Warum der Luzerner Dialekt trotz vieler Modewörter erhalten bleibt

Ob aus dem Deutschen oder dem Englischen: Wir übernehmen immer mehr Fremdwörter. Verschwindet der Luzerner Dialekt dereinst? Nein, sagt Sprachwissenschafter Hans-Peter Schifferle. Dem Smartphone sei Dank.
Kartoffeln schälen heisst rund um Luzern und die Rigi im Dialekt «schelle», im Entlebuch «uusmache» und im übrigen Gebiet des Kantons Luzern «schinte». (Symbolbild: Jakob Ineichen)

Christian Glaus

Christian Glaus

Es ist zum «oliidig» werden: Ob «iichaufe», «shoppe» oder «Pferd» – immer mehr Fremdwörter finden Eingang in die Mundart. Gerade Leute, welche den Dialekt pflegen, reagieren «gätzig». Manche sehen gar unsere Mundart in Gefahr.

Verglichen mit den Nachbarkantonen Bern, Nid- und Obwalden ist der Luzerner Dialekt viel weniger auffällig. Sprachwissenschafter wie Hans-Peter Schifferle, Chefredaktor des Schweizerischen Idiotikons, zählen ihn zum Hochalemannischen. So fassen sie die Dialekte der nördlichen Hälfte der deutschen Schweiz als Einheit zusammen. Und weil der Kanton Luzern so ziemlich im Zentrum dieses Gebietes liegt, haben die hier gesprochenen Mundarten viele Gemeinsamkeiten mit den Nachbargebieten.

Ist also die Luzerner Mundart besonders bedroht, zumal sich die Dialekte aufgrund der Mobilität vermischen? Eine Frage, welche auch die Sprachwissenschafter beschäftigt. «Auch wer Luzern-Deutsch redet, spricht diese Sprache in einer globalisierten Welt», sagt Schifferle. Man orientiere sich sprachlich nicht mehr am Amt, also am Dialekt, der am Wohn- oder Heimatort gesprochen wird. «Diese kleinräumigen Kommunikationsgemeinschaften wurden durch neue, weiter reichende ersetzt, sie sind sozusagen historisch geworden», sagt Schifferle. Doch das sei kein Luzerner Phänomen und auch nicht nur das Schweizerdeutsch sei davon betroffen. Überall auf der Welt würden sich die Sprachformen verändern.

Junge sagen «Pet-Fläsche», Alte hören «Bett-Fläsche»

Besonders schnell wandeln sich unsere Mundarten. «Sie sind nicht normiert und auch nicht normierbar. Deshalb verändern sie sich schneller als die Hochsprache», erklärt Schifferle. Das werde oft negativ beurteilt und von Verlustängsten begleitet: «Die Alten sagen, wir verstehen die Jungen nicht mehr – und umgekehrt. Wenn die Jungen von ‹Pet-Fläsche› reden, hören die Alten ‹Bett-Fläsche›.» Man kann es aber auch positiv sehen: Weil die Dialekte ständig im Wandel sind und Neues integrieren können, sind sie nie «out». «Teenager, die auf dem Smartphone chatten, schreiben in Mundart. Auch deshalb ist das Aussterben des Dialekts vorläufig kein Thema.»

Für Leute, welche die ständige Veränderung des Dialekts als Bedrohung sehen, zeigt Hans-Peter Schifferle durchaus Verständnis. Trotzdem: Was wir heute als «gute Mundart» ansehen, ist relativ eng begrenzt durch unseren eigenen Erinnerungshorizont. «Es ist interessant: Gerade diejenigen, welche den Verlust von altem Wortgut am meisten beklagen, akzeptieren meist nur das als ‹richtig›, was sie noch selbst in ihrer eigenen Sprachkompetenz kennen. Sie lehnen alles ab, was sie nicht mit eigenen Ohren gehört haben, weil es vielleicht schon zu Urgrossvaters Zeiten verklungen ist.»

Auch viele Wörter, die wir ganz selbstverständlich als typisch schweizerdeutsch ansehen, sind erst in der jüngeren Vergangenheit – vor allem seit dem 18. und 19. Jahrhundert – aus anderen Sprachen zu uns gelangt. Dazu zählen viele Wörter aus dem Französischen und Englischen: «Schofför», «Gofere», «Kondukteur», «Boschettli», «Rüüscheli», «tschuute» oder «Tröpsli».

Dialekte sind in Deutschland ganz oder teilweise verschwunden

«Importe» von Fremdwörtern hat es also schon immer gegeben – «das gehört zum Menschen, der Kontakte pflegt, dazu», findet Schifferle. Und er geht noch weiter: «Importe sind unbedingt nötig. Sonst würde eine Sprache mit einer so überschaubaren Sprecherzahl, wie es das Schweizerdeutsche ist, zugrunde gehen, sozusagen erstarren.» Die Folge davon wäre, dass unsere Mundarten nicht mehr alltagstauglich wären. Dass Teenager keine Chatnachrichten mehr in Mundart schreiben würden. Beobachten lasse sich dies etwa in Frankreich und Deutschland, sagt Schifferle. Dort seien die Dialekte entweder schon ganz verschwunden oder sie hätten nur noch ganz eingeschränkte Einsatzbereiche. Für die moderne Alltagskommunikation werde nur noch die Hoch- oder Standardsprache verwendet.

«Unser Dialekt muss sich anpassen», betont Schifferle. Die Alternative wäre, dass man für jedes Phänomen, das wir von aussen kennen lernen, eigene Wörter erfinden müsste. «Das würde zu Sprachplanung und zu grosser Künstlichkeit führen. Und das würde so gar nicht zum Schweizerdeutschen passen.»

In einer Serie erklären wir typische und vielleicht längst vergessene Luzerner Ausdrücke. Beispiele nehmen wir gerne entgegen: dialekt@luzernerzeitung.ch

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