Selten beginnt ein Buch mit einer Triggerwarnung. Noch seltener kommt diese in einer so drastischen Sprache daher, dass Zartbesaitete fast schon vor der Triggerwarnung warnen möchten. So gesehen in Jane S. Wondas Roman «Very Bad Kings»: «Jeder Satz in diesem Buch könnte dein Gehirn ficken. Und ein paar werden es definitiv tun. Sei gewarnt.»
Wer wissen will, was damit gemeint ist, muss nur mal die erste Seite lesen. Gleich zu Beginn sitzt eine junge Frau gefesselt auf einem Stuhl. Fünf maskierte Männer stehen vor ihr, ein ganzer Hörsaal sieht zu. Einer der Männer packt sie an den Haaren, zieht ihren Kopf zurück und verspottet sie. Die junge Frau ist ihnen ausgeliefert, doch sie weigert sich, klein beizugeben. Gleichzeitig erinnert sie sich an sexuelle Begegnungen mit drei der Männer und daran, wie sehr sie diese erregt haben. Gewalt, Angst und sexuelle Anziehung liegen hier dicht beieinander.
Die Verbindung von Gewalt und sexueller Anziehung ist typisch für das Genre Dark Romance, zu Deutsch düstere Liebesromane. Darin geht es häufig um gefährliche Männer, toxische Beziehungen, Macht und Gewalt. Sexuelle Handlungen werden oft explizit beschrieben, manchmal auch solche, bei denen die Frage nach der Einwilligung alles andere als eindeutig ist.
Das Geschäft mit der dunklen Liebe
Dark Romance ist eines von mehreren Subgenres der sogenannten New-Adult-Literatur. Während sich Young Adult vor allem an Jugendliche richtet, erzählt New Adult vom Leben junger Erwachsener. Von der ersten grossen Liebe, sexuellen Erfahrungen, Selbstfindung und dem Erwachsenwerden. Dabei kann es durchaus explizit zugehen. Die Grenzen zwischen den Kategorien sind allerdings fliessend.
Und diese Bücher boomen. In Buchhandlungen füllen sie eigene Regale, häufig mit dunklen Covern und aufwendig verzierten Buchschnitten. Auf TikTok werden die Romane von sogenannten Booktokern empfohlen, diskutiert und gefeiert. Vor allem junge Frauen treiben den Trend voran. In Deutschland stieg der Umsatz mit New-Adult-Büchern 2025 um 9,6 Prozent, jener mit Young-Adult-Titeln um 4,8 Prozent.
Wie sehr diese Liebesroman-Genres inzwischen im Literaturbetrieb angekommen sind, zeigte sich auch an der Frankfurter Buchmesse diesen Oktober. Dort wurde erstmals der «Rabbit Romantasy Award» verliehen, ein Literaturpreis für die Verbindung von Fantasy und Liebesgeschichten. Eine der Kategorien war der «Dunklen Liebe» gewidmet. Die Auszeichnung ging an die deutsche Autorin Alessia Gold für ihren Roman «In the Shadows We Wait».
Wenn Gewalt zur Lust wird
Eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Autorinnen dieser Szene ist Jane S. Wonda. Die Deutsche begann ihre Karriere als Selfpublisherin, veröffentlichte ihre Bücher also zunächst selbst, ohne einen klassischen Verlag. Inzwischen betreibt sie eigene Verlagsmarken und landet regelmässig auf den Bestsellerlisten. Auf Buchmessen wird sie von jungen Fans gefeiert, die oftmals mit Stapeln von Büchern die Stände verlassen. Ihre «Very Bad Kings»-Reihe verkaufte sich laut dem Piper-Verlag hunderttausendfach, der zehnte Band schaffte es 2025 sogar auf Platz eins der «Spiegel»-Bestsellerliste.
«Very Bad Kings» ist der Auftakt einer mehrbändigen Dark-Romance-Reihe, die an der fiktiven Kingston University spielt. Die Geschichte bedient sich dabei auch der sogenannten Bully Romance, bei der Schikanen und Demütigungen eine zentrale Rolle in der Beziehung zwischen den Figuren spielen. Ausserdem handelt es sich um eine Reverse-Harem-Geschichte: Mehrere Männer begehren dieselbe Frau.
