Ein gelber Mantel, ein roter Haarreif – und ein Gedicht, das Amanda Gorman über Nacht berühmt machte. Im Januar 2021 trat die damals 22-Jährige bei der Amtseinführung von Joe Biden ans Mikrofon. Zwei Wochen zuvor hatten Anhänger Donald Trumps das Kapitol gestürmt. Gorman sprach in ihrem Gedicht «The Hill We Climb» von einem Amerika, das nicht zerbrochen, sondern unvollendet sei. Mit viel Pathos garniert, ging es um Einheit, Demokratie und vor allem um Hoffnung.
Immer noch politisch
Fünf Jahre später ist Donald Trump wieder Präsident, die politischen Gräben in den USA sind grösser geworden. Gorman aber hält an ihrer Botschaft fest. Am kommenden Freitag kommt die inzwischen 28-Jährige ans Lucerne Festival. Und ausgerechnet in der gegenwärtigen politischen Lage wirkt der Optimismus, für den sie damals gefeiert wurde, fast noch bemerkenswerter.
Auch das Datum ihres Auftritts ist symbolträchtig: Gorman steht am 11. September im KKL auf der Bühne, genau 25 Jahre nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon. Damit bekommt ihre Botschaft von Hoffnung und Zusammenhalt an diesem Abend zusätzliches Gewicht. Ihr Auftritt fügt sich zugleich in das diesjährige Festivalmotto «American Dreams» ein. Ein Motto, das angesichts der politischen Lage in den USA beinahe provokant wirken kann.
Ein sehr passender Gast
Festivalintendant Sebastian Nordmann sieht gerade darin einen Auftrag für die Kultur. «Wenn wir kulturinstitutionell nicht relevant sind, dann werden wir kommerziell und unwichtig», sagte er im August im Interview mit «Schweiz heute». Kultur müsse «Brücken bilden» und den Kontakt aufrechterhalten.
Diesen Anspruch verkörpert Gorman wie kaum eine andere Künstlerin des Festivals. Ihre Poesie ist politisch und setzt einer zunehmend gespaltenen Gegenwart Hoffnung entgegen.
In der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» (FAS) sagt sie, sie wolle mit ihrer Kunst Menschen erreichen und Verbindungen schaffen – auch über unterschiedliche Überzeugungen hinweg. «The Hill We Climb» entstand in einem Moment der Krise. Nun soll dieser Gedanke musikalische Gestalt annehmen.
Ein ungewöhnliches Duo
In Luzern trifft Gormans politische Poesie auf mehr als 300 Jahre alte Musik. Gemeinsam mit dem Cellisten Jan Vogler verbindet sie unter dem Titel «An Evening of Poetry and Bach» drei Bach-Suiten mit fünf eigenen Texten, darunter «The Hill We Climb». Teilweise spricht sie direkt in die Musik hinein. Die ungewöhnliche Verbindung soll, wie die beiden der FAS sagen, Grenzen zwischen den Kunstformen überwinden.
Vielleicht bleibt es für Gorman nicht bei politischer Poesie. Der FAS sagte sie, sie würde «sehr gerne Präsidentin der Vereinigten Staaten werden». Noch ist die 28-Jährige zu jung, das Mindestalter beträgt 35 Jahre.
Mindestens bis dahin bleibt ihr die Poesie. Am Freitag bringt sie diese nach Luzern – an einem Tag, der wie kaum ein anderer dafür steht, wie schnell sich eine Welt verändern kann.
«An Evening of Poetry and Bach»,
Freitag, 11. September, 19:30 Uhr, KKL Luzern



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