«Weil die Stadt in einer Wüsten- und Steppenzone gelegen ist, gehören die Brände sozusagen zur Regenerierung der lokalen Vegetation. Darum müssen Hauseigentümer dafür sorgen, dass trockenes Gebüsch rund ums Haus immer zurückgestutzt und aufgeräumt ist.» Die Luzernerin Rahel Toens lebt mit Ehemann John und dem 19-jährigen Sohn Ian seit 2001 in Westchester, einem Stadtteil in Los Angeles. «Das Quartier scheint feuersicher», teilt sie uns per Mail mit.
Die aktuelle Situation ist aber nicht vergleichbar mit früheren. Der Titel des Songs «It Never Rains in Southern California» von Albert Hammond zeigt das Problem. «Dieses Jahr ist aussergewöhnlich, da es nicht wie im Vorjahr viel regnete, sondern extreme Hitze und Trockenheit herrscht. Das Feuer findet viel Nahrung und der starke Santa-Ana-Wind hat geholfen, dass es sich unglaublich schnell verbreiten konnte.»
Freunde bei sich aufgenommen
Sie ist dankbar, in einem Stadtteil zu leben, der – abgesehen von schlechter Luftqualität und Aschenregen – momentan nicht gefährdet ist. Viele Leute haben ihr Heim verloren, über 12'000 Gebäude wurden vom Feuer zerstört. «Wir haben eine evakuierte Familie von Topanga Canyon aufgenommen. Freunde, die zum Glück in Richtung Norden geflohen sind und Stau sowie Feuersturm auf dem Pacific Coast Highway umfahren konnten. Wir fiebern mit ihnen um ihr Haus, das in der Nähe vom beinahe komplett zerstörten Pacific Palisades liegt.» Der 17-jährige Sohn Logan sei Student an der Palisades Highschool, die verheerenden Schaden erlitten habe. «Noch vor einem Jahr haben unsere Freunde dort gelebt, ihr damaliges Haus ist nur noch Asche.»
Rahel Toens erlebt unendliche Solidarität von Nachbarn, Mitbetroffenen und Beistehenden, wie sie erzählt. Aber ebensolche Traurigkeit über den Verlust sowie Erleichterung, wenn man zu den Verschonten gehöre. Ein grosses Problem seien Plünderungen, trotz Abriegelung der Evakuierzonen. Manche sollen sich als Feuerwehrleute verkleiden und in leere Häuser einbrechen. Das weckt dann auch Wut und Frustration und es stellt sich die Frage, wie das passieren konnte. «Man ist doch gut vorbereitet, oder etwa doch nicht? Bis jetzt gab’s Wildfeuer nur in den Busch-Wäldern am Rand der Stadt. Wenn so etwas aber in Pacific Palisades passieren kann, wo die Reichsten wohnen, könnte es doch überall in Los Angeles geschehen», gibt sie zu bedenken. Als es den Anschein gemacht habe, dass sich das Feuer über Hollywood weiter in den Süden ausbreiten könnte, sei es unheimlich geworden. «Ich fragte mich: Wie evakuiert man eine Riesenstadt wie Los Angeles, wo würden wir alle hingehen?»
Feuer durch Freeway aufgehalten
Die Luzerner Schauspielerin Andrea Martina Isenschmid ist mit ihrem Mann am Mittwoch aus Glassell Park evakuiert worden. «Wir fuhren nach Big Bear, das zwei Stunden entfernt liegt, und später zur Familie meines Mannes im Norden», schildert sie ihre Flucht. Surreale Szenen hätten sich abgespielt: «Überall lagen Trucks seitwärts auf den Strassen, die vom Wind erfasst und gekippt wurden.»
Via Face Time teilte sie uns am Mittwoch mit, dass sie zurück wollen, ihr Haus sei nicht zerstört worden. Das wussten sie nach ihrer Abreise jedoch vorerst nicht. Ebenso wenig, wie es um ihr Wohnviertel steht. «Das Feuer näherte sich unserem Haus bedrohlich. Die Hoffnung war, dass der Brand vom nördlich gelegenen Freeway aufgehalten wird.» Die Strasse habe das Feuer tatsächlich gebremst. Die Lage sei dennoch unberechenbar. «Wir wissen noch nicht, wie weiter.»
Die ersten Vorboten der Katastrophe waren starke Winde am Dienstag. «Wir ahnten nicht, was diese bewirken können. Sie zerstörten unseren Sonnenschirm im Garten und wir hörten vom ‹Palisades-Fire› rund 45 Autominuten von uns entfernt. Wir dachten noch, wie schlimm das für die Leute dort sein muss. Wenig später wurde ein Feuer in unserer Nähe gemeldet, in einer völlig anderen Gegend.»
Mischung aus Panik und klarem Denken
Am nächsten Tag wurden sie von der «Evacuation Warning» auf dem Phone geweckt. «Wir wussten nicht, wo das Feuer ist und ob wir flüchten sollten oder nicht.» Ihre Gefühle beschreibt sie als eine Mischung aus Panik und klarem Denken. «Ich packte alte Fotoalben, eine Tasche mit Kleidern, den Schweizer Pass und das Portemonnaie ein. Zusammen mit unseren drei Hunden reisten wir ab. Mir wurde bewusst: So viel ist eigentlich gar nicht wichtig.»
Positiv überrascht war sie von der Solidarität in LA. «Es haben so viele Menschen ihr Heim verloren, aber ebenso viele bieten Hilfe. Hotels und Airbnb bieten Evakuierten gratis Unterschlupf und das Rote Kreuz organisierte Notunterkünfte. Der Zusammenhalt ist berührend», betont sie. Diese Aktionen überwiegen für sie neben unerfreulichen Dingen wie Plünderei und Vermietung von Zimmern und Wohnungen zu überrissenen Preisen. «Es gibt auch Leute, die die Lage ausnutzen. Abzocke und Grosszügigkeit liegen nahe beieinander.»




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