
Mehr als eine halbe Million Menschen haben das Original in den 1990er-Jahren gesehen. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an diesem Premierenabend im Theater 11 in Zürich-Oerlikon. Marco Rima, der damals selbst die Hauptrolle spielte, steht wieder auf der Bühne.
Diesmal allerdings als Big Daddy, ein ebenso mächtiger wie selbstverliebter Showproduzent. Den jungen Sänger verkörpert Bastian Baker. Im Mittelpunkt steht eine Castingshow, bei der Keep Cool seinen grossen Durchbruch schaffen will. Doch der Weg zum Ruhm führt über Big Daddy, der in der Show die Fäden zieht. Und dann verliebt sich Keep Cool ausgerechnet in dessen Ex-Frau Claire. Plötzlich geht es nicht mehr nur um die Karriere, sondern auch um die Liebe.
Regisseurin Isabelle Flachsmann kennt das Stück bestens. Sie stand bereits in den 1990er-Jahren bei «Keep Cool» auf der Bühne, bevor ihre Karriere sie bis an den Broadway führte. Nun hat sie das Musical gemeinsam mit Rima überarbeitet und ins Jahr 2026 geholt. Dabei waren sich die beiden nicht immer einig. Ihre unterschiedlichen Vorstellungen hätten sie stetig verhandelt, erzählt Flachsmann, «manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Harmonie». Mit dem Ergebnis ist sie zufrieden: «Ich bin stolz auf diese Neufassung.» Auf der Bühne scheint man fest entschlossen, alles zu geben. Vielleicht sogar ein bisschen zu viel.

Ein Witz kommt selten allein
Gerade in der ersten Hälfte kennt «Keep Cool» kaum Zurückhaltung. Ein Witz jagt den nächsten, die Figuren sind bis zur Karikatur überzeichnet. Boomer-Witze treffen auf Dad Jokes und Anspielungen auf die heutige Internetkultur. Auch Jugendsprache wie «lit» und «slay», Ausdrücke für cool, darf nicht fehlen. Nicht immer wirkt der Versuch, möglichst zeitgemäss zu klingen, überzeugend. Mit der Zeit wird es anstrengend, die Komik wirkt zunehmend erzwungen. Manchmal ist alles so überdreht, dass die schauspielerischen Leistungen dahinter beinahe untergehen. Selbst Bastian Baker in der Titelrolle hat es anfangs schwer, sich schauspielerisch zu behaupten.
Und dann sind da noch die Werbeunterbrechungen. Mitten im Geschehen wird die Handlung für absurde Einspieler unterbrochen. In einem davon knallt ein Hase gegen eine Glasscheibe und rutscht quietschend daran herunter. Weshalb? Das bleibt ebenso rätselhaft wie der komische Mehrwert dieser Einlagen. «Die Werbeeinschaltungen waren schon ein Element im 90er-Jahre-Original und sind ein Teil Marco Rimas unverkennbaren Humors», erklärt Regisseurin Isabelle Flachsmann auf Anfrage. Nur was damals funktionierte, muss es 34 Jahre später nicht zwangsläufig wieder tun.
Weniger Witz, mehr Gefühl
Dabei hätte «Keep Cool» diese Dauerbeschallung mit Pointen gar nicht nötig. Sobald die Inszenierung ihrem Ensemble etwas mehr Raum lässt, zeigt sich, dass das Können auf der Bühne vorhanden ist. Vor allem in der zweiten Hälfte. Die Witze wirken weniger erzwungen, die Figuren sind nicht mehr ganz so überzeichnet, und auch der Gesang gewinnt an Qualität. Besonders überzeugt Viola Tami als Claire. Vor allem gesanglich. Und wenn sie gemeinsam mit Bastian Baker singt, stimmt nicht nur die musikalische Harmonie, die Annäherung ihrer Figuren nimmt man ihnen ebenfalls ab.

Selbst Marco Rima, der 1992 noch die Titelrolle spielte, zeigt sich von seinem Nachfolger beeindruckt: «Mein jüngeres Ich hätte vor 34 Jahren gestaunt, wie dynamisch, athletisch und gesanglich perfekt die Rolle von Keep Cool besetzt werden kann.» Überhaupt gelingt es den Liedern häufig besser als den Dialogen, die Gefühle und Konflikte der Figuren zu vermitteln.
Für einen weiteren Lichtblick sorgt Daniel Bill als Chiquita D. Mit grossen Gesten und einer gehörigen Portion Selbstironie bringt er eine ganz eigene Komik auf die Bühne. Hier funktioniert die Überzeichnung, an der andere Figuren bisweilen scheitern.
Auch die Tanzeinlagen gehören zu den Höhepunkten des Abends. Mit einer Mischung aus Hip-Hop, Breakdance und modernem Showtanz sorgt das Ensemble für einige der stärksten Momente. Die Choreografien sind präzise und energiegeladen. Hier wirkt die überbordende Energie der Produktion nicht störend, sondern genau richtig. Auch bei den Kostümen wird nicht gespart: Bastian Baker singt über die Lederjacke auf seiner nackten Haut, die er auch permanent trägt, Chiquita D. präsentiert sich in schillernden Outfits mit Federn, und auch der Rest des Ensembles glitzert um die Wette. Überhaupt bedienen die Kostüme die Klischees ihrer Figuren mit sichtbarer Freude. Dazu kommt eine riesige LED-Wand, die mit wechselnden Kulissen für eine aufwendige visuelle Inszenierung sorgt.

Schluss mit den alten Witzen
Nicht nur musikalisch, auch inhaltlich soll «Keep Cool» im Jahr 2026 ankommen. Besonders deutlich wird das an Giorgia, gespielt von Denia Weber. Zunächst scheint sie vor allem eines zu sein: die hübsche, etwas naive Frau an der Seite des selbstherrlichen Big Daddy. Doch hinter dieser Fassade brodelt es. Giorgia hadert mit ihrer Rolle und der Art, wie Big Daddy sie behandelt. Lange fügt sie sich, doch schliesslich nimmt sie ihren Mut zusammen und setzt sich zur Wehr. Eine Entwicklung, die auf der Bühne durchaus überzeugt. Weber durfte ihre Figur nach eigenen Angaben mitgestalten. Rima habe die Darsteller und Darstellerinnen dazu ermutigt. «Ich finde es schön, dass ich mit dieser Rolle zeigen kann, dass wir Frauen nicht nur Dummerchen sind», sagt Weber.
Dass sich ein Stück aus den 1990er-Jahren weiterentwickeln lässt, zeigt diese Neuauflage durchaus. Doch wie viel Nostalgie verträgt eine solche Inszenierung? Rima und Flachsmann wollten «Keep Cool» in die Gegenwart holen. Gleichzeitig sei es der Regisseurin wichtig gewesen, «die Vision der Macher des Originals zu ehren». Gerade beim Humor gelingt dies nicht immer. Vielleicht liegt das Problem von «Keep Cool» nicht darin, dass die Produktion ihrem ursprünglichen Stil untreu geworden ist, sondern darin, dass sie ihm zu treu geblieben ist.
An Talent, Energie und technischem Aufwand mangelt es jedenfalls nicht – eher an Zurückhaltung. Vielleicht hätte «Keep Cool» seinem eigenen Titel etwas häufiger vertrauen sollen.
Bis 15.11 im Theater 11 in Zürich. 20.11 - 6.12 im Musical Theater Basel. 18.12 - 8.1 im KKL Luzern.


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