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Kreislaufwirtschaft

Vom geizigen Porschefahrer zum geretteten Schlitten: Wer am Samstag auf den Ökihof geht und was dort nichts verloren hat

Samstags herrscht Hektik auf dem Ökihof Göbli. Hier treffen Müllmuffel auf Recyclingenthusiasten.
Am Samstag herrscht Hochbetrieb auf dem Ökihof am Göbli.
Bild: Felix Ertle
(Zug, 16. 11. 2024)

Vom Kleiderschrank, so hoch wie eine Telefonkabine, bis zur Knopfzellenbatterie, so breit wie eine Bleistiftmine: Jedes Jahr landen auf den Zuger Ökihöfen über 50’000 Tonnen Abfälle und Wertstoffe. So schwer wie fünf Eiffeltürme. Fast drei Eiffeltürme davon werden aufbereitet und wiederverwendet. Früher oder später bringen fast alle Zugerinnen und Zuger ihre Wertstoffe hierher. Während einer den Gang zum Ökihof als notwendiges Übel betrachtet, sortiert eine andere mit Hingabe.

So auch am Samstagmorgen auf dem Stadtzuger Ökihof im Göbli. Über 30 Autos warten in der Einfahrt auf Einlass. Alle Parkplätze sind belegt. Plötzlich löst sich ein Porsche wummernd von der Spitze der Autokolonne. Der Fahrer steigt vor der Sperrgutabgabe aus und wirft eine Weinkiste weg. «Zwei Franken bitte», sagt der Recyclist hinter der Kasse. «Dafür zahl’ ich doch nichts», entgegnet der Porschefahrer. Er macht auf dem Absatz kehrt und braust mit seinem Porsche davon.

Der Recyclist Lotfi Oueriemmi fegt Scherben weg.
Bild: Felix Ertle

Solche Szenen erlebt Lotfi Oueriemmi ab und zu. Er ist seit über 20 Jahren fest beim Ökihof angestellt. Diesen Samstag ist er bereits seit 8.30 Uhr auf den Beinen, hilft den Besuchenden, die Wertstoffe korrekt zu sortieren – und sortiert im Anschluss selbst nochmals für eine möglichst hohe Recycling-Qualität. Der Recyclist sagt jedoch: «Die meisten Leute schätzen unser Angebot.»

Diese Stadtzugerin recycelt aus Überzeugung.
Bild: Felix Ertle

So wie eine Zugerin, die am Shredder steht und alte Geschäftsdokumente vernichtet. Darauf angesprochen sagt sie: «Wann immer möglich, bringe ich meinen Hausrat hierher, weil er hier recycelt wird. Ich bin ein grosser Fan der Kreislaufwirtschaft.» Die Zugerin komme fast wöchentlich hierher.

Ältere Damen bringen Munition

Trotz gutem Willen werfen die Besuchenden immer wieder etwas in die falschen Container. Lotfi Oueriemmi zählt die Klassiker auf. Erstens: Blechdosen landen im Altmetall statt in den dafür vorgesehenen Blechcontainern (bei Dosen wird die Zinnschicht während des Recyclingprozesses zuerst entfernt). Zweitens: Papiertaschen landen im Papiercontainer. Aufgrund eines chemischen Zusatzes für mehr Rissfestigkeit gehören sie zur Kartonage. Drittens: PET-Reinigungsmittelflaschen oder Kosmetikbehälter fliegen in die PET-Container. Dorthin gehören aber nur PET-Getränkeflaschen (der Inhalt von Reinigungs- und Waschmittelflaschen führt dazu, dass das hergestellte PET-Granulat nicht mehr lebensmitteltauglich ist).

Trotz PET-Zeichen (unten rechts) gehört die Reinigungsflasche nicht in den PET-Container.
Bild: Felix Ertle (Zug, 16. 11. 2024)
In den PET-Container gehören nur Getränkeflaschen.
Bild: Felix Ertle (Zug, 16. 11. 2024)
Ein alter Sessel im Sperrgutcontainer.
Bild: Felix Ertle (Zug, 16. 11. 2024)
Die Korken werden zum Basteln etwa an Werkstätten geschickt.
Bild: Felix Ertle (Zug, 16. 11. 2024)

Nach Neujahr bringen viele Menschen zudem ungenutzte Feuerwerkskörper und Böller zum Ökihof. «Manchmal kommen ältere Damen mit Patronen und anderer Munition zu uns», erzählt Oueriemmi. Die schickt er allesamt zur Polizei. «Alles, was explosiv ist, kommt zur Polizei.»

