Bei Hans «Kü» Küchler fliegen sogar Weinflaschen. Zwei davon werden zu Triebwerken eines Luftschiffs. Anderswo verwandelt sich die Silhouette eines Flugzeugs in ein Stromkabel, das am Heck eine Lampe zum Leuchten bringt. Und wenn Flugkapitäne Feierabend haben, greifen sie zu kleinen Spielzeugfliegern. Fliegen war für Küchler kein nüchternes Fortbewegungsmittel. Es war Sehnsucht, Spielplatz, Witz, und bisweilen Bedrohung.

Thematischer Bogen durch die Fliegerei
Das Hans Erni Museum im Verkehrshaus Luzern widmet dem 2001 verstorbenen Schweizer Grafiker und Künstler nun die Ausstellung «Fantastische Flugobjekte». Sie zeigt Küchlers Flugmaschinen nicht als Kuriositäten, sondern spannt einen thematischen Bogen: von Leonardo da Vincis Flugstudien über Ballonfantasien und Jules Verne bis zur Gegenwart. «Mich hat ein besonderer Aspekt interessiert», sagt Kurator und Museumleiter Heinz Stahlhut. «Küchlers Darstellung von Fliegerei, Flugobjekten und all den fantastischen Dingen, die daraus entstehen».

Der Zugriff liegt nahe. Hans Küchler, 1929 in Stans geboren, begann seine Laufbahn nicht im Atelier, sondern bei den Pilatus Flugzeugwerken. Von 1944 bis 1948 lernte er Maschinenzeichnen und damit jene technische Präzision, die später selbst seinen verrücktesten Luftschlössern Halt gab. Danach liess er sich an der Kunstgewerbeschule Luzern bei Werner Andermatt und Max von Moos zum Grafiker ausbilden. Er arbeitete unter anderem für Wander und PKZ, unterrichtete Modellbau und liess sich 1958 in Olten nieder. Von 1962 bis 1994 prägte er als Chefgrafiker der Schweizerischen Verkehrszentrale das touristische Bild der Schweiz im In- und Ausland.

Mehrmals werden die Bilder der Schau ausgewechselt
Sein Nachlass gelangte ans Kunstmuseum Olten, das ihn 2025 in einer Retrospektive zeigte. Von dort kam die Anfrage nach Luzern. Küchler hatte schon zu Lebzeiten im Verkehrshaus ausgestellt. Zudem kehrt der Nidwaldner damit an den Ausgangspunkt seiner Flugleidenschaft zurück. Die Auswahl ist nur ein kleiner Ausschnitt. Was jetzt an den Wänden hängt, sei vielleicht «ein Zehntel» der vorhandenen Flugdarstellungen, sagt Stahlhut. Die Schau dauert zwei Jahre und wird mehrmals vollständig ausgewechselt.

Diese Fülle ist verblüffend. Mal zeichnet Küchler Flugzeuge so realistisch, dass man sie fast starten hört. Mal lässt er Ballone, Kuckucksuhren, Schweizer Fahnen und ganze Städte abheben. «Beeindruckend ist diese wahnsinnige Breite», sagt Stahlhut. Küchler habe als Werbegrafiker gewusst, dass jede Botschaft ihren eigenen Stil brauche. Dieses Repertoire setzte er im freien Werk lustvoll ein: Federzeichnungen, Aquarelle, Collagen, Schriftbilder, Glasreliefs, Fundstücke und gebrauchte Papiere. Auf einem Bierdeckel deutet er eine Landschaft an und klebt eine Briefmarke darüber. Anderswo wird eine Textzeile zur Kontur eines Flugzeugs.
Der heroische Traum vom Fliegen auf die Schippe genommen
Das ist formal raffiniert, aber nie museumsstreng. Küchlers Bilder grinsen. Sie nehmen Piloten, Technikglauben und den heroischen Traum vom Fliegen auf die Schippe. Gleichzeitig sind seine Apparate empfindlich. Küchler sagte selbst, er zeichne vor allem landende, zurückkehrende Flugzeuge: «Es sind zerbrechliche, sensible Apparate, gefährdet, wenn man sie nicht richtig handhabt.» Hinter dem Schalk liegt oft Melancholie. In späten Arbeiten tauchen bedrohliche Pilatus-Drachen auf, die mit einer Erkrankung des Künstlers zusammenhängen dürften und zugleich auf seine Herkunft am sagenumwobenen Berg verweisen.

Die Ausstellung lässt Küchlers Fantasie mit anderen Flugträumen kollidieren. Hans Erni, selbst Hobbypilot, ist mit Arbeiten vertreten. David Fuhrer baute eigens für die Schau eine bizarre Kreuzung aus Flugzeug, Schiff und Raddampfer. Peter Wüthrich schnallt Menschen Bücher wie Engelsflügel auf den Rücken. Robert Wyss lässt in seinen «Fliegenblättern» Schwärme auftreten, die von Verführung und Bedrohung der Masse erzählen. Bei Roman Signer könnten Raketen und Rotoren zwar loslegen, würden dabei aber das Kunstwerk zerstören. Die Zwillingsbrüder Markus und Reto Huber haben aus Abfall vom Verkehrshaus drei schräge Vogelhäuser gebaut. Eine Meise habe bereits probesitzen wollen, berichtet Stahlhut.

Grandios scheiternde Apparate
Beim Thema fliegen ist selbst der «Struwwelpeter» Gast im Hans Erni Museum. In der ursprünglichen Geschichte wird der fliegende Robert vom Sturm davongetragen, eine Warnung der schwarzen Pädagogik. Spätere Versionen drehen die Moral um: Im «Anti-Struwwelpeter» wird Robert zum Helden, der sogar den Vater mitnimmt. So handelt «Fantastische Flugobjekte» weniger von Aerodynamik als von einer uralten menschlichen Unruhe: dem Wunsch, sich von der Erde zu lösen. Manche Apparate scheitern grandios, andere fliegen nur im Kopf. Küchlers Maschinen tun beides gleichzeitig. Sie bleiben auf Papier und heben trotzdem ab.


Die Ausstellung dauert bis zum 18. Juni 2028. Es gibt viele Sonderveranstaltungen dazu; www.verkehrshaus.ch/de/ihr-besuch/museum/hans-erni-museum



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