Was ist meine geheimste Fantasie? Diese Frage hat die Schauspielerin Gillian Anderson gestellt. Hunderte Frauen haben ihr geantwortet. Anonym.
«Ich verzehre mich nach einem grossen, dicken Penis in mir. Ich will jetzt nicht gleich so derb rüberkommen, aber so ist es nun mal. Ich will spüren, wie die ganze dicke, ädrige Länge gegen die Wände meiner Möse stösst, die noch nie zuvor auf diese Weise berührt wurde. Ich will die Glückseligkeit der Hingabe; die unverfälschte, ursprüngliche Herrlichkeit, jenseits aller Vernunft ausgefüllt zu sein.»
Die Frau, die das schreibt, ist verheiratet. Ihren Ehemann beschreibt sie als geliebt, grossartig, sanftmütig und grosszügig. Auch den Sex mit ihm liebt sie. Nur entspricht sein Penis nicht dem, wonach sie sich in ihren Fantasien verzehrt. Und genau das bringt die Feministin in ihr auf die Palme: Würde ihr Mann ihre Brüste, ihren Hintern oder einen anderen Teil ihres Körpers ähnlich bewerten, schreibt sie, würde sie «an die Decke gehen».
Es sind solche intimen, mitunter widersprüchlichen Gedanken, die Anderson gesammelt hat. Die Schauspielerin, bekannt aus Akte X als FBI-Agentin Dana Scully oder Sex Education, wo sie eine Sexualtherapeutin spielt, schreibt auch Bücher. 2024 erschien «Want», nun folgt mit «More» ein zweiter Band mit anonym eingesandten sexuellen Fantasien von Frauen.
Es geht nicht nur um Sex, oder doch?
Andersons Bücher beinhalten vieles: Macht und Unterwerfung, Fremde, Gruppensex, Beobachten und beobachtet werden, Kink, Sex mit Frauen – aber eben auch Liebe, Zärtlichkeit, Sicherheit und Geborgenheit. Laut ihr seien etliche Briefe gekommen, in denen Frauen vor allem wahrgenommen werden wollten und sich nach Zuneigung und einer tiefen Verbundenheit sehnten.
Eine Frau im Buch schreibt, dass sie sich beim Sex vor allem ein liebevolles und ungefährliches Erlebnis vorstellt. Sie möchte mit jemandem schlafen, dem sie vertraut, der ihr nicht wehtut und sie nicht bloss benutzt. Sie will Spass empfinden und erleben, dass jemand ihren Körper schön findet und sie «aufrichtig liebt». Gleichzeitig ist ihre Fantasie keineswegs nur Kuscheln: Sie wünscht sich durchaus etwas Härte und Kink – aber eben unter einer Voraussetzung:
«Ist es verrückt, wenn es in meiner wildesten Sexfantasie darum geht, mich sicher zu fühlen?»
Anderson sagt, beim Lesen der Briefe sei ihr nochmals bewusst geworden, dass es «die typische Fantasie so wenig gibt wie die typische ‹Frau›». Die Wünsche seien so unterschiedlich wie Wünsche an Arbeit, Beziehungen oder Liebe.
Im Kopf gelten andere Regeln
Feministisch und trotzdem Unterwerfungsfantasie. Nicht objektifiziert werden wollen und gleichzeitig unbedingt begehrt werden. Sanft und grob. Heterosexuell leben und von Frauen fantasieren. Treu sein und von Fremden träumen.
«Die Fantasie, auf die ich am intensivsten reagiere, steht eigentlich im Widerspruch zu allem, was mir wichtig ist», schreibt eine Frau in Want. «Ich liege allein im Bett, als ein Trupp Männer in meine Wohnung eindringt. Bevor ich einen von ihnen sehen kann, verbinden sie mir die Augen. Dabei stellen sie fest, wie feucht ich bin. Wie ich auf jede Berührung reagiere. Wie sehr mich die Situation erregt. Einer drückt mich hart aufs Bett.»
«In diesem Sexdrehbuch bin ich völlig machtlos, das hat mich immer beunruhigt», schreibt sie. Gleichzeitig weiss sie: Sie selbst ist die «Regisseurin» in ihrem Kopf. Ausleben möchte sie die Fantasie keinesfalls. Sie sei Feministin und sexpositiv. «Ich habe was zu sagen und trage grosse Verantwortung. Das wird mir manchmal zu viel, dann möchte ich ausbrechen und alles loslassen.»
Für die Sexologin und Sexualtherapeutin Karoline de Falco ist das nicht unbedingt ein Widerspruch. Sie sagt: «Fantasie ist nicht automatisch ein Wunsch und hat auch nicht automatisch eine Handlungsabsicht.» Gerade Menschen, die im Alltag viel Verantwortung tragen, könnten es als lustvoll erleben, diese in ihrer Vorstellung abzugeben. De Falco nennt das einen «kontrollierten Kontrollverlust»: Man kann die Kontrolle abgeben, aber in einem sicheren Rahmen, nämlich in meinem eigenen Kopf.
