Popmusik

Fünf Millionen Streams und Grönemeyer als Fan? So klingt Leilas erstes Album

Leila Surkovic hat drei Zuhause – und ist trotzdem nirgends angekommen. Auf ihrem Debütalbum singt sie vom Erwachsenwerden und vom Gefühl, irgendwo dazwischen festzustecken.

Ratten der Lüfte. Dreckig, laut, lästig. Tauben gehören zum Stadtbild wie Abfalleimer und Bushaltestellen. Doch während manche die Vögel verscheuchen, sieht Leila Surkovic schillernde Federn, Freiheit und ein ziemlich ungerechtes Image: «Wenn das ein Vogel in Südamerika wäre, würden alle sagen: ‹Wow, so schön.›»

Dass ausgerechnet die Stadttaube zum Symbol ihres ersten Albums geworden ist, hat aber noch einen anderen Grund. Tauben sind überall und doch nirgends so richtig zu Hause. Dieses Gefühl kennt die 25-jährige Musikerin. Bern, Sarajevo und New York nennt sie ihr Zuhause. «Aber so habe ich immer Heimweh und bin nie an einem Ort angekommen», sagt sie.

Drei Orte, drei Zuhause

Die Taube zieht sich durch «20 something is a f*cking strange place», Leilas Debütalbum, das am 18. September erschien. Nach Millionen Streams, Auftritten an Festivals wie dem Gurten und dem OpenAir St. Gallen und einem Vertrag bei Herbert Grönemeyers Label ist das Album der nächste grosse Schritt für die Musikerin.

Der Vogel sitzt auf dem Cover und verbindet die drei Städte, in denen die Songs entstanden sind. In Bosnien findet Leila eine Ruhe, die ihr in der Schweiz manchmal fehlt. «Die Leute gehen dort vier Stunden lang Kaffee trinken. Das ist normal. Dafür bin ich in Bern produktiver.» In New York wiederum passiere ständig etwas. «Jeder Ort bringt verschiedene Sachen aus mir heraus.» Zwischen diesen drei Orten entstand auch ihre Musik. Irgendwann entschied sie, diesen Weg ganz zu gehen.

Ein Handyvideo als Startschuss

Angefangen hat diese Entscheidung ausgerechnet in einer Zeit, in der Leilas Leben weitgehend stillstand. 2020, mitten in der Corona-Pandemie, war sie gerade von zu Hause ausgezogen und absolvierte ihre Ausbildung zur Grafikerin. Der Unterricht fand über längere Zeit von zu Hause statt. Für Leila, die sich selbst als sozialen Menschen beschreibt, fiel damit etwas Entscheidendes weg: andere Menschen.

In der Isolation begann sie zu schreiben. Auf dem Handy nahm sie eine erste, noch ziemlich rudimentäre Version von «Gun To My Head» auf. Dann meldete sich Nemo. Die beiden kannten sich bereits. Nemo hatte mitbekommen, dass Leila sang und eigene Songs schrieb. Sie selbst hatte damals kaum daran gedacht, dass aus ihrer Musik tatsächlich ein Beruf werden könnte. Sie zeigte Nemo ihre Aufnahme. «Es waren sehr schlechte Handy-Videos», erinnert sie sich. Doch Nemo gefiel die Skizze. Gemeinsam schrieben sie den Song fertig und produzierten ihn. Leila erwartete nicht viel davon. Doch «Gun To My Head» wurde zum Anfang ihrer Karriere. Was als Lied über Isolation und das Gefühl, im eigenen Leben festzustecken, entstand, traf offenbar einen Nerv. Heute zählt der Song mehr als fünf Millionen Streams auf Spotify.

Als Grönemeyers Label anklopfte

Noch während ihrer Ausbildung meldete sich Grönland Records bei Leila, das Label von Herbert Grönemeyer. «Ich habe nur selten in mein Postfach geschaut», erinnert sie sich. Das Label lud sie trotzdem ein, 2023 unterschrieb sie. Auch Grönemeyer hat sie inzwischen kennengelernt. Ob ihm ihre Musik gefällt? «Ich glaube schon», sagt sie und lacht. «Sonst wäre ich wohl nicht bei ihnen unter Vertrag.» Zusätzlichen Druck durch Namen wie Nina Hagen oder Philipp Poisel, die beim selben Label unter Vertrag stehen, verspüre sie nicht, die Zusammenarbeit sei schnell familiär geworden.

Wenn sich die Wege trennen

Ihre erste EP nannte sie «Burnout», später folgte «Generation». Auch heute beschäftigt sie die Frage, wie man eigentlich erwachsen wird. Besonders seltsam findet sie an den Zwanzigern, wie sich die Wege plötzlich trennen. Menschen, die in der Schule jahrelang zusammensassen, entscheiden sich für ein Studium oder einen Beruf. Freundschaften verändern sich, manche verschwinden. «Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich für sich selbst und für sein Ziel im Leben entscheiden muss», sagt sie. «Das passiert halt in den Zwanzigern.» Genau dieses Dazwischen hat sie nun auf 13 Songs festgehalten.

Bern aus der Ferne

Musikalisch lässt sich Leila weniger eindeutig festlegen. Pop sei mittlerweile ein so breites Genre, dass sie ihre Musik durchaus dort verorten würde, sagt sie. Dazu kommen Einflüsse aus Punk und Rock. Wie sehr sich ihr Blick mit der Distanz verändert, zeigt «Small Town Big Mouth». Der Song handelt von Bern und der Schweiz – geschrieben hat Leila ihn ausgerechnet in New York. Drei Monate verbrachte sie dort. Erst mit dem Abstand habe sie über ihre Heimat schreiben können. «In der Schweiz hätte ich nie geschrieben: ‹I'm from Bern, that's in Switzerland›», sagt sie und lacht.

Auch die übrigen Songs entstanden teils an mehreren Orten. Wichtiger ist der Sängerin ohnehin das Album als Ganzes. Zum ersten Mal habe sie beim Schreiben konsequent daran gedacht, dass die Songs gemeinsam ein Werk ergeben sollen. Besonders mag sie jene Stücke, die weniger dem Mainstream entsprechen und es deshalb vielleicht nicht ins Radio schaffen.

Nicht für alle

Den grössten Druck mache sie sich selbst. Zwei Jahre lang habe sie praktisch jeden Tag Energie in ihr Debütalbum gesteckt. Trotzdem schwankte ihr Urteil bis kurz vor der Veröffentlichung: «An manchen Tagen denke ich, das ist das Geilste, was ich je gemacht habe, an anderen halte ich es für das Schlechteste.»

Dass es nicht allen gefallen wird, ist ihr bewusst. «Ich kann niemals alle Leute erreichen. Mein Ziel ist es, weiter auf Festivals und vor allem volle Konzerte zu spielen.» Wenn die Menschen ihre Songs kennen und mitsingen, würden daraus irgendwann «unsere» Songs, sagt Leila. Eines dieser Konzerte würde sie besonders gerne in New York spielen. In ihrer Wahlheimat ist sie bislang noch nie aufgetreten. «One day», sagt sie.

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