Konzertserie

Kein Hype, sondern Kommunion: Paris liegt Céline Dion zu Füssen

26 Konzerte allein in Paris, 900'000 Gäste aus der ganzen Welt: Céline Dion kehrt nach langer Krankheit auf die Bühne zurück. Zuerst sollen aber ihre Fans die Stimmbänder strapazieren.

Paris erlebe «das meistkommentierte Comeback seit Charles de Gaulle», schreibt das britische Magazin The Spectator. Es spielt auf die historische Rückkehr des französischen Generals an die politische Macht im Jahr 1958 an. Und jetzt komme eben Céline Dion zu einer langen Konzertserie zurück.

Auf jeden Fall ist Paris ausser sich vor Erwartung. Die romantische Stadt der Lichter bietet der kanadischen Diva ab Samstag das Dekor für 16 Konzerte. Im kommenden Frühjahr wird sie zehn weitere Auftritte anfügen – denn der Andrang war einfach zu gross: Neun Millionen Interessenten versuchten im Internet, Tickets zu ergattern, nur ein Zehntel, 900 000, wurden bedient. Für Preise notabene, die im Schnitt zwischen 90 und 300 Euro lagen, im teilweise zugelassenen Wiederverkauf bis zu 1100 Euro.

All diese Happenings finden in der gleichen Stadt statt: in der Pariser Plenitude Arena, dem grössten Sport- und Konzertsaal Europas, der bei Dion in der bequemen Sitzkonstellation 30 000 Zuschauerinnen und Zuschauer fasst. Die Auftritte sind jeweils am Mittwoch, Freitag und Samstag.

Mit Offenheit von der Krankheit erzählt

Céline Dion, die 1988 den Eurovision Song Contest für die Schweiz gewonnen hatte, mag offenbar die Beschränkung auf einen Ort: Früher war sie mehrere hundertmal an ihrem Wohnort Las Vegas aufgetreten. 2021 musste sie aber all ihre Auftritte absagen: Die dreifache Mutter und Witwe wurde von der seltenen neurolgischen Krankheit der «stiff person» (Steife-Person-Syndrom, SPS) erfasst. Mit ihrer entwaffnenden Offenheit teilte sie ihren Fans mit, sie leide unter schweren Muskelschmerzen und könne kaum mehr singen.

Drei Jahre später hatte sie nach langem Körpertraining, Tanz und Yoga wieder einen kurzen Live-Auftritt: Zum Schluss der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele von Paris sang sie 2024 Edith Piafs «Hymne an die Liebe». Gut einer Milliarde TV-Zuschauern rieselten Schauer über den Rücken.

Dass die Wahl für ihr Comeback ebenfalls auf die Seine-Stadt fiel, hatte auch logistische Gründe: Die zwei Grossflughäfen Roissy und Orly können die knapp 200 000 Konzertbesucherinnen und Besucher verkraften, zudem verfügt Paris über genügend Hotels und Restaurants. Der Umsatz der Dion-Konzerte wird auf 1,2 Milliarden Euro geschätzt, fünfmal mehr als bei dem Dreifachkonzert von Beyoncé 2025 im Stade de France.

Die Seine-Stadt ist rundum mobilisiert: Der Konditor Pierre Hermé hat Dion-Makarons geschaffen, das Kaufhaus der Galeries Lafayette baute Dions Loge nach. In den Sozialen Medien hätte dies sarkastische Sprüche absetzen können. Aber die Leute spüren, dass es bei Dion um mehr als um den Kommerz geht.

Im April, als die Tickets für die Dion-Konzerte auf den Markt kamen, hatten gutpariserische Musikkritiker noch geschnödet, Dions Balladen seien «sirupeux», also klebrig von Kitsch, Schmalz und Sonnenuntergängen. Das Vordenkerblatt Le Monde titelte hochnäsig: «Wie kann man Céline Dion nur mögen?»

Das ist passé: Heute testet sogar Le Monde die Leserkenntnisse in Sachen Céline Dion mit einem Quiz. Paris liegt Céline Dion zu Füssen.

Worum es der französischen Hauptstadt wirklich geht, zeigt sich seit Dions Ankunft Ende August. Zahllose Fans warten täglich vor dem Portal des Hotels Royal Monceau geduldig auf die Sängerin aus Québec. Wenn sie auf den Trottoir tritt, kommt es nicht zu popstarhaften Szenen der Hektik, Hysterie oder gar Ohnmachtsanfällen, sondern einem sehr gefühlten Austausch. «Willkommen in Paris», rufen die Wartenden, oder: «Wir lieben dich, Céline!» Andere wünschen ihr angeischts ihrer Krankheit «viel Kraft».

Dion, die Haare streng geknotet, mit riesiger Sonnenbrille und meist schwarz gekleidet, legt die Hände zusammen, um den Dank zurückzugeben. Die abgemagerte Sängerin winkt; dann wieder ballt sie kämpferisch die Faust. Ab und zu singt sie mit, wenn sie vor das Hotelportal tritt. Meist aber schont sie ihre Stimme. Dafür rufen Fans, die ihr Sparkonto geleert haben, um an einem der Dion-Konzerte teilzunehmen: «Merci, Céline!» Wofür? Das brauchen sie nicht anzufügen: Es ist der Dank für ihre ans Herz gehenden Songs, für die Einfach- und Echtheit der Gefühle, welche die Sängerin vermittelt.

Alles singt den Titanic-Song

Wenn jemand den Titanic-Song «My heart will go on» anstimmt, freut sie sich sichtbar. Alle fallen ein, die Sängerin breitet die Arme aus, wiegt sich mit geschlossenen Augen im Refrain. Das ist kein Hype mehr, das ist eine Kommunion.

Céline Dion hat ihren Mann und Manager durch Krebs verloren; sie selber ist 58 und wird von einer Neurologin und einem Vocal Coach betreut, dazu von Physio- und Immuntherapeuten. Ihre Stimme sei so stark «wie vorher», berichtet ein Insider in der Zeitung Le Parisien aus den Proben in der Plenitude Arena. Wenn sie nicht singe, schweige sie und kommuniziere schriftlich mit dem Staff.

Am Samstag ist der Auftakt zur Konzertserie angesagt. Zweieinhalb Stunden Profishow, ausgedacht von Willo Perron, dem Starregisseur aus Montreal, der schon Rihanna an der Super Bowl oder Chanel an einer Modeschau in Paris inszeniert hatte.

Am Vorabend, also freitags, wollen ihr die Fans etwas von sich selbst auf den Weg geben. Dann organisiert die Pariser Stadtregierung zwei Grosskaraokés, natürlich ohne Dion. Der Eintritt ist frei, gebeten wird nur um einen originellen Céline-Look. Zweimal je zehntausend Fans haben sich für den improvisierten Dion-Chor eingeschrieben. Sie werden unter DJ-Anleitung die bekanntesten Songs der Kanadierin anstimmen. Und ihr von zehntausend Herzen Glück für all die Auftritte wünschen.

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