Konzertkritik

So war das Comeback von Céline Dion

In Paris gab Céline Dion am Samstagabend das erste Konzert nach langer Krankheitspause. Es war ein Triumph.

Um 20.49 Uhr steht Céline Dion, in einer schwarzen Abendrobe, endlich auf der Bühne. Ihre Stimme zittert ein wenig, scheint noch etwas zu wackeln, doch sie singt sich schliesslich souverän durch «On Ne Change Pas» (Man verändert sich nicht).

Um 20.54 Uhr kullern ihr die ersten Tränen übers Gesicht. «Ich hatte mir versprochen, nicht zu weinen», sagt sie nach Ende des ruhigen Liedes, zu dem sie lediglich von ihrem Pianisten begleitet wird. «Doch ich habe mein Versprechen nicht halten können.» Das Publikum wirklich jeden Alters, selbst recht viele Kinder sind dabei, ist ausser sich, heult mit, tobt, schreit entzückt – und gewiss auch ein wenig erleichtert – immer wieder ihren Namen: «Céliiiine». Die Menschen mit ihren Liedern zum Weinen bringen, das konnte Céline Dion schon immer sehr gut.

Michelle Obama und Oprah Winfrey warten gespannt

Zuvor hatte sich bereits eine leichte Unruhe im Publikum, darunter Michelle Obama und Oprah Winfrey, breitgemacht. Auch Dions Sohn René-Charles (25) sowie die fast sechzehnjährigen Zwillinge Nelson und Eddy sind da. Üblicherweise beginnt sie ihre Shows, das wissen hier alle, ja pünktlich um acht. Nun ist es viertel vor neun, sie wird doch nicht etwa ..? Vielleicht war sie wirklich nervös, wer weiss das schon, vielleicht sollte die Spannung auch einfach noch ein paar Meter weiter auf die Spitze getrieben werden.

Denn das ist natürlich viel mehr als ein Comeback, sechseinhalb Jahre nach ihrer letzten richtigen Show in Montréal im Februar 2020. Es ist ein emotionales Konzentrat ohne verdünnendes Wasser, aber durchaus mit Zuckerzusatz. Fast 35'000 Menschen sind in der Plenitude Arena zusammengekommen, einer Mehrzweckhalle tief im Westen von Paris, der grössten Halle Europas. Es ist der erste von 16 geplanten Auftritten im September und Oktober, zehn weitere sollen im Mai 2027 folgen.

Eine Art Auferstehung

Was die Menschen nun knapp zweieinhalb Stunden lang zelebrieren, ist zwar keine leibhaftige Auferstehung, immerhin lebte Céline Dion ja die ganze Zeit, aber definitiv eine Art Wiedergeburt in jenem Habitat, dass Céline Dion die Welt bedeutet, seit sie als Kind in der Piano-Bar ihrer Eltern sang.

Kann man sich ausmalen, was es für Céline Dion bedeuten muss, jetzt wieder hier oben zu stehen? Sie sagt es uns, quasi als Einleitung zu «Because You Loved Me». «Der Weg war steinig, die Reise länger als geplant, mit ungeplanten Zwischenstopps – doch ich habe durchgehalten. Ein schwacher Lichtstrahl tief in den Bergen. Ich habe daran geglaubt, und nun ist es so weit: Die Sonne strahlt direkt vor mir.» Die nächsten Tränchen, natürlich. «Ich möchte für euch singen, für mich singen. Das Leben besingen. Denn ich bin alles, weil ihr mich liebt.»

Eine Märchenkarriere und deren abruptes Ende

Jahrelang war zu befürchten, dass diese Märchenkarriere zu Ende ist. 1988, mit 20, gewinnt das jüngste von 14 Geschwistern aus einer armen, aber musikliebenden Familie aus dem kanadischen Québec den Eurovision Song Contest für die Schweiz, heiratet ihren 26 Jahre älteren Entdecker und Manager René Angélil (er stirbt 2016) und dominiert vor allem in den Neunzigern mit ihren sentimentalen, von der coolen Popkritik bisweilen belächelten Grossballaden (wahlweise auf Englisch oder auf Französisch) und diesem freundlichen Monster von einer Stimme die Charts.

230 Millionen Alben hat Dion bis heute verkauft, mit ihrer langjährigen Residenz im «Caesar’s Palace» in Las Vegas macht sie zudem eine Konzertform (nicht die Künstlerin reist, sondern die Fans) salonfähig, die bis dahin eher was für Leute im Spätherbst ihrer Karriere war.

Dann der Schock: 2022, als sich die Konzertverschiebungen nicht mehr pandemisch begründen lassen, gibt Dion bekannt, am Stiff Person Syndrom zu leiden, einer extrem seltenen neurologischen und nicht heilbaren Autoimmunkrankheit, die Muskelkrämpfe und spastische Anfälle verursacht und nicht zuletzt ihre Fähigkeit, zu singen, beeinträchtigt. Symptome gab es bereits seit vielen Jahren, doch nun hatte sie Gewissheit.

