
Franco Supino war 36 Jahre in der Lehrerbildung tätig, ist SP-Gemeinderat in Solothurn und hat das «Büro Bichsel» mitinitiiert, mit dem das literarische Erbe von Peter Bichsel gepflegt wird. In seinem siebten Roman «Annette sagt» erzählt Supino von den Veränderungen im Schweizer Bildungswesen.
Die Hauptfigur in Ihrem Roman wird als Schulleiterin entlassen, weil sie sich einem grossspurigen Schulprojekt widersetzt. Ein realer Fall, ein Schlüsselroman?
Franco Supino: Zu Beginn war eine Art Empörung, ja. Aber das mit dem Schlüsselroman hat sich beim Schreiben gelegt. Natürlich gibt es reale Ausgangspunkte. Das Schulprojekt Soptipro+ im Buch etwa gibt es so nicht, aber es gab etwas sehr Ähnliches, und auch die Auseinandersetzungen darum sind real. Trotzdem würde ich eher von einem politischen Roman sprechen. Mich interessiert, wie wir in der Schweiz versuchen, in einem System des allgemeinen Laientums Fachdiskussionen zu führen. Gerade im Bildungswesen wird das schwierig, wenn eine Verwaltung nicht nur verwalten, sondern plötzlich auch kreativ sein soll.
Einige Schulverwalter im Roman sind inkompetente, faule Karrieristen. Sie übertreiben doch, nicht wahr?
Nein. Hochgespülte Karrieristen gibt es überall. Im Roman werden sie durch die Brille des Erzählers verfremdet, der sich auf die Aussagen von Annette stützt. Das ist einseitig. Nur: Meine realen Vorbilder, fürchte ich, sind noch inkompetenter, das hätte mir niemand abgekauft.

Annette aber glaubt stark an Bildung. Gleichzeitig wird dieser Glaube im Roman erschüttert.
Sie glaubt an institutionalisierte Bildung als Möglichkeit, das Leben und vielleicht sogar die Welt besser zu machen. Deshalb geht sie später noch an die Universität und bildet sich ständig weiter. Aber sie erfährt schmerzhaft, dass schöne pädagogische Theorien und das tätige Tun zwei verschiedene Ebenen sein können. In diesem Sinn geht es auch um Desillusionierung. Der passendere Begriff als Aufstieg wäre für mich Emanzipation: Sie emanzipiert sich von ihrer Herkunft, vom Dorf, sie findet sich selber.
Franco Supino schildert ein langes Frauenleben, vom Bauernmädchen bis zur studierten Schulleiterin, in ihrem hartnäckigen Kampf um Anerkennung. «Annette sagt» ist ein Epochen-, Ehe- und Bildungsroman mit satirischen Elementen. Er spielt in Solothurn. In der Stammbeiz sagt ein Namenloser in den 1970er Jahren: «Ich bin kein Kommunist wie ihr, ich mag die Menschen.» Das muss natürlich Peter Bichsel sein, der damit Annettes Lebensmotto vorwegnimmt, nämlich Menschenkenntnis vor Theorie. Supino erzählt sprachlich nüchtern, packt aber eine grosse Stofffülle in seinen Roman, was ihn etwas sprunghaft macht. (hak)
Eine Gegenfigur dazu ist ihr Mann Concetto. Er bleibt sein Leben lang Hilfsarbeiter, liest keine Bücher. Warum bleibt eine studierte Schulleiterin bei einem solchen Mann?
Concetto bildet sich am Leben und gibt ihr Halt. Er macht die Dinge sorgfältig und überlegt, ohne daraus eine Theorie zu machen. Und er hat Respekt vor dem, was Annette tut. Sie wiederum vor dem, was er tut – und auch vor dem, was er nicht tut. Annette sagt einmal sinngemäss: Was erwarte ich von einem Gegenüber? Übereinstimmung oder vielmehr Respekt? Ich glaube, das ist der Grund, weshalb diese Ehe so lange hält. Liebe ist nicht Übereinstimmung. Das wird überschätzt.
Ein zentrales Thema im Roman ist die zunehmende Regulierung. Macht Bürokratie die Schule kaputt?
