Theater

Wenn der Verstand verglüht - dieser Schweizer Nobelpreiskandidat hat es beschrieben

Der bestürzende Heimatabend «Ewige Sonne»  zeigt an den Bühnen Bern die prophetische Kraft von C.F. Ramuz

Es geschieht tatsächlich bei uns? «In unserem guten, kleinen Land, man konnte es nicht glauben, weil es doch hier so ruhig schien». Doch genau hier geschieht es, in der Schweiz. «Das Seewasser hat die Farbe von schwarzer Erde, die Kieselsteine sind heiss wie Bügeleisen», so beschrieb der Waadtländer Schriftsteller C.F Ramuz (1887- 1947) – mit Blick auf den Genfersee - das Ende der Welt: Die Erde ist im Begriff, in die Sonne zu stürzen. Alles Leben verglüht. Etwas mehr als 100 Jahre alt ist der Text, er liest sich wie eine Prophezeiung.

Etwas mehr als 160 Minuten ist in den Vidmarhallen in Bern Zeit für das grosse Sterben. Die Bühne (Karoly Risz) ist ein Baukasten von gletscherblauen Kuben, ein Wasserschloss oder Gletschergewölbe, unmenschlich eckig und kalt. «Alles ist in Bewegung», konstatieren die Spieler und illustrieren das mit Betriebsamkeit. Elemente der Bühne werden mal dahin, mal dorthin verschoben, doch überall sind sie am falschen Platz: Bergflanken erzittern, Eis bricht, die Erde ist für die Menschen lebensfeindlich geworden.

Zu wenig mehrheitsfähig für den Literaturnobelpreis?

Es verglüht der Verstand, dann erst der restliche Mensch, vorher aber wird er zum Stammeskrieger und bekämpft den Nachbarn. Der Bühnentod dauert lang, und bisweilen sind Ramuz’ Sätze das Opfer choreografierter Unruhe. Schade eigentlich.

Doch wer am Wochenende das Weltende – und die Widergeburt - von sieben Spielerinnen und Spielern vorgeführt bekam, dem wird eingebrannt: Den Autor, der sich das ausgedacht hat, muss man wieder lesen. Er wurde in den letzten Jahren vor seinem Tod mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, vergeblich.

«Ewige Sonne» heisst in Bern der eiskalt glosende Abend. Den Erfolg verantworten - der Publikumsapplaus nach fast drei Stunden sprach eine hörbare Sprache - vor allem Regisseur Tilmann Köhler und Dramaturgin Felizitas Zürcher. Mit einem kongenialen Trick haben sie ihre Fassung erstellt und verweben die beiden fast zeitgleich entstandenen Romane «Sturz in die Sonne» und «Dorf im Himmel» zu einem einzigen Stoff.

Nach dem Höllensturz im ersten Teil (von Ramuz im Hitzesommer 1921 verfasst), er ist mehr Sprechoper denn Drama, folgt nach einer dringend notwendigen Atempause Teil zwei: «Dorf im Himmel» beschreibt nach der Apokalypse die Utopie, die Paradiesvorstellung der Menschen eines kleinen Bergdorfes.

Auferstehung also, das Ensemble spricht und spielt zunächst chorisch: «Sie steigen wieder aus ihren Löchern, alles ist möglich, und von allen Jahreszeiten ist nur noch die schönste geblieben. Nichts fehlt ihnen mehr, «es fehlt nur, dass sich etwas ändert.» Und weil das ewige Glück wie das ewige Leben unerträglich ist, wird das vermeintliche Paradies erst wirklich zu einem solchen, als – die Ziegen der Bauern - in einer Schlucht die Hölle entdecken. Vergänglichkeit als Voraussetzung für das Glück.

Lesen, lesen, weiterlesen

Das Ensemble als mähende, mampfende, maulenden Ziegen, das ist Theater! June Ellys Mach als Blanche ist die frechste; Jan Maak kann sein komisches Talent ausspielen, wenn er sich an seine steifen Beine von früher erinnert; die Kindsmörderin findet ihr Kind wieder lebendig vor, alte verloren gegangene Liebende finden sich neu.

Man ist froh über die Wende von einem streng choreografierten, formalen Spiel ins Individualisierte, Dramatische, ins Biografische der Menschen. Noch glücklicher aber macht der Umstand der Wiederentdeckung von Ramuz. Er ist nicht nur der Autor zur Klimawende, sondern auch der Künstler, der auf seine Weise eine Entgegnung darauf hat. Lesen heisst seine Antwort, lesen trotz allem!

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