
Erst kürzlich haben Firmen Alarm geschlagen: Ein Grossteil stellt erhebliche Defizite im Bereich der Grundkompetenzen ihrer Lernenden fest. Nun liegen die Pisa-Ergebnisse vor: International ist die Schweiz Musterschülerin. Ist also alles gar nicht so schlimm?
Christophe Darbellay: Man muss es differenziert betrachten. Die Schweiz schneidet international gut bis sehr gut ab. Bei den Naturwissenschaften und beim Problemlösen sind wir zum Beispiel in den Top vier der für uns relevanten Vergleichsländer, bei der Mathematik gehören wir zu den Top zehn aller Länder weltweit. Das lässt sich wirklich sehen. Es gibt allerdings ein grosses Aber: Das Niveau der Schweizer Schülerinnen und Schüler sinkt kontinuierlich. In den letzten zehn Jahren ist das Leistungsniveau der Schweizer Schülerinnen und Schüler am Ende der Schulzeit um rund ein Schuljahr gesunken. Das ist besorgniserregend.
Vor allem bei den Grundkompetenzen Mathematik und Lesen sinken die Leistungen der Schülerinnen und Schüler kontinuierlich. Verlieren die Schweizer Schulen an Qualität?
Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung. Wir haben vor allem ein Problem bei den leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler. Es ist immer die gleiche Feststellung: Jugendliche, die aus sozial schwachen Schichten kommen oder zu Hause nicht die Schulsprache sprechen, haben geringere Chancen auf ein gutes Resultat. Da müssen wir weitere Massnahmen ergreifen.
Was schlagen Sie vor?
Neben der generellen Lese- und Sprachförderung in der Schule ist die frühe Sprachförderung - also vor dem Schuleintritt - von Bedeutung. Insbesondere die frühe Sprachförderung ist sehr wichtig, um herkunftsbedingte Defizite möglichst vor Beginn der schulischen Laufbahn zu vermindern. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den spät zugezogenen Kindern und Jugendlichen.
Fordern Sie eine Pflicht?
Ja, die frühe Förderung muss für alle Kantone Pflicht werden. Es kann nicht sein, dass wir immer wieder das gleiche Problem feststellen und dann nichts dagegen machen. Unschlüssig bin ich in Bezug auf die soziale Herkunft: Auch diese Schülerinnen und Schüler sind oft schwächer. Aber wie fördern wir sie, ohne Kinder zu stigmatisieren? Wir können Klassen nicht nach dem Einkommen der Eltern separieren.
Mittlerweile sind 28,8 Prozent der Jugendlichen leistungsschwach im Lesen. Wie erklären Sie sich, dass im Schweizer Bildungssystem fast jeder dritte 15-Jährige nicht mehr richtig lesen kann?
Der Umgang mit der Gruppe von leseschwachen Jugendlichen bleibt für die Schulen eine ständige Herausforderung. Die Jugendlichen sind kaum mehr mit längeren Texten konfrontiert. Sie schauen TikToks und sind auf Instagram, lesen dort zwei, drei Sätze und sonst nicht viel. Wenn es gut kommt, lesen sie noch 20 Minuten. Umso mehr muss sich die Schule auf die Grundkompetenzen zurückbesinnen. Die Forderungen an unsere Schulen gehen in alle Himmelsrichtungen. Am Ende aber müssen die Schülerinnen und Schüler lesen, schreiben und rechnen können.
Braucht es wieder mehr Drill in den Schulen?
Es braucht eine stärkere Fokussierung auf die Grundkompetenzen. Früher hat man mehr auswendig gelernt, heute arbeiten die Schulen kompetenzorientiert. Der richtige Weg liegt möglicherweise irgendwo dazwischen.
Die integrative Schule steht immer wieder in der Kritik. Kürzlich hat eine Umfrage des Schweizer Lehrerverbands gezeigt, dass die Hälfte der Lehrer die integrative Schule kritisch sieht. Müsste man auch hier ansetzen?
Die integrative Schule ist ein guter Weg, kann aber nicht um jeden Preis die Lösung sein. Bei jedem Fall muss einzeln geprüft werden, ob eine Integration sinnvoll erscheint oder ob eine Platzierung in einer Einrichtung angemessener ist. Und damit die integrative Schule funktioniert, müssen entsprechende Mittel vorhanden sein: genügend Lehrpersonen, Weiterbildungen und finanzielle Ressourcen. In der Schule stellen heutzutage allerdings Verhaltensauffälligkeiten eine grössere Herausforderung dar als Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen.