an vielen Theater- und Musicalprojekten beteiligt. Daneben tourt sie als Comedienne im Trio Die Ex-Freundinnen. (jst)


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