Im Mittelpunkt steht die junge Mable, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt und dank eines Stipendiums an der amerikanischen Eliteuniversität studieren darf. Dort haben fünf einflussreiche Studenten, die sogenannten Kings, das Sagen. Sie machen den Stipendiatinnen das Leben zur Hölle. Auch Mable gerät in ihr grausames Machtspiel. Doch ausgerechnet zu den Männern, die sie bedrohen und demütigen, fühlt sie sich zunehmend sexuell hingezogen. Die Geschichte fesselt offenbar. «Ich mag die Bücher», schreibt ein Fan im Forum Reddit und erzählt, die Reihe teilweise am Stück verschlungen zu haben. Auf TikTok fällt das Urteil bei manchen anders aus: «Ich bin wirklich zwiegespalten.» Die Hauptfigur sei manchmal unerträglich naiv, trotzdem habe sie das Buch kaum aus der Hand legen können. So geht es scheinbar vielen.
Wie die Grenzen zwischen Gewalt und sexueller Anziehung in Wondas Roman verschwimmen, zeigt eine Szene im Wald. Mable versucht vor Sylvian, einem der fünf Kings, zu fliehen. Doch er verfolgt sie, wirft sie zu Boden und hält sie fest. Er drückt ihr die Kehle zu, zieht ein Messer und droht, ihre Kleidung aufzuschneiden, wenn sie sich nicht selbst auszieht. Mable gehorcht. Sie erklärt sogar, sie mache lieber mit, bevor er ihr die Kehle aufschneide. Was folgt, ist eine explizite Sexszene. Aus der Angst um ihr Leben wird sexuelle Erregung. Mable empfindet zunächst Schmerz, später Lust. Im weiteren Verlauf beschreibt sie die Begegnung als Erfüllung einer ihrer dunkelsten Fantasien und bestätigt schliesslich, dass sie den Sex will. Danach nimmt Sylvian sie in den Arm, streichelt sie und gibt ihr das Gefühl von Geborgenheit. Wenig später droht er ihr erneut mit Gewalt, sollte sie ihm nicht gehorchen.
Von einer Einwilligung ist zu Beginn der Szene nichts zu erkennen. Wie freiwillig ist Sex, wenn er zunächst unter Drohung erzwungen wird? Und was bedeutet es, wenn die betroffene Figur anschliessend Lust empfindet? Dass Mable später erregt ist, ändert nichts an der Drohung, mit der alles beginnt. Doch im Roman gehen Gewalt, sexuelle Erfüllung und Zärtlichkeit fast nahtlos ineinander über.
Wo beginnt die Einwilligung?
Wie sieht das die Autorin selbst? Am Telefon spricht sie vom sogenannten Non-Con-Trope und erklärt, das sei ein beliebtes Erzählmuster des Genres. Dabei spiele man damit, «dass eben die Frau an sich keine richtige Zustimmung gibt, aber die ist trotzdem da». Mable habe nicht Angst vor einem sexuellen Übergriff, sondern vielmehr davor, ihre eigenen, dunkleren sexuellen Wünsche zuzulassen.
Auch ein ausgesprochenes Ja sei nicht immer ein verlässliches Zeichen von Einwilligung, erklärt Wonda weiter. Schliesslich könnten Frauen aus Angst vor der Reaktion ihres Partners zustimmen. Für sie seien deshalb andere Anzeichen entscheidend: ob eine Frau den Sex geniesse, einen Orgasmus habe oder die Erfahrung wiederholen möchte.
Dass ihre Geschichten Gewalt romantisieren, weist Wonda zurück. «Die Romantisierung der Gewalt findet grundsätzlich beim Leser statt, nicht beim Autor.» Mable erkenne durchaus, dass das Verhalten der Männer nicht akzeptabel sei. Gleichzeitig fühle sie sich körperlich zu ihnen hingezogen. Auch innerhalb der Dark-Romance-Community wird über die Darstellung von Gewalt gestritten. In einer Reddit-Diskussion über Jane S. Wonda kritisiert eine Person, das Genre habe sich in den vergangenen Jahren in Richtung «immer mehr, immer krasser, immer brutaler» entwickelt. Gewalt und toxische Beziehungen müssten keineswegs romantisiert werden, um zu Dark Romance zu gehören.
