Eigentlich träumte Debby Gerber aus Muttenz nicht davon, Schauspielerin zu werden, als sie vor 17 Jahren nach Los Angeles kam. Schliesslich hatte sie einen Platz an der Uni Basel, um nach einem Zwischenjahr Soziologie zu studieren. Während des Sprachaufenthaltes in L.A. besuchte sie eine Improvisations-Schauspielklasse und blieb in der Filmmetropole hängen.
Inzwischen hat sie alle Höhen und Tiefen der Filmindustrie mitgemacht: den Produktionsstopp während der Pandemie, die Autoren- und Schauspielerstreiks sowie die anhaltende Abwanderung der Produktionen aus Kalifornien.
Die nächste Krise ist die Künstliche Intelligenz, die Schauspielerinnen und Schauspieler droht, überflüssig zu machen. «Man spürt klar eine Unruhe in der Branche», sagt die Baslerin. «Bei Film- und Werbespot-Jobs nehme ich KI noch nicht wirklich wahr. Aber bei den Verticals bricht ein grosser Teil meines Einkommens wegen KI weg. »
Ein Trend aus China verändert Hollywood
«Verticals» oder auch «Micro Dramas» genannt, kommen ursprünglich aus China und sind für Social Media, vor allem für TikTok und Instagram, im Hochformat konzipiert. «Es sind sehr einfach erzählte Seifenoper-Spielfilme, die in eine bis drei Minuten lange Episoden gestückelt werden. Diese enden immer mit einem Cliffhanger, sodass man zur nächsten Episode weiterklickt. »
Ein solcher Film besteht aus etwa 50 bis 60 Episoden. Die ersten Episoden sind gratis, dann kauft man sich die nächste Episode einzeln oder bezahlt ein Abo auf Vertical-Apps wie ReelShort oder Dramabox. «Die Abos sind teurer als Netflix, aber die Leute kaufen es», wundert sich Debby Gerber selber.
«Vor zwei Jahren fingen die Verticals auch in den USA an zu boomen. Ich verdiente für eine Nebenrolle in einem Vertical mehr als für eine Hauptrolle in einem Indie-Kino-Film.» Alles muss schnell gehen. Bei einem Budget von 100’000 bis 300’000 Dollar werden 15 bis 20 Script-Seiten pro Tag gedreht, das Doppelte bis Dreifache von dem, was bei Spielfilmen täglich abgedreht wird.
«Die Leute hungern nach Positivem»
Die Schauspielerin hat aufgehört zu zählen, in wie vielen Verticals sie bereits mitgewirkt hat. An die 60 werden es gewesen sein, schätzt sie. Die böse Stiefmutter, die Milliardär-Ehefrau – sie führt nicht jeden plakativen Part in ihrem Resumé auf, denn eigentlich will sie Kino-Filme mit Tiefgang drehen.
Sie hofft, dazu auch wieder mehr zu kommen: Denn seit Anfang Jahr hat man in China sowohl Schauspieler und Schauspielerinnen als auch die Crew in Verticals mit KI ersetzt. Seit diesem Frühling wird auch in Los Angeles langsam auf KI umgestellt. Das lässt die Gagen einbrechen. «Die Reaktionen sind gemischt», so Gerber. «Man sieht noch klar, dass die Menschen nicht echt sind. Das gefällt im Westen, wo man sich Animation für Erwachsene oder Animé weniger gewohnt ist, nicht allen.»
Und so konzentriert sich Debby Gerber in letzter Zeit vermehrt auf ihre andere Nische: glaubensbasierte, christliche Filme. Das Genre ist profitabel, da christliche Filme günstig produziert werden und vor allem in den USA auf ein treues, unterversorgtes Publikum zählen können.
Die Produktions-Hubs sind in Tennessee, Texas und Florida. Nach Hits wie «Sound of Freedom» und der Prime-Video-Serie «The Chosen» expandierte die Industrie in den letzten Jahren aber auch nach Hollywood: Sony Pictures hat mit «Affirm Films» ein eigenes Department für glaubensorientierte Filme. Lionsgate ist eine langjährige Partnerschaft mit Kingdom Story Company eingegangen, um «christliche und inspirierende» Filme zu produzieren.
Das Genre deckt sich auch mit der persönlichen Einstellung der Pastoren-Tochter: «Die Leute hungern nach Positivem. Sie wollen nicht nur immer düstere Action, sondern etwas Hoffnungstiftendes sehen», ist Debby Gerber überzeugt. «Auch auf dem Filmset sind meistens christliche Werte verankert. Man geht netter und respektvoller miteinander um. Und wenn man will, kann man auch zusammen beten.»
Hoffnung für die Film-Community
Seit vier Jahren geht sie an die einschlägigen Festivals und gehört heute zu den Insidern des «Faith Based»‑Genres. Gerade ist «Beyond Belief » mit Debby Gerber in der weiblichen Hauptrolle in den amerikanischen Kinos angelaufen. Sie spielt die Mutter eines Teenagers mit Rockstar-Ambitionen. Der Soundtrack stammt von der weltweit bekannten christlichen Alt-Rocker Band Petra, die erstmal die Rechte an ihren Songs einem Film zur Verfügung stellt.
Auch sonst gibt es Hoffnung für die Film-Community: Die Eintritte zeigen dieses Jahr deutlich nach oben, nicht nur dank Christopher Nolans «Odyssey» und Meryl Streeps «Devil Wears Prada 2», sondern weil die Gen Z offenbar ihren Weg ins Kino gefunden hat: Der 20-jährige YouTuber Kane Parsons beispielsweise verwandelte seine Psycho-Horror-Thriller Webserie «Backrooms» in den erfolgreichsten Kinofilm des Indie-Studios A24.
Sein Geheimrezept? «Weil ich aus Gewohnheit online-Kommentare lese, kann ich Reaktionen vermutlich etwas besser voraussehen», meint er. «Meine Generation hat wohl einen vorprogrammierten PR-Instinkt, weil wir in einer Echo-Kammer aufgewachsen sind.»
Auch Debby Gerber tüftelt derweil an Form und Inhalt. Als Produzentin versucht sie ihre beiden Nischen zu verbinden und christliche Verticals herzustellen: «Mal sehen, ob das zusammen funktioniert».




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