IHZ-Wirtschaftsforum

Kurze Hosen und fliegende Gäste: Am Zentralschweizer Wirtschaftsforum wurde «einfach mal gemacht»

Hunderte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft trafen sich am Zentralschweizer Wirtschaftsforum auf dem Pilatus. Dieses Jahr mit einem Schuss Pragmatismus.

Man könnte meinen, Geschäftsführer und Managerinnen sind nicht die spontansten Menschen. Doch weit gefehlt. Als Moderator Michael Rauchenstein am Zentralschweizer Wirtschaftsforum auf dem Pilatus das Publikum fragte, wer denn in einer Viertelstunde einen Tandem-Gleitschirmflug absolvieren möchte, hoben sehr viele die Hand. Eine der Anwesenden durfte schliesslich abheben.

«Mach's eifach! Mehr Pragmatismus für die Zentralschweiz» lautete das Motto der sechzehnten Ausgabe des Forums der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz IHZ. Gegen 300 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wollten sich die diesjährige Ausgabe nicht entgehen lassen – trotz oder gerade wegen des Prachtwetters.

Mehr Pragmatismus bedeutet im Umkehrschluss weniger Schwerfälligkeit, weniger Diskussionen. Und vor allem auch weniger Regulierung. Es ist ein Mantra der Wirtschaft, die überbordende Bürokratisierung anzuprangern. Das Zelebrieren der Spontaneität kann auch eine Art Wink mit dem Zaunpfahl an die Amtsstuben-Bürokraten sein: Hört her, wir wollen keine Vorschriften!

Wenn Spontaneität Leben rettet

Am Eröffnungspodium nahmen Thermoplan-Chef Adrian Steiner, Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl sowie Katharina Gasser, Roche-Schweiz-Chefin und Präsidentin der Zuger Wirtschaftskammer, teil. Wie sich zeigte, schätzen alle drei ein gesundes Mass an Pragmatismus und Spontaneität in ihrem beruflichen Alltag. Katharina Gasser sprach von «Agilität im Kopf» und davon, dass es viel schlimmer sei, nicht zu entscheiden, statt falsch zu entscheiden. Adrian Steiner, der seit kurzem auch IHZ-Präsident ist, offenbarte, regelmässig zu improvisieren. Zum Beispiel letztes Jahr, als US-Präsident Donald Trump mit seinen Zöllen für eine Achterbahnfahrt sorgte.

Doch Regeln brauche es natürlich schon, da waren sich alle einig. «Als Leitplanken, um gleich lange Spiesse im In- und Ausland zu haben», sagte Monika Rühl vom Dachverband Economiesuisse. Diese Regeln kämen direkt von der Politik oder stünden in Verträgen, etwa in Freihandelsabkommen.

Solche Abkommen würden gewisse Politiker in letzter Zeit aber nicht immer respektieren, sagte Rühl, und meinte damit Donald Trump. «Der US-Präsident hat die Schweizer Wirtschaft in ein Dauer-Trainingslager in Sachen Unsicherheit geschickt.» Auf Unsicherheit müsse man eben mit Pragmatismus und Spontaneität reagieren. Katharina Gasser von Roche sagte gar, sie habe «wahnsinnig gerne» Unsicherheit. Im Laufe ihrer Karriere habe sie einen sicheren Arbeitsplatz aufgegeben, um zu einem Start-up zu wechseln – doch dieses scheiterte. «Aber ohne diese Erfahrung wäre ich jetzt nicht hier», so Gasser. Für Lacher sorgte Steiner, als er sagte, auch bei einer Heirat müsse man ein Stück weit mit Unsicherheit umgehen. «Und trotzdem machen es so viele.»

Dass Spontaneität auch mal Leben retten kann, hatte im Vorfeld Herzchirurg Thierry Carrel in seinem Eröffnungsreferat aufgezeigt. 2012 verwendete er bei einem todkranken Kind eine Maschine, die noch nicht zugelassen war – und rettete ihm so das Leben. Pharma-Managerin Katharina Gasser erzählte, wie sie kürzlich an einem Wochenende beim Wandern einen Anruf entgegennahm und spontan entschied, einem Baby ein teures Medikament abzugeben, obwohl die Finanzierung noch nicht gesichert war. Berufsmilitärpilotin Susanne Siegenthaler zeigte in ihrem Referat auf, wie sie 2019 am World Economic Forum bei einem pannenreichen Flug Entscheidungen fällte, die vielleicht in einer legalen Grauzone waren, sich am Ende aber als richtig entpuppten.

«Für uns ist das eine Katastrophe»

Doch der Pragmatismus hat auch Grenzen. Katharina Gasser sagte, bei der Patientensicherheit gebe es keine Kompromisse. Auch Unternehmer Adrian Steiner wurde unmissverständlich, als ihn Moderator Michael Rauchenstein auf den Swissness-Fall von On ansprach. Zur Erinnerung: Bei der Debatte geht es um die Frage, ob der Schweizer Turnschuhhersteller seine Produkte mit dem Schweizer Kreuz schmücken darf, obwohl er in Vietnam produziert. «Für uns als Schweizer Hersteller ist das eine Katastrophe. Das hat nichts mit Pragmatismus zu tun», sagte Steiner.

Mehrfach fiel das Wort «Regulierungswahn». Monika Rühl von Economiesuisse sagte: «Warum wird reguliert? Es passiert etwas und man versucht dann, mit einer Regulierung vermeintliche Sicherheit zu schaffen. Doch hundertprozentige Sicherheit existiert nicht.»

Zum Ende des Podiums fragte Moderator Michael Rauchenstein die drei Anwesenden, welche Regel sie in ihrem Betrieb streichen würden. Gasser wünschte sich eine Änderung des Preisfindungsprozesses von Medikamenten. Für Monika Rühl von Economiesuisse war klar, dass die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung eine der lästigsten Regeln ist. Unternehmer Adrian Steiner stimmte dem zu, und auch das Publikum nickte fleissig mit. Die Arbeitszeiterfassung sei aber keine interne Regel, hakte der Moderator nach. So sagte Adrian Steiner: «Kurze Hosen sind bei uns im Verkauf nicht erlaubt. Man könnte das vielleicht diskutieren…»

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