Was aber macht ausgerechnet diese gefährlichen Männer so anziehend? Eine Dark-Romance-Leserin erklärte online, gewöhnliche Heldengeschichten seien ihr irgendwann zu langweilig geworden. Besonders faszinierten sie die Bösewichte. In solche Geschichten könne sie völlig eintauchen, obwohl sie nichts mit ihrer eigenen Realität zu tun hätten.
Ein Teil der Faszination liegt gerade in diesem Widerspruch: Die Männer sind gefährlich und zugleich begehrenswert, die Geschichten versprechen Nervenkitzel, sexuelle Spannung und Grenzüberschreitungen. Auch die Vorstellung, einem mächtigen Mann ausgeliefert zu sein, kann eine erotische Fantasie sein, ohne dass man sich im wirklichen Leben eine solche Beziehung wünscht. Hinzu kommt ein romantisches Versprechen: Ausgerechnet die Protagonistin könnte für den gefährlichen Mann zur Ausnahme werden, diejenige, der er seine verletzliche Seite zeigt. In der Fiktion lassen sich solche Situationen erkunden, ohne ihnen tatsächlich ausgesetzt zu sein.
Die Altersempfehlung ab 16 Jahren hat Wonda selbst festgelegt. Sie habe sich dafür an den Freigaben von Filmen und Serien orientiert. Dass junge Leserinnen Fantasie und Realität verwechseln könnten, hält sie aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen für wenig wahrscheinlich. Vielmehr hofft sie, dass ihre Bücher jungen Frauen helfen, die eigenen sexuellen Wünsche und Grenzen kennenzulernen.
Was hat das Patriarchat damit zu tun?
Für Christine Lötscher, Literaturwissenschafterin an der Universität Zürich, haben diese Fantasien einen sehr realen Hintergrund: das Patriarchat. Sie sieht Dark Romance als eine Möglichkeit, «patriarchale Gewalt auf eine sehr radikale und exzessive Art sichtbar zu machen». Die Tradition solcher Geschichten reiche weit zurück, bis zur Gothic-Literatur und den Anfängen der Frauenemanzipation.
Dass Frauen von männlicher Gewalt bedroht werden, ist schliesslich keine Erfindung der Literatur. Lötscher verweist auf Frauenfeindlichkeit in den sozialen Medien, sexualisierte Deepfakes und die sogenannte Manosphere. In Dark Romance werde diese Bedrohung auf die Spitze getrieben. Die gefährlichen Männer seien überzeichnet, ihre Macht und Übergriffigkeit kaum zu übersehen. Was im Alltag oft schwer zu erkennen sei, werde in diesen Geschichten deutlich sichtbar. Die Bücher können also auch als Kritik an sexueller Gewalt gesehen werden, statt sie zu legitimieren.
Doch wie gehen junge Leserinnen damit um? Lötscher hält wenig von der Vorstellung, sie würden die dargestellten Beziehungsmuster einfach übernehmen. Schliesslich lesen sie die Bücher nicht isoliert. Auf BookTok und Instagram wird intensiv über die Geschichten diskutiert, gerade auch über sexuelle Einwilligung. Das Lesen sei deshalb eher «eine Arbeit an der eigenen Identität», als dass man alles übernehme, was ein Roman anbiete.Wie unterschiedlich die Bücher interpretiert werden, zeigt eine weitere Diskussion auf Reddit. «Man kann sexuelle Fantasien haben, die mit der Realität nichts zu tun haben», schreibt eine Person. Eine andere widerspricht direkt: Solche Fantasien seien keineswegs unabhängig von den Machtverhältnissen einer patriarchal geprägten Gesellschaft.
Wenn Liebe zur Falle wird
Ausserdem verändern sich die übergriffigen Männer in den Romanen von Wonda oft zum Guten – ein wiederkehrendes Motiv in Dark Romance. Jane S. Wonda betont, ihre Männerfiguren würden sich dabei aus eigenem Antrieb ändern, weil sie selbst lieben. Im Roman «Die schönste Version» von Ruth-Maria Thomas verläuft die Entwicklung in die andere Richtung: Aus einem liebevollen Partner wird ein gewalttätiger Mann.
