Fast verliebt

69 Prozent aller Beziehungsprobleme sind unlösbar – und das ist gar nicht die schlechte Nachricht

Was tun, wenn man immer wieder über dieselben Dinge streitet? Unsere Kolumnisten weiss einen Rat.

«Wir sind seit elf Jahren zusammen», sagt eine meiner Freundinnen über ihre Partnerschaft: «und wenn wir Theater miteinander haben, geht es immer um dasselbe.» Ihr Partner habe es ihr zuerst nicht glauben wollen. Also notierte sie sich eine Zeit lang jeden Alltagskonflikt im Handy, zweifach: die Sachebene – und die Beziehungsebene.

Auf der Sachebene waren ihre Streits durchaus abwechslungsreich: Mal ging es um die Spülmaschine, die Steuererklärung oder das Auto. Auf der Beziehungsebene aber landete sie immer beim selben Vorwurf: dass er ihr nicht zuhört, nicht verlässlich ist, nicht mitdenkt – und sie die Verantwortung für alles trägt. Er wiederum fühlte sich schuldig gemacht für ihre grundsätzliche Unzufriedenheit, fand, sie kritisiere ihn nur noch, obwohl er viel für sie tue.

Wie kommt man da raus? Ein erster Gedanke, so frustrierend wie tröstlich zugleich: Laut John Gottman, dem grossen Pionier der Beziehungsforschung, sind 69 Prozent aller Konflikte in einer Beziehung dauerhaft unlösbar. Nicht, weil die Paare es falsch machen, sondern weil zwei Menschen, egal wie gut sie zueinander passen, immer auch verschieden sind. Manche Streitpunkte lassen sich objektiv nicht auflösen – wer hier «recht» hat, hängt vom eigenen Charakter ab, nicht von den Fakten. Wer also immer wieder denselben Konflikt austrägt, führt mit einiger Wahrscheinlichkeit gar keinen lösbaren, sondern einen dauerhaften. Dann hört der Streit nur auf, wenn man das tut, was die meisten von uns sehr ungern tun: aufgeben. Trost mag darin liegen, sich zu erinnern, dass wir alle nur Menschen mit Fehlern sind – und dass eine Beziehung auf der Langstrecke vor allem eins braucht: Toleranz.

Was aber, wenn man sich trotzdem wieder im alten Konflikt verfängt und die Fetzen fliegen? Gottman nennt vier destruktive Reflexe, die Gift für jede Beziehung sind: Kritik, Verachtung, Abwehr und Mauern. Zum Glück gibt es Gegenmittel. Wer zu harter Kritik neigt, kann sich im sanften Einstieg üben: Statt ein wütendes «Du machst immer..» rauszupfeffern, kann man es mit «Es verletzt mich, wenn du..» versuchen. Freundlich im Ton, klar in der Sache. Wer abwehrt oder mauert, tut gut daran, Verantwortung zu übernehmen und sich selbst zu beruhigen, anstatt sich kompromisslos zu verhärten.

«Uns hat es geholfen, einmal entspannt unsere übliche Auseinandersetzung durchzugehen», sagt meine Freundin. Dabei sei ihr einiges aufgefallen, das sie im Konflikt automatisch abspule – und sie habe begriffen, dass ihr Verhalten nicht nur mit ihm zu tun habe. Schon als Kind habe sie zu viel Verantwortung übernommen, das sitze tief. Er wiederum habe gemerkt, wie vergesslich er eigentlich ist – und nutzt jetzt vermehrt die Erinnerungsfunktion am Handy.

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