Wir sind ständig erreichbar und immer seltener wirklich anwesend. Wir wissen mehr denn je und finden keine Ruhe, um zu begreifen, was dieses Wissen mit uns macht. Wir sind globale Nomaden und fühlen uns beziehungslos und erschöpft.
Und dann kommt die Kunst. Sie unterbricht diesen Kreislauf und gibt uns zurück, was die Erschöpfung uns nimmt. Denn wir leiden nicht an einem Mangel an Energie, sondern an einem Mangel an Empfindungsfähigkeit. Kunst macht uns berührbar, sie lehrt uns, offen zu sein für unsere Wahrnehmung.
Top-Galerien sind Handelsimperien
Doch wo lernen wir, dass Kunst dieses Potenzial besitzt? Wer nimmt uns an die Hand und führt uns an Kunst heran? Erwiesenermassen geschieht das in der Schweiz nicht dort, wo jährlich um Millionenpreise gepokert und mit Kunstwerken gezockt wird. Dort, wo das Preisschild über die Qualität entscheidet. Kunstvermittlung leistet nicht die Art Basel, grosszügig gesponsert von der UBS – und den Basler Steuerzahlern –, bei der vor allem einer profitiert: Ihr Mehrheitsaktionär, Investor James Murdoch in New York.
Natürlich verdient an der grössten Kunstmesse der Welt auch die Spitze der internationalen Top-Galeristen. Sie sind Handelsimperien. Die Global Player wie die Schweizer Galerie Hauser & Wirth generieren einen Jahresumsatz bis zu einer Milliarde Franken. In dieser Liga steht Kunst für nichts anderes als monetäres Investment.
Die Verlierer der Marktkonzentration sind die kleinen und mittleren, die idealistischen Galerien der Schweiz, die von der Art Basel ausgeschlossen sind. Seit neustem sitzt in der Jury, die über die Zulassung zur Messe bestimmt, keine Schweiz-Vertretung mehr.
Die Galerie ist Anwalt der Künstler
Doch ohne Schweizer Programmgalerien gibt es keine Schweizer Kunst. Sie zeigen die Werke nicht ausschliesslich, um sie zu verkaufen. Sie bauen ein künstlerisches Programm auf, begleiten ihre Künstlerinnen und Künstler langfristig und versuchen, ihre Werke bekannt zu machen.
So war es etwa die Basler Galerie Stampa, die Anfang der 1990er Jahre in der Schweiz als erste auf die Kunst von Pipilotti Rist gesetzt hat. Diego und Gilli Stampa richteten in der Basler Altstadt Ausstellungen aus, boten ihnen öffentliche Aufmerksamkeit und professionellen Support. Erst damit gelangte Rist auf den Radar internationaler Museen.
KI ist die neue Pseudo-Autorität
Doch das Geschäftsmodell der Kunstvermittlung, wie sie Programmgalerien leisten, ist bedroht. KI und die Globalisierung stellen deren Existenzberechtigung infrage. Künstliche Intelligenz als Pseudo-Autorität macht aus allen und jedem einen Kunstexperten. Andererseits setzt die Globalisierung Galerien zu, weil Menschen immer seltener Kunst in der Nachbarschaft kaufen: Im Netz steht ihnen der ganze Weltmarkt zur Verfügung.
Interessierte besuchen stattdessen Events wie Kunstmessen. Die Bedeutung von Messen ist für Künstlerinnen und Künstler essenziell geworden. In der Schweiz gilt das insbesondere für den Art Salon Zürich, eine Messe ganz in Schweizer Hand. Auf dem ehemaligen Gelände der ABB beim Bahnhof Zürich-Oerlikon beteiligen sich dieses Jahr 32 internationale Galerien.
Der Art Salon ist eine Entdeckermesse und wendet sich an Neugierige jeden Vorwissens, die sich in der Gegenwart von Kunst ganz einfach besser fühlen als fern von ihr. Hier findet der Einsteiger, die Interessierte junge, zeitgenössische Positionen.
Die Zocker bestimmen den Kunsthandel
Ihr Gründer und Direktor ist der Präsident des Verbands Schweizer Galerien, Fabian J. Walter. Er vertritt die Überzeugung: «Der kleinste Teil der Bevölkerung will mit Kunst zocken. Die Mehrheit kauft Kunst aus Begeisterung.»
Und recht hat er. Kunst ist begeisternd, denn sie erlaubt, sich in Beziehung zu setzen. Ein Bild verlangt von uns lediglich, auf unser Tempo zu drosseln und stehen zu bleiben. Fabian Walter meint: «Wir sind eine erschöpfte Gesellschaft und brauchen einen Ausgleich.»
In Zürich, dem wichtigsten Kunsthandelsplatz der Schweiz, funktioniert der Art Salon als Schule für die Augen. Auf unterschiedlichen Parcours kann man Skulpturen verstehen lernen oder auf Kunst treffen, die noch nie öffentlich gezeigt wurden. Ein weiterer Parcours versammelt tatsächlich Werke, die nicht teurer als 5000 Franken sind.
Bürgerliche Grosssammler des 19. Jahrhunderts haben mit ihrer Kunst gelebt. Das möchte im Grunde auch der moderne Mensch, glaubt Fabian Walter. Doch wo soll der nomadische Zeitgenosse Kunst beherbergen, wenn Wohnungen immer kleiner werden und man beständig seinen Lebensort wechselt? «Irgendwann braucht jeder Mensch ein Zuhause», meint Walter. Auch Kunst kann eine Heimat sein.
Halle 622, Therese Giehse-Strasse 10, Zürich, 22. bis 25. Oktober.



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