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TV-Kritik «Late Night Switzerland»

So schlug sich Büssi gegen Late-Night-Legende Harald Schmidt

Bei der aktuellen Folge «Late Night Switzerland» wühlte Stefan Büsser in schlechtem Geschmack, holte aber das Menu mit dem süffisanten Harald Schmidt wieder auf Niveau.
«Late Night Switzerland» mit Gast Harald Schmidt und Moderator Stefan Büsser.
Bild: Screenshot/SRF

Soll man mit Stefan Büsser Mitleid haben? Am Sonntag war ich nahe dran. Denn wenn man wie er jeden Sonntag die Absurditäten der Gegenwart aufs Korn nimmt, muss man auch mal tief in Geschmacklosigkeiten wühlen. In den Anfangsminuten der aktuellen Show hätte man am liebsten die Augen geschlossen. Aber der bedauernswerte Stefan Büsser musste da ran. Also von vorne:

Harziger Start mit menschlichen Embryos

Geschmacklosigkeit Nr. 1: Xavier Naidoo, der Musiker, der als Verschwörungsmissionar durch die Lande zieht. Er behauptet in die Fernsehkameras hinein, wir hätten alle schon verarbeitete menschliche Embryos - also zerkleinert - in unseren Lebensmitteln gegessen. Was Büsser veranlasst, die herzigen «Babybel»-Käsli einzublenden, und ebenfalls in die Kameras zu predigen: «Bitte, esst keine Babys, wir haben sonst schon eine niedrige Geburtenrate!»

«Late Night Switzerland» mit Stefan Büsser.
Bild: Screenshot/SRF

Geschmacklosigkeit Nr. 2: Die Männerfreundschaft von Donald Trump und Gianni Infantino. Deren grinsende Schleimereien bringen ja den edlen Begriff der Männerfreundschaft arg in Verruf. Wenn man die zwei sich auf einem Podium des Gaza-Friedensrats anlächeln sieht, ist das dann aber nicht wirklich lustig. Über Büssers Pointe, es fehlte nur noch, dass Infantino seinem Kumpel Trump den Fifa-Philosophenpreis überreicht, lachte zwar das Publikum. Aber die Philosophen werden daran keine Freude haben.

Auf die beiden kann «Late Night Switzerland» nicht verzichten: Donald Trump und Gianni Infantino.
Bild: Screenshot/SRF

Warum engagiert man schlechte Schnitzelbänkler?

Gschmacklosigkeit Nr. 3: Ja, leider, lustig sind diese «Schnaps Bagge»-Schnitzelbänkler wirklich nicht. Sondern peinlich. Die singen doch tatsächlich, eine Studie habe bewiesen, dass bei Verheirateten das Demenzrisiko grösser sei. Wenn jemand diese Krankheit habe, sei das schon schrecklich. «Ich habe mich aber auch schon gefragt, ob ich sagen könnte, wer ist das in der Küche? Ich kenne die nicht.»

Geht es noch abgeschmackter? Ja, es geht. Denn Geschmacklosigkeit Nr. 4: Wieder die Schnitzelbänkler: «Trump ruft Keller-Sutter an. Er entschuldige sich für sein Verhalten damals am Telefon, aber er sei damals abgelenkt gewesen. Gianni Infantino habe ihm gerade mit der Zunge das Hinterteil massiert.»

Hallo Stefan Büsser, hallo SRF, das kann doch nicht Euer Humor-Niveau sein! Ich war nah am Ausschalten. Aber angekündigt war doch noch Harald Schmidt. Und den Grossmeister der süffig-zynischen Witzelei darf man nicht verpassen. Aber ihn muss man herausfordern, nicht einfach plappern lassen. Denn wer Harald Schmidt an den Tisch holt, riskiert, nicht mehr zu Wort zu kommen. Christoph Schlingensief kapitulierte 1997 in seiner Sendung «Talk 2000» vor dem übermächtigen Gast-Schwafler Harald Schmidt und lief verzweifelt und komplett verunsichert aus seiner eigenen Sendung hinaus. Aber Stefan Büsser hält sich wacker - davon später.