Familienvater rettet Schlitten

Am Vormittag stehen die Menschen mit ihrem Hausrat vor allen Stationen Schlange. Am Nachmittag entspannt sich die Lage. Der Parkplatz beherbergt nun vor allem Transporter. «Dann kommen die Zügler, nachdem sie ihre alte Wohnung ausgeräumt haben.»

Doch während die einen Neuanfänge feiern, nehmen andere Abschied. Ein Zuger entleert eine Kiste mit Wanderutensilien, Bildern und Dekoration. Alles Sachen seiner Eltern, die vor kurzem ins Pflegeheim mussten. Die Wohnung wurde soeben aufgelöst. Jedes Teil weckt Erinnerungen. Ihn schmerze es, heute hier zu sein. «Es zeigt mir, dass alles endlich ist», sagt er. Eine ältere Dame geht an ihm vorbei. Sie schiebt einen Einkaufswagen mit Gemälden. Ihr Mann ist gestorben und es ist Zeit für sie, nach vorne zu blicken. Allerdings will sie die Erinnerungsstücke nicht wegwerfen, sondern weitergeben – nebenan im Brockenhaus.

Die Erinnerungsstücke werden zum Brockenhaus gebracht.
Bild: Felix Ertle (Zug, 16. 11. 2024)
Ein Schlitten sollte in den Container und steht stattdessen auf der Brockenhaustheke.
Bild: Felix Ertle (Zug, 16. 11. 2024)
Geschirr bei der Porzellanabgabe des Ökihofs. Ab vier identischen, intakten Teilen können laut Brockenhausmitarbeiterin Teller und Schüsseln auch an der Brockitheke abgegeben werden.
Bild: Felix Ertle (Zug, 16. 11. 2024)

Ins Brockenhaus gelangen Kleidungs- und Einrichtungsgegenstände ohne Löcher und Risse, um zu günstigen Preisen neue Besitzer zu finden. Nicht selten schicken Angestellte des Ökihofs die Besuchenden dorthin. Die beiden Angebote ergänzen sich. Dennoch landen immer wieder intakte Gebrauchsgegenstände im Wertstoffcontainer.

Nahe der Sperrgutabgabe hält ein weisser Caddy. Ein Mann holt einen Holzschlitten mit kunstvoll gewölbter Nase aus dessen Kofferraum. «Meine Kinder sind damit 15 Jahre lang geschlittelt – in Andermatt oder in Engelberg», sagt er. Doch die Familie sei gewachsen. Im Fahrradkeller gebe es nicht mehr genügend Platz. Auf die Frage, warum er ihn nicht zum Brockenhaus bringt, antwortet er: «Hinten ist er angesägt, der wird wahrscheinlich nicht angenommen.» Doch er lässt sich auf das Secondhand-Experiment ein. Die Brocki-Annahmestelle nimmt den Schlitten ohne zu zögern an.

Ohne Ökihof wird es teuer

Zurück zum Ökihof: Seit seiner Gründung vor 30 Jahren durch den Zuger Ökopionier Emil Stutz kann die Zuger Bevölkerung im grossen Stil selbstständig wiederverwertbare Stoffe abgeben. Das Angebot findet Anklang. Allein die jährlich im Kanton Zug gesammelten Aludosen reichen von Zug nach Paris, wie ein Blick auf die Website der Zeba zeigt, dem Abfallzweckverband der Zuger Gemeinden.

Ökihofleiter Benno Zimmermann entleert Glas unter ohrenbetäubendem Lärm in den grossen, blauen Container.
Bild: Felix Ertle (Zug, 16. 11. 2024)

Und wenn es die Ökihöfe nicht mehr gäbe? «Dann würde alles verbrannt», sagt Ökihofleiter Benno Zimmermann. Er arbeitet seit der Gründung vor 30 Jahren auf den Wertstoffsammelstellen. In dem Albtraumszenario jeder Kreislaufwirtschaft würde ihm zufolge alles in den Gebührensäcken für Hauskehricht landen. Müll wie Wertstoffe würden dann ihre letzte Fahrt antreten – nach Perlen LU in die Kehrichtverbrennungsanlage.

Doch wie ein Leben ohne Ökihöfe aussähe, ist eine hypothetische Frage. Im Kanton Zug gelangen rund 58 Prozent der Abfälle ins Recycling, auch des Geldes wegen. Zimmermann sagt: «Ein Grossteil der Zuger Bevölkerung kommt zu uns, weil sie dann weniger im Güselsack hat.»

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