Cornelia Bisch
Eine 150 Meter hohe Staumauer, im Vordergrund Erbauer und Regierungsrätin im Blitzlichtgewitter. Sie tönen wichtig: «Öppis wo blibt», will der Bauunternehmer Robert Räber der Nachwelt hinterlassen: «E Stausee – das git Energie!», ruft er aus und lässt sich von der Presse feiern. Dazwischen bruchstückhaft das Geständnis seines Handlangers wider Willen Thomas Zingg an seine Frau Nora.
Unheilschwangere Bässe. Plötzlich steht Zingg auf der Mauer, ein Schrei, ein Schreckmoment, lähmende Starre, eine Hand in Nahaufnahme, die sich vom Geländer löst. Dann Totenstille während des Falls, der unendliche 15 Sekunden dauert.
Die vierte und letzte Staffel der Schweizer Krimiserie Wilder wartet mit viel Spannung und einer kunstvollen Dramaturgie auf, die ihresgleichen sucht. Sie bildet einen würdigen Abschluss der Geschichte um die Kantonspolizistin Rosa Wilder (Sarah Spale) und den Bundeskriminalpolizisten Manfred Kägi (Marcus Signer).
Die düstere Atmosphäre, die in ihrer melancholischen Tristesse atemberaubenden Aufnahmen der verschneiten Innerschweizer Landschaft, die kernige, aufs absolut Notwendige reduzierte Sprache erinnern an die Stimmung nordischer Krimis von Henning Mankell oder Arne Dahl.
Ebenso spannungsgeladen die Handlung, ebenso konsequent verfolgt und finalisiert die einzelnen Erzählstränge. Es sind die ganz urmenschlichen Tatmotive vertreten: Gier, Betrug, Liebe, Eifersucht, die sich schliesslich gewaltsam entladen. Drehorte waren der Urnerboden und Glarus sowie die Zervreilasee-Staumauer in Vals (GR). Regie führte Claudio Fäh, der sich bereits mit verschiedenen Hollywood-Produktionen einen Namen gemacht hat.
Ein bisschen Mafia
Die Geschichte spielt in Rosa Wilders Heimatgemeinde Oberwies, einem fiktiven Ort irgendwo in Bern. Die ehemalige Kantonspolizistin ist mit ihrem Sohn Tim zu ihrem kranken Vater zurückgekehrt, um ihn zu unterstützen. Der Mord an einem Dorfpolizisten und der Selbstmord des Kieswerkinhabers Thomas Zingg werfen Fragen auf.
Kantonspolizistin Rosa Wilder übernimmt interimsmässig die Ermittlungen, unterstützt vom Bundeskriminalpolizisten Manfred Kägi. Das bewährte Duo legt Schicht für Schicht illegale Machenschaften im örtlichen Baugewerbe frei und deckt ein familiäres Drama um eine Geschwisterliebe auf, das während vieler Jahre im Verborgenen schwelte. Dabei geraten Rosas Sohn und ihr Vater in die Fänge eines skrupellosen Erpressers.
Sarah Spale und Marcus Signer scheinen mit ihren Figuren verwachsen zu sein. Es sind komplizierte Charaktere mit verschrobenem Charme und untrüglichem Instinkt. Beide schultern ihre eigenen, nicht eben leichten Rucksäcke, die sie manchmal fast zu Boden drücken. Dennoch versuchen sie, in jeder Situation ihr Bestes zugeben.
Komödiantisches Talent
Immer wieder blitzt guter, bodenständiger, hintergründiger Schweizer Humor durch die Dialoge, die mit einer herrlichen Palette an berndeutschen (Kraft-)Ausdrücken aufwartet, welche jeder «Schofsecku, Chnebugrend u Huere Siech» im täglichen Repertoir hat. Marcus Signer zeigt zwischendurch komödiantisches Talent etwa in Verbindung mit der Hassliebe, die Kägi zu seinem Adoptiv-Schosshündchen Henry empfindet, oder bei seiner Unfähigkeit, den Vornamen der Dorfpolizistin Birgit korrekt auszusprechen.
Daneben die müden, klugen, traurigen Augen und das immer leicht schräge, geduldige Lächeln von Sarah Spale alias Rosa Wilder, die – reizt man sie – auch mal ordentlich auf den Tisch hauen kann.
Herausragend sind die Nebendarstellenden Lukas Walcher als Elias Tanner und Sabine Timoteo in der Rolle von Nora Zingg, der Witwe des Selbstmörders. Ihr Ausbruch blanker Wut, der sich gegen den Baumagnaten Robert Räber richtet, ist hollywoodreif. Ebenso wie ihre Forderung, ihr das Kieswerk abzukaufen, die sie ihm in derart kalt schneidendem Ton und bebend vor Zorn ins Gesicht zischt, dass man unwillkürlich schaudert. Grandios.
Stiller Zeuge
Lukas Walcher, dessen tragische Figur durch einen Unfall – oder einen Schock? – die Sprache verloren hat, überzeugt durch sein eindringliches Minenspiel, musikalisch umrahmt von einer melancholischen Interpretation des alten Volksliedes Guggisbärg. Erst am Ende wird klar, dass er immer wieder ebenso beharrlich wie vergeblich auf den Schauplatz einer Familientragödie aus seiner Vergangenheit hindeutet.
Den Einstieg in jede der sechs Episoden bilden Albträume der Protagonisten, Hinweise darauf, in welch schauderhafte, menschliche Abgründe die Handlung führen wird. Die berauschend schöne Landschaft, mystische Musik, unorthodoxe Kameraeinstellungen und der Mut zur Stille tragen kontrastreich zur bedrückenden, spannungsgeladenen Filmatmosphäre bei.
Ein schlichtes Schlussbild: «Tschou Rosa», «Tschou Kägi». Der Abschied findet schliesslich doch nicht statt. Gemeinsam ziehen sie von dannen. Sie sind eben doch irgendwie Familie – Kägi, Rosa und der kleine Tim.
Hinweis
In dieser Serie stellen unsere Redaktorinnen und Redaktoren ihre liebste Serie vor.





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