Bei «DSDS» hätte es Herbert Grönemeyer wohl kaum eine Runde weiter geschafft. Auch seine Familie «hat sich die Haare gerauft», als der Sohn nicht Maschinenbauer werden, sondern Musiker machen wollte. «Was soll aus dem bloss werden?», haben sie sich gefragt. Die Antwort: der erfolgreichste deutsche Popstar mit einer 40-jährigen Karriere.
Nun wird er in der ARD-Doku «Grönemeyer – Alles bleibt anders» gefeiert. Sogar Produzentin Katrin Sandmann war überrascht, wie nahbar der Star bei den Dreharbeiten war. Und «wie sehr er auch mit sich selbst ins Gericht gegangen ist», erzählt sie im Interview mit SWR. Das hätte sie nicht gedacht, schliesslich ist Grönemeyer berühmt. Und doch ist er kein bisschen abgehoben.
Harte Kritiken und zeitlose Erfolge
Geboren am 12. April 1956, wuchs er als jüngster von drei Jungs in Bochum auf. Mit acht Jahren spielte er Klavier, verdiente später im Schauspielhaus Bochum sein erstes Geld als Pianist und war mit 20 Jahren musikalischer Leiter. 1979 veröffentlichte er sein erstes Album. «Der Erfolg hielt sich massiv in Grenzen», sagt er heute. Stattdessen hiess es in einer knallharten Kritik Anfang der 1980er-Jahre: «Sein Hauptproblem besteht wohl darin, dass er nicht singen kann.»
Trotzdem gelang ihm 1984 der Durchbruch mit dem Album «Bochum». Darauf waren nicht nur der gleichnamige Hit, sondern auch Songs wie «Flugzeuge im Bauch» und natürlich «Männer».
Bereits damals fragte er: «Wann ist ein Mann ein Mann?» und taucht damit nun plötzlich wieder in TikTok- und Instagram-Videos auf. Darin erzählt ein junger Grönemeyer: «Auslöser für den Song war, dass ich bei mir und anderen Männern Dinge beobachtet habe, wo ich sagte: Du musst mal ein Lied schreiben, das hilft, dass wir Männer auch ein bisschen dazu beitragen, dass das Zusammenleben zwischen Mann und Frau einfach leichter wird.» Denn wenn es umgekehrt wäre und Frauen die Männer ständig anglotzen und anbaggern würden, «würde uns das irgendwann auch auf den Keks gehen.» Selten war eine 42 Jahre alte Aussage wohl so aktuell. Das zeigt, wie zeitlos Grönemeyers Songs tatsächlich sind.
Privater Schicksalsschlag
Er feierte nicht nur musikalisch, sondern auch als Schauspieler Erfolge. Sein bekanntester Film ist der Klassiker «Das Boot» von 1981. Rückblickend nennt Grönemeyer seine Karriere seit damals einen «Dauerrausch». Doch privat sah es ganz anders aus. Im November 1998 starben sein Bruder Wilhelm († 44) und seine Frau Anna Henkel († 45) innerhalb von nur vier Tagen.
Grönemeyer war 22 Jahre alt, als er Henkel 1978 an einem Filmset kennenlernte – und erinnert sich heute noch daran: «Ich weiss noch, wie sie von der Probe runterkam und ich in der Kantine sass. Wir haben uns gegenseitig angeschaut, und ich glaube, wir konnten miteinander nicht viel anfangen.» Das änderte sich offensichtlich. 1993 heiratete das Paar und bekam zwei Kinder. Doch das Glück hielt nicht an. Bald darauf erhielt Henkel die Brustkrebs-Diagnose und erlag der Krankheit schliesslich 1998.
«Es kommt alles zum Stillstand», sagt Grönemeyer in der Doku über die wohl schwerste Zeit seines Lebens. «Es ist wie ein Beben, es ist Stille. Grosse Stille», erzählt er. «Hilfreich war bei der ganzen Tragik: Du kannst dir ja keine Stille leisten, weil nebenher eben diese zwei wunderbaren Kinder waren, wo man sagte: Was machen wir jetzt? Denn wir sind auch noch da.»
Es war seine Tochter, die ihn mit einem Satz dazu brachte, weiter Musik zu machen: «Du hörst nicht auf zu singen.» Denn das sei nicht nur für ihn «elementar», sondern auch für seine Liebsten. Und als an dieser Stelle mit «Der Weg» das Lied eingespielt wird, das Grönemeyer seiner Frau gewidmet hat, passiert vor dem Bildschirm vermutlich dasselbe wie bei jedem Konzert: Bei den Zuschauern öffnen sich die Schleusen, und die Tränen fliessen.
Ganz oben angekommen und doch noch unterwegs
Genau das macht Herbert Grönemeyer aus: Seine Songs sind echt, und man spürt die Menschlichkeit. In dieser Zeit entstand mit genau diesem Rezept auch eines seiner erfolgreichsten Alben. «Bei ‹Mensch› geht es ums Trauern, es geht aber auch um den Aufbruch. Und durch das Trauern schafft man es auch wieder, sich aufzumachen», sagt Grönemeyer. «Ich habe die Platte auch ‹Mensch› genannt, um mich bei allen Menschen, die mir Zuspruch geschenkt haben, zu bedanken.»
Heute erklärt er: «Trauer heisst für mich, jemanden in Ehren zu halten.» Und er hat wieder eine Liebe gefunden. 2016 heiratete Grönemeyer seine Frau Josefine Cox, mit der er 2019 noch mal Vater wurde. Seine Familie hält er allerdings aus der Öffentlichkeit heraus.
Ganz anders als sich selbst. Die Doku zeigt eindrücklich nicht den Star, der ganz oben angekommen ist, sondern eine Person, die immer noch unterwegs ist. Und immer noch Unsicherheiten hat. Die ständige Angst etwa, die eigene Kreativität könnte plötzlich verschwinden. Oder dass er sich «vor sich selbst langweilen» könnte. Schwer vorstellbar. Und doch so sympathisch wie eh und je.
«Grönemeyer – Alles bleibt anders» läuft am 13. April 2026 um 20:15 Uhr bei ARD und ist in der ARD Mediathek zu sehen.



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