Am Morgen des 19. September 1931 – so ist es im Abschlussbericht der Polizeidirektion München vermerkt – fand man die 23-jährige Angela «Geli» Raubal tot in Hitlers Münchner Edelwohnung am Prinzregentenplatz, erschossen mit einer Kugel aus seiner Pistole. Sie war seine Nichte, Tochter seiner Halbschwester, die ebenfalls Angela hiess. Schon vor ihrem Tod wurde über ihre Beziehung zum 19 Jahre älteren Adolf Hitler spekuliert. Danach nahmen die Gerüchte zu. War es ein Unfall, Suizid oder Mord?
Dieser Todesfall in der Biografie des Massenmörders beschäftigt die historische Forschung bis heute. Sie ging davon aus, dass Hitler für den 19. September 1931 ein Alibi hatte. Doch kürzlich stiess der deutsche Hitler-Experte Harald Sandner im Stadt- und Staatsarchiv München auf bislang unbekannte Dokumente.
Er fand zwei Todesanzeigen und einen Eintrag im Sterberegister. Dieser datiert die Entdeckung von Geli Raubals Leiche auf Freitag, den 18. September 1931, um 10.15 Uhr – einen Tag früher. An jenem Tag hielt sich Hitler noch in München auf. Er könnte somit der Täter sein. Erst später reiste er nach Nürnberg und dann weiter zu einer Wahlkampfveranstaltung nach Hamburg. Es gibt einen Augenzeugenbericht, der ausführt, dass er dort während der Rede etwas «angegriffen» gewirkt habe.
Seltsamerweise gab es keine Obduktion
All das hat Sandner akribisch rekonstruiert in seinem Buch «Der Tod der Angela ‹Geli› Raubal: Freitod oder Fremdeinwirkung?». Es erscheint Ende November. Bereits sind aber wichtige Erkenntnisse durchgesickert. Sandner will auf Dutzende von Indizien für mögliche Vertuschungen durch die Ermittlungsbehörden gestossen sein. Laut Verlagsankündigung deckt der Historiker eine gezielte Manipulation durch NSDAP, Münchner Polizei und Justiz auf. Beispielsweise habe man bei Raubal keine Obduktion angeordnet. Das sei bei Todesfällen durch Schusswaffen schon damals ungewöhnlich gewesen.
Sandner legte seine Dokumente dem bekannten Zeithistoriker Thomas Weber vor. Dieser hält sie für echt. Weber zögert allerdings, daraus den Schluss zu ziehen, dass Hitler seine Nichte selbst getötet hat. Stimmen Sandners Befunde, fällt Hitlers Alibi aber weg.
Der führende Hitler-Biograf Ian Kershaw betont in seinem zweibändigen Standardwerk die Bedeutung von Geli Raubal. Neben der langjährigen Gefährtin Eva Braun war sie die einzige Frau, zu der Hitler ein intensiveres Verhältnis hatte. Er stand sonst auf gehorsame junge Geschöpfe, sah sie, so Kershaw, als «Objekt, als Ornament in einer Männerwelt». Sie hatten stille Zuhörerinnen zu sein, während er seine endlosen Tiraden hielt. Gönnerhaft nannte er sie «seine Prinzesschen».
Kershaw zufolge geriet Hitler zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben in eine tiefere «emotionale Abhängigkeit» zu einer Frau. Alle seriösen Quellen über Raubal stimmen darin überein, dass sie lebhaft und extrovertiert war. Ungeklärt bleibt, ob sie Sex mit Hitler hatte, den sie artig «Onkel Alf» nannte. Erotisch aufgeladen war die Beziehung allemal. Nur ihr erlaubte er, im Mittelpunkt seiner Männerrunden zu stehen. Er gab mit ihr an. Eine Zeitlang bezahlte er ihre Gesangsstunden. Doch zum Opernstar taugte sie nicht, weil sie das Üben langweilte.
«Mein Onkel ist ein Ungeheuer»
Sie wollte sich lieber amüsieren, scharte Bewunderer um sich, worüber Hitler wiederum gar nicht amüsiert war. Er neigte zu extremen Eifersuchtsanfällen. Seine herrschsüchtige und besitzergreifende Art setzte ihr zu. Ohne ihn durfte sie nur in Begleitung ausgehen und musste früh wieder zu Hause sein. Jede ihrer Bewegungen wurde überwacht. Sie fühlte sich gefangen und war nach spätestens zwei Jahren verbittert. «Mein Onkel ist ein Ungeheuer», soll sie gesagt haben. «Kein Mensch kann sich vorstellen, was er mir zumutet.»
Nachdem Hitler von ihrer Liaison mit seinem Leibwächter und Fahrer Emil Maurice erfuhr, wollte er diesen erschiessen. Danach versuchte sie erst recht, sich vom Onkel zu befreien. Das gelang ihr nicht. Darum ging die Forschung bis jetzt davon aus, dass sich Geli Raubal aus Verzweiflung umbrachte. Sie habe Hitlers Umklammerung und Kontrollwahn nicht mehr ausgehalten.
Harald Sandners neue Befunde lassen nun aber auch die Mordthese wieder plausibler erscheinen. Offenbar hatte die NSDAP bereits genügend Einfluss auf Münchner Polizei und Justiz, um die Sterbeunterlagen frisieren zu lassen. Es sind verschiedene Szenarien denkbar, die eine Vertuschungsaktion nötig machten. Entweder galt es zu verbergen, dass Hitler seine Nichte erschossen hat, weil sie ihn verlassen und möglicherweise zu einem anderen Mann ziehen wollte. Oder die Partei liess sie liquidieren, weil sie zu sehr aufbegehrte. Unbedingt wollte man Enthüllungen aus dem Intimleben des Parteiführers verhindern.
Hitler war im September 1931 schon einflussreich. Seine NSDAP wurde bei der Reichstagswahl im Jahr zuvor zur zweitstärksten Partei. Sie wollte auch weniger radikale Kreise sowie mögliche Geldgeber aus Industrie und Finanzwelt gewinnen. Eifrig arbeitete man am Mythos Hitler, der als tugendsamer, seriöser Parteivorsitzender erscheinen sollte. Jeden Verdacht, Hitler könnte am Tod seiner Nichte beteiligt gewesen sein, galt es mit allen Mitteln zu unterbinden. So beschaffte man ihm ein Alibi.
Die Partei versuchte erst, den Tod als Unfall erscheinen zu lassen. Geli Raubal habe mit der Waffe gespielt. Aber diese Version konnte nicht überzeugen. Da wirkte der tragische Suizid glaubwürdiger. So liessen sich länger andauernde Ermittlungen in Hitlers engstem Umfeld verhindern. Sie hätten zu viel Aufsehen in den Zeitungen erregen und seinen Aufstieg gefährden können.
Harald Sandner: Der Tod der Angela «Geli» Raubal. Freitod oder Fremdeinwirkung? Shaker Media, 640 Seiten (erscheint am 30. November).




Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.