
Letztes Jahr eröffnete mir eine Freundin, dass sie über Scheidung nachdenke. Es kam nicht ganz aus blauem Himmel. Schreiende Kinder, finanzielle Sorgen, chronische Krankheit: Sie und ihr Mann hatten schwierige Jahre hinter sich, die jedes Paar an seine Grenzen führen würden. Trotzdem sagte ich: «Ach, komm.»
Nicht, weil ich ihre Sorgen wegwischen wollte – sondern weil die beiden wie gemacht füreinander scheinen. «Ja», erwiderte sie: «Ich habe noch nie einen Menschen so geliebt wie ihn. Daran erinnere ich mich.» Sie klang sehr erschöpft. «Aber in letzter Zeit?» Sie hielt inne, schien sich zu schämen. «Manchmal habe ich das Gefühl, ihn zu hassen», sagte sie: «Muss man sich da nicht scheiden lassen?»
Der renommierte amerikanische Paartherapeut Terry Real prägte 2022 in seinem Buch «Us» den Begriff vom «normalen ehelichen Hass» – und provozierte damit eine Kontroverse. Ist die Ehe nicht amtlich besiegelte Liebe? In Interviews sagte Real, er verwende diesen Begriff seit Jahrzehnten und noch nie habe jemand nachfragen müssen, was er meine.
«Wir alle heiraten unseren unerledigten Kram», so Real. Den Partner, der unsere wunden Punkte findet wie niemand sonst – und der im Zweifel auch mal drauf drückt. In extremen Fällen kann diese Erkenntnis tatsächlich zum Scheidungsanwalt führen. Aber wenn sich zwei Menschen eigentlich lieben? Real schlägt vor, nicht gleich das Handtuch zu werfen, sobald eine Krise aufkommt – selbst dann nicht, wenn sie mit Gefühlen erschreckend starker Abneigung einhergeht. Verfahrene Situationen müssen nicht das Ende bedeuten. Sie können die Chance auf Wachstum und Befreiung in sich bergen. Mit etwas Glück lernt man, sich selbst besser zu verstehen und in den Griff zu bekommen.
Am Beispiel meiner Freundin: Wenn sie sich unsicher fühlt, verhärtet sie sich und wird konfrontativ. Und er? Zieht sich zurück und mauert. Ein Klassiker. Man könnte fast sagen: Sie hat ihren emotional unerreichbaren Vater geheiratet. Und er seine übergriffige, sich in alles einmischende Mutter. Wenn die zwei einander so betrachten, sind sie wie verletzte Kinder, die mit Holzklötzen nacheinander werfen.
Laut Real liegt die Befreiung darin, zu bemerken, wenn man in kindliches Verhalten rutscht – und sich aktiv für einen anderen, erwachsenen Weg zu entscheiden. Wer schon als Kind unter Stress die Schotten dichtgemacht hat, kann sich zum Beispiel daran erinnern, dass er nicht wirklich seine Mutter vor sich hat, sondern den Lieblingsmenschen, für den er sich aus freien Stücken entschieden hat. Wäre es möglich, sich nicht zu verschliessen, sondern präsent zu bleiben und zuzuhören?
Scheidung muss nicht immer die Lösung sein. Mitunter ist sie ein Ausweichmanöver – vor sich selbst.

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