Das erste grosse Foto ist ein Hingucker. Fehlt da nicht etwas? Fehlt nicht der Inhalt, schwänzt da nicht ein Mensch? Oder soll die klaffende Leerstelle bereits die Aussage sein?
Das Foto am Eingang zur Ausstellung zeigt abgelegte Männerkleidung. Socken, Schuhe, Unterwäsche, Hosen, Gürtel, Hemd, eine Krawatte. Ordentlich abgestreift und so, als ob der Träger nach dem Duschen verduftet wäre: Auch Männer machen also Häufchen!
«Used Man» heisst das Kunstwerk, und tatsächlich wurde dazu ein Mann «gebraucht». Die Arbeit stammt von der britischen Künstlerin Reba Maybury (*1990), sie ist eine politische Dominatrix. Als Domina kehrt sie patriarchale Verhältnisse um und bedient sich für ihre Kunstwerke ihrer submissiven männlichen Kunden.
Für die Installation in St. Gallen befahl Maybury in einem Rollenspiel ihren Untergebenen, sich nackt auszuziehen und ihre Kleider so liegen zu lassen, wie sie fallen. Das Ergebnis sind Textilskulpturen und Alltagskunst, wenn man denn so will –, und wenn man es als alltäglich betrachtet, dass Männer ihre sexuelle Lust von Dominas befriedigen lassen.
Wo Frauen Männer ernsthaft brauchen
«Gebrauchte Männer» im Kunstmuseum ist ein Akt, der an die Wäsche geht. Er zeigt eine Lesart von Männlichkeit, die weich und verletzlich wirkt. Nichts Toxisches ist da, sondern pure Hingabe und sogar Aufgabe. Der Mann als abwesende Behauptung scheint sich sogar aus seiner eigenen Haut zurückgezogen zu haben und sich aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verabschieden.
Damit suggeriert Mayburys Arbeit in ihrer Wirkung das Gegenteil des Kunstwerks, das seit 1997 ganz in der Nähe wuchtet, unverrückbar, weil massiv. Und viel zu kostspielig, um es jemals wieder zu entfernen.
Es ist eine Schenkung und stammt vom kalifornischen Gross-Plastiker Richard Serra: zwei rohe, aneinander gelehnte Stahlplatten. Der Künstler hat mit seinem Werk ein fait accompli und gleichzeitig ein Denkmal von Macht und Dominanz geschaffen.
Serras zeigt ein Stahlgewitter. Maybury demgegenüber weibliche Softpower. Und vielleicht auch einen Hinweis darauf, dass Metamorphose möglich ist.
Serra hier und Maybury dort bilden die Klammer einer Ausstellung, auf die man gewartet hat. Sie widmet sich dem Phänomen der «Manosphere» und ist ersonnen von Melanie Bühler.
Die Kuratorin will mit «Beyond Manosphere», jenseits des Phänomens, etwas über «Masculinity Today», über aktuelle Männlichkeit, in Erfahrung bringen. Die Auseinandersetzung lohnt und fordert dennoch das Publikum nach Kräften. Einsicht und einen roten Faden sind in der Schau auf die Schnelle nicht zu haben.
Nur Alpha-Männchen bekommen Frauen
Die Frau will zwei Dinge in einer Beziehung: Sie will manipulieren und dominieren. Doch kaum ist ein sozial und sexuell attraktiverer Mann in Sicht, gibt sie das Beta-Männchen auf: Beziehung ist Surviving of the Fittest, ist moralfreier Geschlechterkampf.
Ungefähr so definiert ein Vertreter der sogenannten «Manosphere» das Verhältnis zum anderen Geschlecht. Die «Manosphere» in Foren, Blogs und Social-Media-Kanälen – befeuert durch den Trumpismus – ist ein Online-Ökosystem mit einer Bedeutung, die täglich lauter wird. Darauf will auch die Kunst reagieren. Vorreiterin in der Schweiz ist das Kunsthaus St. Gallen.
Was steckt hinter dem Phänomen, fragt sich Kuratorin Bühler. Natürlich kennt sie die Antwort nicht, doch zielführender als zu antworten sind ohnehin intelligente Fragen. Doch wer sich vom Museum eine Auseinandersetzung mit den Hardcore-Auswüchsen im Internet verspricht, wird enttäuscht.
Bühler hat ihre Ausstellung für das Stedelijk Museum in Amsterdam erarbeitet und ergänzt sie in der Schweiz um Werke aus der eigenen Sammlung. Zusammengekommen ist eine Umschau von Männlichkeitsdarstellungen und Männlichkeitsprojektionen in der zeitgenössischen Kunst in allen möglichen Genres. Wichtig scheint es, klarzumachen: Männlichkeit ist eine Realität jenseits von Typen und Klischees.
Griffiger agiert teilweise der Ausstellungskatalog. Er versammelt als Bonusmaterial Essays zum Thema, unter anderem auch ein Interview von Melanie Bühler mit der feministischen Philosophin Judith Butler. «Es könnte keine Debatte über Männlichkeit geben, wenn es nicht verschiedenste Formen von Männlichkeit gäbe», weiss sie. – Ob das Argument bereits Hoffnung machen kann?





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