So würde ich es nicht sagen. Qualitätssicherung ist zunächst etwas Vernünftiges. Auch die stärkere Wissenschaftlichkeit der Lehrerbildung halte ich für einen Fortschritt. Ich gehe schliesslich auch nicht zu einem Arzt, der nicht wissenschaftlich ausgebildet ist. Das Problem beginnt dort, wo wir glauben, alles absichern, strukturieren und belegen zu müssen. Dahinter steckt die Angst, dass nichts passieren und niemand einen Fehler machen darf. Das führt zu immer mehr Formularen, Regeln und Kontrollen.
Im Roman fällt der Satz: «Jedes Kind hat ein Preisschild.» Was ist damit gemeint?
Das hat mit den sogenannten Bedarfsstufen zu tun. Kinder werden einer Stufe zugeordnet, und daran hängt die Finanzierung. Wie beim Submissionsverfahren soll das den Wettbewerb unter den Anbietern entfachen. Annette wehrt sich dagegen, weil ein Mensch keine Anschaffung ist, für die der Staat eine Offerte einholt. Gleichzeitig muss man fair bleiben: Schulen und Institutionen brauchen Regeln und müssen seriös arbeiten. Die Regelungen kaschieren aber ein übergeordnetes Problem.
Welches?
Das Vertrauen. Ich habe den Eindruck, das Vertrauen schwindet aus der Schule. Man hat Angst, man ist misstrauisch, alles muss dokumentiert und abgesichert sein. Dabei ist Vertrauen der Kitt des Zusammenlebens: ob zwischen den Lehrpersonen und den Eltern oder innerhalb eines Kollegiums. Wenn jeder nur noch Dienst nach Vorschrift macht oder die Eltern bei jedem Pieps ihres Kindes auf der Matte stehen, wird es schwierig. Daran scheitern auch Schulleitungen.
Sie zeichnen die frühere Schule aber keineswegs nostalgisch. Die Achtundsechziger bekommen ebenfalls einiges ab.
Absolut. Als ich 1990 ans Kindergärtnerinnenseminar in Solothurn kam, gab es noch diese basisdemokratische Welt: Lehrerkonvente dauerten drei bis fünf Stunden, es wurde geraucht und endlos gestritten. Den Satz «Mit solchen Tugenden leitet man ein KZ» im Roman als Reaktion auf die Forderung nach Pünktlichkeit, Sauberkeit und Disziplin habe ich tatsächlich erlebt. Das zeigt auch das Niveau mancher pädagogischer Auseinandersetzung damals. Ich möchte nicht zurück zu den Lehrerseminaren vor vierzig Jahren. Die Professionalisierung war ein Gewinn.
Was braucht eine gute Lehrperson denn neben der wissenschaftlichen Ausbildung?
Menschenkenntnis. Für mich ist eine Primarlehrperson ein bisschen wie ein Hausarzt: Sie braucht eine solide wissenschaftliche Ausbildung, aber sie muss auch auf Menschen eingehen können. Nur lieb zu den Kindern zu sein, reicht nicht. Man muss auch wissen, wie man ihnen Lesen, Schreiben oder Rechnen beibringt. Beides gehört zusammen.
Nach 36 Jahren in der Lehrerbildung: Wie bringt man Schülerinnen und Schüler dazu, Literatur zu lieben?
Vorbild ist vielleicht etwas einfach gesagt, aber entscheidend ist: Man muss es mit ihnen tun. Texte lesen und danach miteinander darüber sprechen. Lesen ist ein kreativer Akt. Menschen können denselben Text unterschiedlich verstehen, nicht weil einer ungenau liest, sondern weil wir unterschiedlich assoziieren und interpretieren. Daraus können spannende Diskussionen entstehen. Und dann macht Lesen Spass.
Was ist für Sie der ursprüngliche Reiz des Lesens?
Das sieht man bei Erst- und Zweitklässlern sehr schön: Plötzlich merken sie, dass beim Lesen etwas in ihrem Kopf entsteht, das sonst niemand sieht. Auf der Seite stehen immer nur dieselben Buchstaben – und trotzdem entsteht daraus eine ganze Welt. Es ist wie bei Annette: Lesen bedeutet Emanzipation. Wer dies einmal erlebt, wird sich ein Leben lang daran erinnern.
Franco Supino: Annette sagt. Roman. Rotpunkt Verlag, 226 S.
Nächste Lesung: 24. Oktober, Zürich liest, Kulturraum Helferei, 19.30 Uhr

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