
Nun prügeln sie sich wieder. Zwei Männer in einem Käfig auf dem Rasen vor dem Weissen Haus. Zum Anlass des 250. Jahrestages der USA, wie damals im Kolosseum von Rom. Regeln gibt es, wenn auch spärlich. Beissen, Spucken, die Genitalien quetschen lässt man besser sein. Auch soll man im Gewühle der Gefühle keine Augen aushöhlen.
Abgesehen davon ist einiges los, wenn zwei Mixed-Martial-Arts-Kämpfer im Oktagon, so heisst ihr Raubtierkäfig, zusammen Spass haben: Ein Uppercut, ein Aufwärtshaken unterm Kinn. Ein Head Kick, das Bein explodiert am gegnerischen Kopf. Ein Rear Net Choke schliesslich, ein Würgegriff von hinten.
Und dann die Guillotine, der Würgegriff von vorn: Knockout für den unterlegenen Fighter. Der Sieger aber reisst die Arme hoch und lärmt ins Publikum. «I told you so!» Ich hab’s euch doch gesagt.

Szenen wie diese sind ganz nach dem Geschmack des amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten. Zu seinem 80. Wiegenfest, das zufällig annähernd auf den Geburtstag seines Landes fällt, schenkt er sich gebrochene Nasen, zerfetzte Augenbrauen, womöglich sogar ein Schädel-Hirn-Traum – der anderen.
Brot und Spiele für Amerika
Donald Trump ist ein bekennender Anhänger der MMA-Kämpfe. Man kann sogar behaupten, dass die Sportart – oder was davon übriggeblieben ist, weil sie das Übelste aus verschiedenen Kampfstilen vereint - sich in Trumps zweiten Amtszeit zum offiziellen Unterhaltungsprogramm Amerikas entwickelt hat.
Millionen Menschen verfolgen die Kämpfe live oder auf ihren Bildschirmen, in der ersten Reihe die Ehrengäste Mark Zuckerberg und Donald. Ihre Anwesenheit ist Ehrensache: Zuckerberg trainiert selbst MMA, und Trump ist seit Beginn Best Buddy mit dem Chef des Weltverbandes UFC, Dana White. Dieser ist der weltgrösste Veranstalter von Mixed Martial Arts-Kämpfen.

Mental ist Donald ein MMA-Fighter der ersten Stunde. Als in den 1990er-Jahren die Sportart noch um Anerkennung buhlte, weil die amerikanische Gesellschaft im Sich-zu-Brei-Hauen noch kein ultimatives Wir-Gefühl entdeckte - sprang der Immobilientycoon höchstselbst bei. Die Kritiker verglichen die Fights mit «menschlichen Hahnenkämpfen». Gockel Donald aber lud sie in seine Casinos in New Jersey ein. Inzwischen hat der vormals geächteter Sport der Schlächter die Mitte der Gesellschaft erreicht.
Trump verehrt den Knockout
Win-Win nennt man das inzwischen. Denn Dana White tritt regelmässig bei republikanischen Parteitagen auf und unterstützt Trump. Win-Win auf der ganzen Linie. Berichten zufolge hält Trump Aktien des börsenkontierten UFC-Mutterkonzerns, was eine Diskussion darüber brisant macht: Gibt es beim Käfigkampf auf dem Gelände des Weissen Hauses vielleicht doch einen Interessenskonflikt?
Man soll mit Blick auf die Liebe von Trump am härtesten Knockout nicht gleich das Schlimmste befürchten, die Verrohung der Gesellschaft oder den ultimativen Kulturverlust. MMA ist zwar sehr wohl der erfüllte Traum der absoluten körperlichen Auseinandersetzung. Der Vollkontakt zweier Menschen, die nur in Weiss oder Schwarz denken, Freund oder Feind, Sympathisant oder Konkurrent. Die Frage der Herrscher an ihr Volk aber «Wollt ihr den totalen Kampf?» ist so alt wie die Zivilisation.

Im alten Rom funktionierte das Kolosseum als monumentale Maschine zur Produktion öffentlicher Erregung. Die Gladiatorenspiele waren ein politisches Ritual. Der Staat demonstrierte Macht, die Menge erlebte Gemeinschaft, und die Gewalt erhielt eine ästhetische Form.
Das Phänomen wechselte von Jahrhundert zu Jahrhundert seine Form und seine Bühne. Nach der Arena gab es den ritterlichen Turnierplatz; dann prügelten sich die Boxer in den Hinterhöfen der aufstrebenden Industriestädte Englands. Sportsoziologen wie Norbert Elias stellten dabei fest: Die Geschichte des modernen Kampfsportes ist die Geschichte einer Zähmung. Schrittweise wurde die rohe Gewalt domestiziert. Regeln entstanden, Schiedsrichter traten auf den Plan. Vom Kolosseum in Rom führt eine direkte Linie ins Oktagon nach Washington.
Ein Land katapultiert sich in die Vergangenheit
Doch es gib einen delikaten Unterschied zwischen den Gladiatorenkämpfen der Herrscher damals und der Brot-und-Spiele-Politik von Trump. MMA ist eine Zeitmaschine zurück in die Antike, die einen Teil der Menschheit – Männer – in ihre eigene Vergangenheit zurückkatapultiert.
Das Oktagon vor dem Weissen Haus ist die Bühne für die Vorstellung von Stärke, Durchsetzungswille und Härte. Durch Trump erhält der Kampf eine zusätzliche politische Dimension. Er verkörpert die Werte, die viele seiner Anhänger attraktiv finden: Dem Stärkeren gehört die Welt. Kampfsport wird zum Symbol.
Das entspricht dem politischen Programm des Präsidenten und ist seine Antwort auf die Ideale progressiver Milieus. Seine Kritiker mögen über Trumps Lust am öffentlichen Knockout lästern, aber sie vergessen eines: Die alten Römer rangen noch um Tod und Leben, und zwar mit blosse Händen. Die Fighter von Trumps Gnaden tragen immerhin Handschuhe und garnieren ein fettes Sponsorengeld.

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