Dabei beginnt die Beziehung zwischen Jella und Yannick voller Zärtlichkeit. Als er sie zum ersten Mal unter ihrem Shirt berührt, fragt er: «Darf ich?» Sie nickt. Später sitzt Jella auf einer Polizeiwache und muss erzählen, wie derselbe Mann ihr die Hände um den Hals gelegt und zugedrückt hat. Die Gewalt kommt nicht aus dem Nichts. Thomas zeigt, wie sich Jella zunehmend anpasst. Ihre geliebten rosafarbenen Liebesromane liest sie nur noch heimlich in der Bibliothek, sie schminkt sich dezenter und knöpft ihre Bluse zu. Yannick muss ihr das nicht einmal vorschreiben. Es genügt, wie abfällig er über andere Frauen spricht.
Bei einem Streit eskaliert die Situation. Yannick hält ihr Mund und Nase zu. Jella konnte sich nur mit einem Kniestoss befreien. Wenig später kniet sie neben ihm im Badezimmer und verbindet seine verletzte Hand. «Wir brauchen diese Hitze anscheinend. Und die kickt doch, oder?», sagt er. Sie haben Sex, danach liegt Jella in der Badewanne und stellt sich ihre Hochzeit vor. Sie ist überzeugt, mit Yannick eine aussergewöhnlich intensive Liebe zu erleben. Gerade darin liegt das Beklemmende dieser Szene: Aus der Gewalt wird in Jellas Wahrnehmung ein Beweis besonderer Nähe.
Die Autorin Ruth-Maria Thomas, 1993 geboren und in Cottbus aufgewachsen, hat früher als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe gearbeitet und später am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Ihr Debüt «Die schönste Version» war 2024 für den Deutschen Buchpreis nominiert. In einer ZDF-Diskussion über Dark Romance, an der auch Jane S. Wonda teilnahm, fand Thomas deutliche Worte: «Deshalb habe ich auch mein Buch nicht zu einer romantischen Fantasie gemacht, denn das halte ich für gefährlich.» Sie verweist auf reale Gewalt gegen Frauen und patriarchale Besitzansprüche. Und stellt eine grundsätzliche Frage: «Warum immer der starke Mann, die schwache Frau?»
Ihre Romanfigur Jella sei in einer Zeit aufgewachsen, in der es kaum positive Vorbilder für Beziehungen gegeben habe. «Sie hat auf jeden Fall nicht gelernt, Grenzen zu setzen», erklärte Thomas beim ZDF. Gewalt habe Jella lange nicht als solche erkannt, sondern für einen normalen Bestandteil von Beziehungen gehalten.
Thomas ist überzeugt, dass Literatur gesellschaftliche Vorstellungen beeinflussen kann. Gerade romantische Ideale wie Eifersucht als Liebesbeweis hält sie für problematisch. Wenn ein Mann seiner Partnerin vorschreibe, mit wem sie sprechen dürfe oder wie sie sich zu kleiden habe, könne sie das als Beschützerinstinkt missverstehen – obwohl er ihre Freiheit einschränke.
Wenn diese Bücher so gefährlich sind, sollte man aufhören sie zu schreiben, sie gar verbieten? So weit gehen möchte Thomas nicht. Im Gespräch mit «Schweiz am Wochenende» plädiert sie vielmehr für mehr Medienkompetenz. Junge Leserinnen sollten sich über ihre Lektüre austauschen können, auf BookTok, mit Freundinnen und gerade bei Minderjährigen auch mit Erwachsenen oder Lehrpersonen. Es gehe darum, über die dargestellten Rollenbilder zu sprechen, statt Bücher einfach zu verbieten.
Dass Frauen über gefährliche Männer fantasieren, bedeutet nicht, dass sie sich solche Beziehungen im wirklichen Leben wünschen. Doch die Frage bleibt, was es bedeutet, wenn Gewalt nicht nur Teil einer Geschichte ist, sondern zum Versprechen aussergewöhnlicher Liebe wird.
Und welche Verantwortung tragen die Autorinnen selbst? «Ich glaube nicht, dass wir die Aufgabe haben, zu erziehen», sagt Thomas im Telefoninterview. «Was wir tun, ist Geschichten erzählen.» Doch sie fügt hinzu: «Aber wie wir sie erzählen, das haben wir ja schon in der Hand.»







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