Solche Widersprüche ziehen sich durch Andersons Sammlung: Feministinnen fantasieren von Unterwerfung, Frauen wollen nicht objektifiziert und gleichzeitig unbedingt begehrt werden. Heterosexuelle Frauen fantasieren von Frauen; eine Lesbe, die Männer sexuell nicht anziehend findet, von einem Mann. Fantasien können dabei einen Raum schaffen, sagt de Falco, in dem sich etwas gedanklich ausprobieren lässt. Da kann etwas sein, das ausserhalb der Vorstellung fremd, tabuisiert oder nicht Teil der eigenen gelebten Sexualität ist.
Was steckt dahinter?
Doch wozu sind sexuelle Fantasien überhaupt da? Ihre unmittelbare Funktion sei ziemlich simpel, sagt de Falco: «Erregung auslösen, Erregung steigern» – und manchmal dabei helfen, zum Orgasmus zu kommen. Eine Fantasie müsse dafür weder realistisch sein noch etwas darstellen, das man tatsächlich erleben möchte.
Gerade darin liegt eine besondere Freiheit der Fantasie: Im Kopf müssen weder die Regeln der Realität noch die eigenen Grenzen des Alltags gelten. Tabus, Grenzüberschreitungen oder völlig unrealistische Szenarien können erregend sein, gerade weil «in der Vorstellung alles möglich ist», sagt de Falco.
Doch was in unseren Köpfen auftaucht, entsteht nicht unabhängig von der Welt ausserhalb davon. Fantasien entstünden «nie im luftleeren Raum», sagt de Falco. Sie seien individuell, würden aber auch von Erfahrungen, Sozialisation, gesellschaftlichen Vorstellungen von Sexualität und Geschlechterrollen sowie von Tabus geprägt. «Alles, was wir sehen, erleben, lernen oder kennen, kann sexuelle Fantasien beeinflussen.» Wie stark solche Vorstellungen von ihrer Zeit geprägt sind, zeigt ein Blick zurück.
Der historische Schritt zurück
Schon mehr als fünfzig Jahre vor Anderson sammelte eine andere Frau anonym sexuelle Fantasien von Frauen. 1973 veröffentlichte die US-Autorin Nancy Friday «My Secret Garden». Die Grundidee war damals provokant: Frauen haben sexuelle Fantasien – und zwar weit vielfältigere, als ihnen gesellschaftlich zugestanden wurde.
Dazwischen liegen die sexuelle Revolution der 60er- und 70er-Jahre und feministische Debatten über weibliche Lust, ein Welterfolg wie «Fifty Shades of Grey», der Unterwerfungsfantasien im Mainstream sichtbar machte, und spätestens seit #MeToo eine intensive Auseinandersetzung mit sexueller Selbstbestimmung und Consent.
Man könnte also meinen, Frauen könnten heute freier über ihre Lust sprechen. Andersons Briefe zeigen allerdings, dass eine alte Begleiterin nicht verschwunden ist: die Scham.
Die gesellschaftliche Frage bleibt
Auch de Falco begegnet diesem Konflikt in ihrer Arbeit. Menschen fühlen sich teilweise von ihren Fantasien belastet, weil sie diese als möglichen Ausdruck ihrer Persönlichkeit oder ihrer Werte verstehen. Der Gedanke, eine bestimmte Fantasie bedeute, dass mit einem etwas nicht stimmt, sei ein Ausdruck von Scham.
Und damit ist Anderson erstaunlich nah bei Nancy Friday. Zumindest in unserem Kulturkreis gibt es heute mehr Worte für Sexualität, mehr Bilder und mehr Möglichkeiten, darüber zu sprechen. Doch Anderson stellt in «More» eine Frage, die nach all diesen Jahrzehnten erstaunlich aktuell klingt: «Haben sich die intimen Landschaften von Frauen wirklich verändert? Sind sie heutzutage im Kopf freier oder nur besser darin, so zu tun, als ob?»
Die Freiheit der Fantasie
«Was will ich eigentlich?» Mit dieser Frage begann Andersons Sammlung. Doch vielleicht muss auf die Antwort gar nicht immer eine Handlung folgen. De Falco erlebt in ihrer Praxis Menschen, die eine lange gehegte Fantasie tatsächlich umsetzen – und danach enttäuscht sind. Manche hätten ihr gesagt, sie wünschten, sie hätten es bei der Vorstellung belassen. Die Realität habe die perfekte Fantasie in ihrem Kopf «überschrieben».
Vielleicht liegt ein Teil der Freiheit sexueller Fantasien also gerade darin, dass sie Fantasien bleiben dürfen. Man kann sich ihnen hingeben, ohne sie verwirklichen zu müssen.
Denn wenn eine Fantasie Wirklichkeit wird – was bleibt dann noch Fantasie?



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