
Sie dachte, sie ersticke, und fühlte sich verängstigt. Das erzählt Jennifer An im BBC-Podcast «Fame Under Fire». Die ehemalige «America’s Next Top Model»-Kandidatin, die als Model und Schauspielerin arbeitet, verklagt Kanye West. Der Grund: Als sie 2010 einen Gastauftritt in seinem Musikvideo hatte, soll der Rapper sie am Set gewürgt und ihr die Finger in den Mund gesteckt haben, um Oralsex zu simulieren.
Das Kuriose: Wests Anwälte bestreiten den Vorfall nicht. Stattdessen argumentieren sie, der Angriff sei Teil einer «intensiven und provokanten Theaterperformance» gewesen. West habe versucht, eine Szene aus dem Film «American Psycho» nachzustellen.
«Das ist Kunst, ich bin Picasso»
An erzählt, dass sie zunächst gar nicht wusste, dass West bei dem Shooting anwesend sein würde. Die damals 24-Jährige wurde für das Musikvideo zu La Roux’ Hit «In For The Kill» engagiert. Plötzlich sei der Rapper aufgetaucht, und sie habe sich mit anderen Models im Flur aufreihen müssen. Daraufhin habe West sie und zwei andere Frauen für die Szene mit ihm ausgewählt.

West habe sie vor der Kamera auf einen Stuhl gesetzt, und sei hinter ihr gestanden. «Ich wusste nicht, was passieren würde. Mir wurden keinerlei Anweisungen gegeben», erzählt An.
«Plötzlich streckte er eine Hand aus und würgte mich. Ich wusste überhaupt nicht, was los war», sagt sie. «Dann zog er seine andere Hand heraus und würgte mich mit beiden Händen, verschmierte mir mein Make-up im ganzen Gesicht und steckte mir seine Hände in den Mund.» Es habe sich angefühlt, als würde er Oralsex simulieren. Wie er ihr Make-up verschmierte, habe sich «einfach falsch» angefühlt.
Crewmitglieder hätten nicht eingegriffen, sondern «ganz still dagestanden und mich angestarrt». Als West fertig war, habe er abrupt gesagt: «Das ist Kunst, ich bin Picasso.» Dann sei er gegangen. Auch sie habe sich nicht gewehrt: «Ich war wie gelähmt, ich dachte: ‹Ich könnte meinen Job verlieren.›» Es sei beängstigend gewesen. Auch, weil West weder davor noch danach mit ihr geredet habe.
An erzählt im Podcast, sie habe nach dem mutmasslichen Vorfall mit der Sängerin La Roux gesprochen, und diese habe sich entschuldigt. An bat sie, die Szenen nicht zu veröffentlichen, weil «meine Mutter das auf keinen Fall sehen darf». Die Sängerin habe ihr versichert, das nicht zu tun. Im veröffentlichten Video sind weder An, noch Kanye West zu sehen. Der Sänger war allerdings an einer Remix-Version von «In For The Kill» beteiligt.

«Einwilligende Teilnehmerin der Bühnenperformance»?
Das Model reichte 2024 Klage ein. Damals kontaktierte sie La Roux erneut auf Instagram und fragte sie, ob sie sich an den Vorfall erinnere. Die Sängerin antwortete: «Ich könnte das nie vergessen, es war furchtbar.» West habe gewusst, was er tat, und es «lustig» gefunden. Diese Nachrichten wurden dem Gericht als Beweismittel vorgelegt.
Der Prozess steht noch aus. Wests Anwälte reichten Anfang 2026 einen Antrag auf Abweisung der Klage ein, weil die Begegnung «im Rahmen der Produktion künstlerischer Darbietungen stattgefunden» habe. Ausserdem habe An zu keinem Zeitpunkt Einspruch erhoben, ihre Teilnahme verweigert oder versucht, die Aufführung zu verlassen. Sie sei «eine einwilligende Teilnehmerin der Bühnenperformance» gewesen.
Ans Anwalt sagte gegenüber der BBC, es wäre ein «wirklich gefährlicher Präzedenzfall», wenn Künstler das Gefühl hätten, sie könnten «im Grunde tun, was sie wollen, mit wem sie wollen, in kreativen Bereichen, und damit durchkommen, solange sie es Kunst nennen».



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