Was macht ein gutes Kinderbuch aus?
Dörte Horn: Es gibt einen ganz einfachen Test: Will das Kind weiterblättern? Kinder sind gnadenlos ehrlich. Wenn ihnen ein Buch nicht gefällt, nehmen sie es nicht mehr in die Hand. Bei guten Büchern ist es genau das Gegenteil: Die Kinder lieben die Welt darin so sehr, dass sie immer wieder dorthin zurückkehren wollen. Kinder verlieben sich nicht zuerst ins Lesen, sondern in eine Geschichte und ihre Figuren.
Gibt es ein Rezept für Figuren oder Geschichten, in die sich Kinder verlieben?
Es gibt nicht die eine Figur oder die eine Geschichte, die für alle funktioniert. Es kommt auf das Kind an. Mein Sohn liebte Bagger Ben, andere Kinder lieben Prinzessin Lillifee. Aber eine gute Geschichte nimmt Kinder mit in eine andere Welt. Eine Welt, die anders ist als die der Erwachsenen.
Moderne Kinderbücher haben häufig einen belehrenden Unterton, wollen Botschaften vermitteln. Wie sehen Sie das?
Natürlich dürfen Bücher Werte wie Freundschaft oder Gerechtigkeit vermitteln. Aber Kinder brauchen weder politisch korrekte noch unkorrekte Geschichten. Sie brauchen gute Geschichten. Pippi Langstrumpf war doch gerade deshalb faszinierend, weil sie wild, selbstständig und völlig unvernünftig war.
Wie halten Sie es persönlich mit der Moral in Ihren Büchern?
Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären: Im neuen Bagger-Ben-Buch fährt Ben ans Meer und trifft dort ein U-Boot in Not. Dabei überschreitet er eine Grenze: Er macht etwas kaputt, um dem U-Boot helfen zu können. Darüber haben wir lange diskutiert: Er macht schliesslich fremdes Eigentum kaputt – darf man das so in einem Kinderbuch schreiben? Wir haben uns bewusst dafür entschieden. Natürlich gibt es eine Figur, die schimpft und sein Verhalten nicht gut findet. Aber wir wollten keinen pädagogischen Zeigefinger. Ausserdem reparieren Bagger Ben und seine Freunde den Schaden dann am Schluss auch – es ist ja schliesslich ein Buch mit Baustellenfahrzeugen.
Wir führen dieses Gespräch ja auch, weil die Lesekompetenzen bei Jugendlichen abnehmen. Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Kinder lesen lernen – die Eltern oder die Schule?
Beide. Die Liebe zu Büchern kann sehr früh zu Hause entstehen. Eltern können ihren Kindern vermitteln, dass Bücher zum Leben gehören, dass sie Ruhe schenken und Freude machen. Aber nicht jedes Kind hat zu Hause dieselben Voraussetzungen. Die Schule wiederum vermittelt Lesen als Technik, um sich Wissen anzueignen. Und ich finde, die Schulen machen in der Schweiz vieles richtig. Sie gehen mit den Kindern in Bibliotheken und vermitteln ihnen den Zugang zu Büchern.
Was raten Sie Eltern, die sagen: «Mein Kind will einfach nicht lesen»?
Zuerst würde ich fragen: Will das Kind wirklich nicht lesen – oder will es einfach nicht das lesen, was die Eltern ausgesucht haben? Man muss herausfinden, was das Kind interessiert. Eltern sollten ihre eigene Vorstellung von «guter Literatur» nicht durchsetzen wollen. Sondern offen dafür sein, was die Kinder lesen möchten. Wenn ein Kind Comics verschlingt, kann man doch nicht sagen, es lese nicht. Natürlich liest es! Nur eben etwas anderes, als die Eltern vielleicht erwarten.
Sie selbst schreiben ja Vorlesebücher für Kleinkinder. Lesen Ihre Kinder, die unterdessen Teenager sind, noch?
Beide lesen noch gern. Aber meine Tochter liest selektiver. Sie hat sich zum Geburtstag einen riesigen «Vogue»-Bildband gewünscht. Sie schaut die Vogue-Cover an, liest die dazugehörigen Texte und verbringt viel Zeit damit, Dinge daraus abzuzeichnen. Auch das ist eine Art des Lesens. Als Eltern sollte man nicht sagen: «Du hättest dir lieber Goethe wünschen sollen.» Mein Sohn begann irgendwann, Mangas zu lesen. Ehrlich gesagt dachte ich anfangs auch: Das ist doch kein richtiges Buch! Heute sehe ich das anders. Er hatte ein Buch in der Hand und hat gelesen. Das ist entscheidend.
Also haben Sie selbst als Mutter dazugelernt?
Absolut.
Kinder wachsen heute mit YouTube, TikTok und Games auf. Kann ein Buch da überhaupt noch mithalten?
Ich finde gar nicht, dass Bücher mit Social Media konkurrieren. Sie bieten etwas völlig anderes. Gerade bei kleinen Kindern geht es beim Vorlesen um Nähe. Man schafft ein Ritual. Die Mutter oder der Vater legt das Handy weg, setzt sich eine halbe Stunde mit dem Kind aufs Sofa und liest vor. Das Lieblingsbuch wird zu einem vertrauten Gegenstand, den das Kind überallhin mitnimmt. Wenn Kinder diese positiven Gefühle früh erleben, erinnern sie sich später daran. Sie denken: Es war immer schön, wenn mir vorgelesen wurde. Genau deshalb müssen Bücher nicht zwingend gegen digitale Medien antreten. Sie erfüllen einen ganz anderen Zweck.
Können Sie sich an das Buch erinnern, das Sie fürs Lesen begeistert hat?
Das waren die Geschichten von Astrid Lindgren. Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Die Kinder von Bullerbü. Das waren starke Kinder, die Dinge erlebt haben, die in meiner eigenen Welt so nicht möglich waren. Diese Geschichten haben mich komplett mitgerissen. Ich wollte auch solche Abenteuer erleben und so frei sein. Genau deshalb sage ich: Ein gutes Kinderbuch braucht keinen pädagogischen Auftrag. Es muss Kinder in eine andere Welt tragen. Wenn einem Autor das gelingt, dann hat er vieles richtig gemacht.
Gibt es ein Kinderbuch, von dem Sie sagen würden: Das sollte jedes Kind gelesen haben?
Nein, ich kann nur mein persönliches Lieblingsbuch nennen. Es steht bis heute auf meinem Nachttisch: «Der kleine Esel Benjamin». Es erzählt von einem kleinen Mädchen und seinem Esel, die sich verirren. Am Ende bringt der Esel das Mädchen wieder nach Hause. Dass ich mich Jahrzehnte später noch an das Gefühl beim Lesen erinnere, zeigt, worum es eigentlich geht. Lesekompetenz ist wichtig. Aber damit ein Kind freiwillig liest, braucht es auch eine Liebe zu Büchern und Geschichten.
Das heisst, Lesen beginnt mit einem Gefühl?
Am Anfang geht es vor allem um Nähe, Geborgenheit und schöne gemeinsame Momente. Das ist meiner Meinung nach der Auftrag, den wir Eltern haben.



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