Herzige Satire auf den sturen Service public

Denn zuvor wirds doch noch investigativ und lustig über der Schweizer Post. Weil sein Reinacher Briefkasten mit 1,6 Meter Abstand von der Strasse steht, bekommt Simon Bréchet keine Post mehr zugestellt. Ein gefundenes Fressen für Satiriker, die mit Aussenreporterin auf groteske Lösungen kommen: Mit Pfeil und Bogen die Briefe zum Haus schiessen? Briefe an Magnet befestigen und zum Briefkasten werfen? Einen patentierten Textabschnittredner engagieren? Oder aufgeben und den Briefkasten an die Strasse stellen? Das war sehr herzige Satire auf den sturen Service public!

«Late Night Switzerland» mit süffiger Satire auf den Service public.
Bild: Screenshot/SRF

Und dann sitzt die Comedy-Crew im Einspieler mit Büsser am langen Tisch, am Abendmahltisch. «Stirbst Du jetzt doch noch?», wird er gefragt. Nein, nein. Aber wenn es das SRF nach der Halbierungsinitiative nicht mehr geben sollte: Wo soll Büsser dann auferstehen? «Als Bachelor auf 3+!» Guter Gag!

Stefan Büsser, KI-generiert als Bachelor.
Bild: Screenshot/SRF

Der Gast ist König der zynischen Witzelei

Für Harald Schmidt gibt schon bei der Begrüssung Standing Ovations. Und ja, der Mann ist immer noch informiert und mit lächelndem Biss unterwegs. Eine Late Night, wie es Büsser macht, also nur einmal die Woche, das wäre ihm zu wenig. Und bei Olympia zählt er doch tatsächlich die Schweizer Medaillen am Sonntag auf – um gleich zu kalauern, er wäre dafür, dass Olympia das ganze Jahr dauert, nur unterbrochen von der Champions League und der Fussball-Weltmeisterschaft.

Wieviel Geld müsste man Harald Schmidt bieten, damit er wieder ins TV zurückkommt: «Wenn mir Geld wichtig wäre, hätte ich 50 Konten auf verschiedene Namen auf Schweizer Banken. Ich sehe es gerne, wenn andere den Verlockungen erliegen. Aber mein Leben ist zu angenehm. Mal bisschen Schweiz, mal Mexiko, mal Österreich, aber dann auch viel heimische Couch.»

Büsser wagt sich sogar in den Polittalk

Stefan Büsser fragt Schmidt nach der 10-Millionen-Schweiz. Wie würde er die Migration managen? Ausweichende Rückfrage von Schmidt: «Habt Ihr auch die Unterscheidung zwischen Passschweizern und Bioschweizern? Wenn sich die Schweiz, Vorarlberg, Baden-Württemberg und Bayern zusammenschliessen, wäre man erfolgreicher als Kalifornien. Aber wir müssen ja die eigenen Schwellenländer mitschleppen.»

Und zum Verhältnis Schweiz-EU? «Lebt Euren Traum der Souveränität weiter. Und wenn es doch noch mal Ernst wird in Europa, seid ihr ja auf der sicheren Seite, also bis spätestens 14 Uhr.» Er sei wahnsinnig gerne als Gast in der Schweiz. Um dann einen Seitenhieb zu platzieren. «Viele ziehen als Steuergründen zum Beispiel in den Kanton Zug. Ein fantastischer Ort, wenn man gerne Fuchs und Hase beim Gute-Nacht-Sagen zuschaut, um 12.30 Uhr.»

Aber warum lacht und klatscht das Publikum, als Schmidt sagt, er fordere nicht nur ein Renteneintrittsalter, sondern dass man auch über ein Rentenaustrittsalter sprechen soll? «Auf Dauer wird es nicht mehr gehen, dass jeder stirbt, wie es ihm gerade einfällt. Da sollte es auch in der Schweiz kein Denkverbot geben.» Da war Harald Schmidt wieder in seinem Metier des zynischen Lächelns.

Und dann wagt Büsser noch die heftigste Frage überhaupt: «Bist Du auch in den Epstein-Files?» Schmidt stutzt, und sagt: «Nein, nein, ich war nicht interessant genug als finanzieller Kontakt.»

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