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Gesellschaft

Der Unterschied zwischen Kanye West und Blake Lively – ist Cancel Culture ein Witz?

So manche Stars haben ihren Ruf schon an die Wand gefahren. Müssen sie darum befürchten, dass die Karriere futsch ist? Nein. Zumindest nicht alle.
Die Schlagzeilen über Kanye West sind schon lange sehr negativ, doch weg vom Fenster ist er deshalb nicht.
Bild: Jordan Strauss

Mit seinen zwei ausverkauften Konzerten in Los Angeles hat Kanye West Anfang April satte 33 Millionen Dollar kassiert. Auch sein neues Album wurde in den ersten 24 Stunden nach dem Release über eine Million Mal gestreamt. Damit ist ihm ein fulminantes Comeback gelungen – obwohl er zuvor mit antisemitischen Äusserungen für haarsträubende Skandale sorgte. Wird er deshalb gecancelt? Mitnichten.

Natürlich hat ein Vermögen verloren, als Geschäftspartner ihn fallen liessen wie eine heisse Kartoffel. Zuletzt zog sich Pepsi als Sponsor eines Londoner Musikfestivals zurück, weil er als Headliner für schlechte Presse sorgte. Geld hat er trotzdem wie Heu. Und auch seine Fans juckt es wenig, dass er sich online als Nazi bezeichnete.

Stattdessen verteidigen sie ihn in zahlreichen Kommentaren: «Manches, was er gesagt hat, ist furchtbar. Aber es ist nicht alles schwarz-weiss. Zu einem Kanye-West-Konzert zu gehen, bedeutet nicht, dass man seine Aussagen gutheisst.» Das ist zwar Quatsch, aber auch einigen Promis ist das Wurst. So sassen unter anderem Erykah Badu und Dave Chappelle im Publikum, während Lauryn Hill mit ihm auf der Bühne stand.

Werden Frauen eher gecancelt?

Während Kanye weiterhin Karriere macht, landeten andere für sehr viel weniger blitzschnell auf dem Abstellgleis: Janet Jackson wurde nach dem «Nipplegate»-Skandal am Super Bowl mit Justin Timberlake von den Grammys ausgeladen und fand bis heute nicht mehr zum alten Erfolg zurück. Die Dixie Chicks (heute The Chicks) konnten jahrelang nicht mehr auf Tour, und ihre Songs wurden im Radio nicht mehr gespielt, nachdem sie sagten, dass sie sich für Präsident Bush und den Irak-Krieg schämen. Und die Schauspielerinnen Ashley Judd und Mira Sorvino wehrten sich gegen Produzent Harvey Weinstein, der dann dafür sorgte, dass sie kaum mehr Rollen bekamen.

Ist Blake Lively Opfer oder Täterin? Oder hat sie sich nur einfach doof verhalten? Die Öffentlichkeit hat das Urteil längst gefällt.
Bild: Seth Wenig

Auch Blake Livelys Karriere steht auf der Kippe, seit sie ihren «It Ends With Us»-Co-Star Justin Baldoni – möglicherweise ohne Grund – verklagt hat. Ein Richter hat kürzlich die meisten Anklagepunkte verworfen, inklusive jenem der sexuellen Belästigung. Im Mai soll es wegen Vertragsbruchs, Vergeltungsmassnahmen und Beihilfe zu solchen vor Gericht gehen. Verurteilt ist bisher zwar noch niemand, doch die Öffentlichkeit hat Lively längst zur «Bitch» abgestempelt. Auch, weil sie den Film, in dem es eigentlich um häusliche Gewalt geht, irrsinnigerweise als «perfekten Mädelsabend» vermarktete.

Ob sie sich davon erholt, ist ungewiss. Werden Frauen also eher gecancelt? Männern scheint man jedenfalls mehr durchgehen zu lassen. Nicht nur im Fall von Kanye West.

Chris Brown verprügelte 2009 bekanntlich seine Ex-Freundin Rihanna und beging seither diverse andere Straftaten, inklusive sexueller Belästigung und Waffengewalt. Trotzdem hat er über 100 Millionen Instagram-Follower, die fröhlich zu seinen Konzerten pilgern.

Chris Brown geht demnächst mit Sänger Usher auf Tour, nachdem er zuletzt immer wieder vor Gericht stand.
Bild: Neil Hall

Regisseur Roman Polanski vergewaltigte 1977 ein 13-jähriges Mädchen und flüchtete danach aus den USA nach Frankreich. Trotzdem blieb er erfolgreich und gewann 2003 einen Oscar. Den konnte er wegen des ausstehenden Haftbefehls zwar nicht persönlich entgegennehmen, doch eine Standing Ovation gab es trotzdem.

Roman Polanski wurde für seine Tat nie bestraft, stattdessen reissen sich Schauspieler darum, mit ihm zu arbeiten.
Bild: Julien De Rosa

Und dann hätten wir natürlich noch Donald Trump, der zwar als Straftäter verurteilt, aber trotzdem zum US-Präsidenten gewählt wurde. Zweimal. Keiner von ihnen wurde gecancelt. Das scheint nur zu passieren, wenn man wie R. Kelly oder Bill Cosby tatsächlich hinter Gittern landet.

Donald Trump ist wohl das berühmteste Beispiel, mit wie viel man tatsächlich durchkommen kann, wenn man nur berühmt genug ist.
Bild: Julia Demaree Nikhinson

Warum passiert das weiblichen Promis also auch ohne Straftat? Vermutlich, weil hinter den Kulissen mehrheitlich Männer am Drücker sind. Ausserdem ächtet die Gesellschaft Frauen gerne, wenn einem etwas an ihr nicht passt. Trotzdem ist das Ganze nicht ausschliesslich eine Frage des Geschlechts.

Geld entscheidet – nicht Moral

Rapperin Cardi B gab offen zu, dass sie früher Männer unter Drogen setzte, um sie auszurauben. «Ich tat, was ich tun musste, um zu überleben», sagte sie. Und J.K. Rowling suhlt sich trotz umstrittenem Kreuzzug gegen Transmenschen in ihrem Reichtum, der dank der neuen «Harry Potter»-Serie weiterwächst.

J.K. Rowling hat ihr Vermächtnis zwar zerstört, doch der Rubel rollt noch immer.
Bild: Evan Agostini

Was ist also der Unterschied zu Blake Lively? Im Gegensatz zu Kanye und Co. war sie nie ein Superstar. «Gossip Girl» bleibt bis heute ihr wohl grösster Erfolg. Hinzu kommt, dass Produzenten und Geldgeber in ihr ein Risiko sehen, das einem Film schaden könnte. Es geht also auch darum, wie viel Geld man mit einem Star verdienen kann.

So scheffelt Kanye West nicht nur für sich Geld, sondern sichert vielen anderen Menschen ihr Einkommen. Genau das ist der Punkt: Während er sich dafür entschuldigte, sich wegen einer manischen Episode danebenbenommen zu haben, gab es viele Menschen, die seine Hakenkreuz-Shirts verkauft und einen «Heil Hitler»-Song produziert haben. Sie hatten dabei keine mentalen Probleme und haben das fröhlich zugelassen.

Die Sache mit der Cancel Culture ist ein Witz. Solange ein Star berühmt genug ist oder ein heissgeliebtes Werk geschaffen hat, ist er unantastbar. Ob man wirklich gecancelt wird, ist am Ende vor allem eine Frage des Geldes. Aber ob man die Musik von jemandem hört, der sich als Nazi bezeichnet und danach «Sorry» sagt, oder den Film von jemandem schaut, der möglicherweise falsche Anschuldigungen macht, bleibt jedem selbst überlassen.

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