Wer sich unter der Krankheit nicht viel vorstellen kann: In der Amazon-Prime-Doku «I Am: Céline Dion» (2024), einer in jeder Hinsicht sehr ungeschminkten Angelegenheit, sieht man Céline leidend, hadernd, stark bleibend für ihre Kinder, eingesperrt im goldenen Käfig in Las Vegas. Bei einer ihrer spastischen Ganzkörperkrämpfe bleibt die Kamera minutenlang drauf, man hält es nur schwer aus.

Ganz Paris feiert (und verdient) mit

Doch die Krankheit soll nicht das letzte Wort haben. Dion beisst sich zurück, bekommt die Auswirkungen nach und nach besser in den Griff. Drei Mal die Woche Pilates, zwei Mal Ballett, dazu Yoga, Physiotherapie, eine Vielzahl von Medikamenten. Den Körper wieder hinzubiegen, es muss ein Vollzeitjob gewesen sein.

Im Sommer 2024 dann, bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, ist sie plötzlich wieder da, singt Edith Piafs «Hymne à l'amour» auf dem Balkon des Eiffelturms und verzückt die Welt. An ihrem 58. Geburtstag im März gibt sie die Termine der Paris-Shows bekannt. Neun Millionen Menschen wollen Karten, das Buchungssystem bricht zusammen, die Preise sind wie üblich jenseits von Gut und Böse, insgesamt bekommen 900'000 Menschen ein Ticket. Paris erwartet durch die Shows touristische Mehreinnahmen von einer Milliarde Euro, alle verdienen mit, die Pâtisserie Pierre Hermé etwa bietet acht Macarons in einer goldfarbenen Blechbüchse mit Céline Dion-Aufdruck für 38 Euro feil.

Je länger die show dauert, desto mehr löst sich die Anspannung

Zurück in der Arena zieht Dion sich nun das erste von vier Mal um, und als sie zurückkehrt auf die vom Designer Willo Perron sehr brutalistisch, sehr grau und sehr steinig entworfene, wie ein Tempel oder Amphitheater anmutende Bühne, macht sich die Anspannung von dannen. Den Titanic-Titelsong «My Heart Will Go On», ihren wohl grössten internationalen Hit, hämmert Dion souverän nach Hause, nach und nach wird das hier doch zu einem ganz normalen Konzert. Sie wird unterstützt von einer Band, einem kleinen Klassikensemble und später auch einem Gospelchor. Speziell der Mittelteil ist bemerkenswert wenig balladesk, Dion haut nun gleich drei französische Rock’n’Roll-Nummern hintereinander raus.

Sie weint auch nicht mehr, sondern sie lacht, sie strahlt, sie hält ihre Hand aufs Herz, sie hüpft gar ein bisschen und macht immer wieder mit beiden Armen diese Geste, bei der sie ihre Bizepse anspannt. Seht her, soll das heissen: Hier bin ich. Und sie sagt: «Mir geht es gut. Ich habe gelernt, mit dieser Zerbrechlichkeit zu leben. Ich habe beschlossen, sie zu meiner Lebenskraft zu machen. Heute Abend singen, tanzen und feiern wir.» Es folgt ein Medley mit «I Feel Love» und «I’m Alive».

Dion wechselt wieder das Outfit, ein schlichtes Schwarzes, nun kommt ein ruhiger, wunderbar intimer, Teil. «Dansons», ein neuer und wieder von Jean-Jacques Goldman komponierter Chanson, dann «Ziggy» und «Courage», das monumentale «It’s All Coming Back To Me Now», längst hat niemand mehr Angst, Céline könnte die Stimme versagen, dann: Oper. Eine Arie aus «La Wally», auf Italienisch. Die Leute – alle haben einen Sitzplatz, aber niemand hätte einen gebraucht – drehen durch.

Dann Zugaben, als erste «All By Myself». Als Dion diese eine Stelle gegen Ende meistert, an der sie mit ihrer Stimme die Erdachse ein wenig zu verschieben scheint, bläst sie kurz die Backen auf. Sieht aus wie bei einer Sportlerin, die im letzten Versuch noch die Siegesweite meistert. Sie hat es geschafft. Und wieder, wie so oft an diesem Abend, der Dank ans Publikum. Vor dem Finale noch «S’il Suffisait d’Aimer» (Wenn es nur genügen würde, sich zu lieben), ein bewegendes, stilles Plädoyer für mehr Miteinander. Danach Tränen des puren Glücks. Das hier ist ihr Leben. Sie hat es zurück.

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