Kunst

Wie viel Erotik steckt in einem Stück Draht? Die Fondation Beyeler verblüfft

Ruth Aswa gehört zu den grossen künstlerischen Wiederentdeckungen der letzten Jahre. Ihre Ausstellung in Riehen anlässlich ihres 100. Geburtstags ist die erste in Europa.

Ein über 100-jähriger Ginkgo, ein Mammutbaum, uralte Platanen: Die Bäume im Park der Fondation Beyeler sind seit der Erweiterung Partner in Crime. Sie bemächtigen sich der Säle, und die Säle werden Teil des Parks. Innen ist aussen, aussen ist innen. Die Natur ist Teil der Kunst und die Kunst Teil der Natur.

Mit diesem Blick passt die Wiederentdeckung einer grossen Künstlerin in Riehen perfekt in Raum und Zeit: Als Tüftlerin und Materialforscherin glückte ihr, selbst Licht und Schatten zu verlebendigen. Als Kunsthandwerkerin formte sie nicht nur Körper, sondern auch die Leere als Bestandteil einer Skulptur. Ihr gelang, was der Natur gelingt.

Die US-amerikanische Künstlerin japanischer Herkunft, Ruth Asawa (1926–2013), hat die Kunst in der Natur entdeckt und die Natur in der Kunst – und dabei die Grenze zwischen Kunst und Handwerk egalisiert. Ihr Leben und ihr Werk waren ein Balanceakt zwischen Leichtigkeit und Disziplin.

Vom Guggenheim-Museum direkt nach Riehen

In der Kunstwelt war Ruth Asawa bis Anfang der 2000er-Jahre eine klingende Leerstelle. Man wusste von ihr lediglich, dass sie aus Industriedraht in langwieriger Handarbeit organische Körper flocht. Auf Reisen durch Mexiko hatte sie die traditionelle Häkel- und Korbflechttechnik bei Frauen gelernt, wandte sie dann auf Draht an und hängte die Objekte wie Schwebeteilchen in den Raum. Diese Werke wirken leicht wie ein Netz, komplex wie ein Organismus und beinahe schwerelos wie ein Schatten.

Wer jetzt in Riehen Asawas Drahtskulpturen in den lichten Sälen von Renzo Piano tanzen sieht, meint, sie müssten just für diesen Ort ersonnen worden sein. Die Kuratorin Theodora Vischer zeigt mit ihrer Ausstellung einen Überblick über ein gleichermassen poetisches wie widerständiges Lebenswerk über sechzig Jahre, das mit seiner stillen Wucht nachhallt.

Vischers Ausstellung ist die erste Möglichkeit, Asawa in Europa zu entdecken. Zuvor war die Schau zum Anlass des 100. Geburtstags von Asawa an Erstklasse-Adressen in San Francisco, New York und im Guggenheim-Museum in Bilbao zu sehen. In Riehen ergänzt sie Vischer um zusätzliche Werke, die Asawas Bezug zur Natur hervorheben.

Eine Kindheit unter Bohnen

In lockerer Chronologie und mit viel Leerraum für die Wirkung treffen Papierarbeiten auf Skulpturen, Bronzegüsse auf Lithografien. Asawa verarbeitet die Natur motivisch in unzähligen Materialien und Techniken. Sie sind leicht wie Origami oder tonnenschwer: Selbst die massive, von ihr geschnitzte Haustür aus dem Holz des kalifornischen Riesenmammutbaums trägt eine organische Musterung, die sie federleicht wirken lässt. Das Schwere leicht erscheinen zu lassen, ist eines der vielen Talente der Künstlerin.

Asawa schätzte das hierarchiefreie Miteinander, sei das, indem sie sich in lokalen Kunst-Initiativen engagierte, sei es in der Wahl ihrer Materialien. Sie hielt das Simple hoch, das Billige und Verfügbare. Papier und schlichter Industriedraht waren ihr am liebsten. Draht aus Eisen, Messing und Kupfer hatte sie in ihrer Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof kennengelernt, simpler Draht war die Rankhilfe auf den Bohnenfeldern.

Eine Jugend im Internierungslager

Ihre Position unmittelbar nach der Eröffnung des Erweiterungsbaus und der Neubewertung des Parks zu zeigen, ist ein Coup. Das auch deshalb, weil die US-Amerikanerin Kunst als Tätigkeit und Thema für alle verstand. Ihr Herz galt der Gemeinschaft und der Community, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, war ihr wichtig.

Ab den 1960er-Jahren engagierte  sie sich für Kunst im öffentlichen Raum und schuf in ihrer Heimatstadt San Francisco gemeinsam mit der Bevölkerung Brunnen und Denkmäler. Sie verarbeitet darin auch ihre Jugend in einem Internierungslager, in das Amerika nach dem Angriff auf Pearl Harbor japanischstämmige Menschen zu Unrecht inhaftierte.

Ruth Asawa, Künstlerin und sechsfache Mutter, lebte und arbeitete inklusiv, bevor der Begriff erfunden war. Kunst und Leben waren für sie untrennbar miteinander verbunden. Wer in Riehen über ihr Werk hinweg durch die Fenster in die Natur blickt, meint: Asawa ist heimgekommen.

Fondation Beyeler, bis 10. 1. 2027.

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